Full text: Hessenland (11.1897)

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sparen können, da nach allen vorliegenden Nach 
richten der Krieg so gut wie vorbei war? 
Anscheinend um ein Pflaster auf die dem Ba 
taillon geschlagene Wunde zu legen, gaben fast 
sämmtliche berittenen Offiziere, der Gouverneur 
an der Spitze, dem Bataillon das Geleite. 
Gesetztenfalls der Kurfürst hätte auch uns abge 
rufen — leider war sehr wenig Aussicht dazu —, 
ob man wohl auch uns entwaffnet hätte? — 
Wohl schwerlich, denn nach Abgang der Meininger 
betrug die Gesammtstärke der Besatzung noch 
13 000 Mann, von denen etwa 10 000 auf 
Kurhesfen kamen. Ein Versuch, die zu entwaffnen, 
'würde sich wohl als etwas gefährlich heraus 
gestellt haben und dürfte schwerlich unternommen 
worden sein. 
(Fortsetzung folgt.) 
Wein Stock. 
Ein Stück hessischen Kasernenlebens, von Ludwig Mohr. 
i 
(Fortsetzung. 
er Rittmeister warf schon aus einiger Ent- 
fernung einen seiner durchbohrenden Blicke zu 
^3. mir hin. Ich fühlte, er wollte in meiner Seele 
lesen. Meine Unschuld gab mir Muth; ich hielt 
nicht nur seinen durchbohrenden Blick aus, sondern 
trat mit dem Bewußtsein, nichts hinter mir zu 
haben, was mich im mindesten beschweren könne, 
auf ihn zu, machte vorschriftsmäßig Halt, legte 
die beiden ersten Finger der Rechten an den 
rothen Rand der Mütze, die andere Hand steif 
an die linke Hosennaht und fragte nach seinem 
Befehl. Noch einmal schaute er mich ernst 
forschend an. Mein Blick senkte sich um keine 
Linie, und als er nun sagte: „Sie sollen sich 
gegen Ihre Vorgesetzten durch Drohungen mit 
der Hand und in Worten vergangen und sie zu 
Thätlichkeiten gegen Sie gereizt haben", da fühlte 
ich aus dem Klange der Worte heraus, daß er 
den Anschuldigungen keinen Glauben schenkte. Das 
hob mir den Muth, und ich erzählte ihm ohne 
Rückhalt, wie es gekommen und geschehen wäre, 
indem ich jede Beschuldigung, wie die mir zur 
Last gelegten Widersetzlichkeiten mit Entrüstung 
von der Hand wies. Aufmerksam hörte mir der 
Rittmeister zu, und indem er mich mit einer 
Handbewegung zum Gehen aufforderte, sagte er 
zu mir: „Ich will hoffen, Hesse. — in ihrem 
Interesse hoffen — daß sich die Sache so ver 
hält, wie Sie sie mir dargestellt haben." 
„Ich habe die reine Wahrheit gesagt!" sprach 
ich noch, machte dann kehrt und ging in die 
Kaserne zurück. 
Kaum auf der Stube angelangt, wurde ich 
auf Wachtmeisters Stube befohlen. Ich ging 
und fand außer dem Wachtmeister noch den Es 
kadronsarzt dort gegenwärtig. Letzterer trat so 
fort auf mich zu und sagte: „Also Sie find der 
Garde du Corps Hesse, der die Treppe gemessen 
und sich beinahe den Schädel eingestürzt hat? 
Zeigen Sie doch einmal her!" 
„Die Treppe gemessen hat?" fragte ich auf 
gebracht. „Ich will annehmen, Herr Doktor, 
daß man sie unrichtig beschieden hat, und des 
halb lassen Sie sich sagen, daß ich nicht gestürzt, 
sondern von zweien meiner Vorgesetzten mißhandelt 
worden bin. Auch dürften Sie sich wohl eine 
jede ärztliche Untersuchung ersparen, nachdem der 
Herr Oberstabsarzt meine Behandlung selbst über- 
-nommen hat und die Sache soweit gediehen ist, 
daß es daran nichts mehr zu vermimpeln und zu 
vermampeln giebt, um sie in ein anderes Fahr 
wasser zu leiten." 
Sich also durchschaut zu sehen, machte den Mann, 
der keineswegs bei den Leuten beliebt war, die 
ihn nur den „Stecher" nannten, verlegen und 
mir ein längeres Verweilen peinlich; ich fragte 
deshalb den Wachtmeister, ob sonst noch etwas zu 
befehlen sei, und als er dieses verneinte, verließ 
ich das Zimmer und suchte meine Matratze wieder 
auf. Es summte und brauste mir im Kopse, 
und während ich mich mühte, einzuschlafen, war 
mir zu Muthe, als stände ich hoch oben an dem 
Aquädukte auf Wilhelmshöhe, dessen Wasser tosend 
in die Tiefe stürzten. Ich mochte so ungefähr 
eine Stunde halb schlafend, halb wachend geruht 
haben, da ries mich ein lautes Hurrah in die 
Wirklichkeit zurück. Jäh fuhr ich empor und 
hörte nun zu meinem nicht geringen Erstaunen, 
daß eine telegraphische Depesche die Nachricht von 
dem Friedensschlüsse von Villafranea zwischen 
Oesterreich und Frankreich gebracht, daß der 
Kurfürst befohlen habe, die hessische Armee sofort 
ans den Friedensfuß zu setzen und daß die Ent 
lassung der Reservemannschaften noch für den-
	        

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