Full text: Hessenland (11.1897)

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Straße vorgehenden baierischen Patrouille ein 
Mann trennte und über ein abgeerntetes Korn 
feld, worauf noch einige Garbenhaufen standen, 
gemächlichen Schrittes gerade auf eine Hecke los- 
fchlenderte, hinter der, wie wir wußten, preußische 
Infanteristen lagen. Diese fingen auch alsbald 
an, auf unseren Baiern zu schießen, der sich 
jedoch nicht im mindesten darum zu kümmern 
schien, sondern seinen Spaziergang ruhig fortsetzte. 
Als er endlich an einem der erwähnten Korn 
hausen angelangt war, schoß auch er sein Gewehr 
gegen die Hecke ab, trat dann hinter die Garben 
und lud. Sowie er damit fertig war, sprang er 
hinter der Deckung hervor, was die Preußen so 
fort zu sehr lebhaftem Feuern veranlaßte, und 
schoß wieder mit großer Ruhe und nachdem er 
lange gezielt hatte. Dieses Spiel setzte er längere 
Zeit fort, bis er es endlich müde wurde und 
ebenso langsam und bedächtig, wie er gekommen 
war, von zahlreichen Schüssen verfolgt nach der 
Hochheimer Landstraße zurückkehrte, die er auch 
unversehrt erreichte. 
An demselben Abend ereignete sich ein anderer 
Vorfall, der hinterher viel belacht wurde. 
Oberlieutenant Keinath und ich verließen kurz 
nach 10 Uhr den „Anker", um nach Hause zu 
gehen, da wir nicht weit von einander wohnten. 
In dem Augenblick, wo wir aus dem Hause 
traten, fiel ein Kanonenschuß ganz in der Rühe, 
dem gleich ein zweiter folgte. Unserer Pflicht 
gemäß eilten wir auf den Hauptwall, fanden die 
Geschütze in dem nächst dem Frankfurter Thore 
liegenden Bastion, dessen Name mir entfallen ist, 
bemannt und feuernd. Auch von dem Nachbar 
bastion nächst dem Wiesbadener Thore, irre ich 
nicht „Blücher", wurde geschossen. Auf mein Be 
fragen erklärten mir die Leute, es seien von der 
Erbenheimer Höhe mehrere Schüsse gefallen, und 
in den Gebüschen auf dem noch nicht abgeholzten 
Glacis vor der Lünette Hochheim schlichen preußische 
Infanteristen umher. Während der Mann, ein 
nassauischer Artillerist, mir dies auseinandersetzte, 
blitzte es in der That auf der Erbenheimer Höhe 
auf und es folgte ein schwacher Knall. Um 
einige Klarheit über die Sache zu schassen, befahl 
Oberlieutenant Keinath zunächst, aus der im 
rechten Schulterpunkt des Bastions stehenden 
siebenpsündigen Haubitze eine Leuchtkugel in die Ge 
büsche vor dem Glacis der Lünette zu werfen. 
Während der Befehl ausgeführt wurde, gab der 
in der Spitze des Bastions stehende gezogene 
Zwölfpfünder wieder einen Schuß ab, und ich sah 
das Aufflammen der Zerspringenden Granate. 
Gleich daraus fiel auch wieder ein Schuß auf 
dem Nachbarbastion. 
„Sehen Sie, Herr Lieutenant, dort stehen sie!" 
rief mir der Geschützführer zu und zeigte in die 
Ferne, wo es in diesem Augenblick wieder auf 
flammte und knallte. 
Mir war schon gleich Anfangs aufgefallen, 
daß die angeblichen feindlichen Schüsse an ganz 
verschiedenen Stellen aufblitzten, namentlich auch 
in wechselnder Entfernung und niemals zweimal 
an demselben Orte. Ebenso hatte ich bemerkt, 
daß der Knall der feindlichen Geschütze ganz 
anders klang, als ein in der Ferne fallender 
Kanonenschuß, und als jetzt der Unteroffizier auf 
das nach dem letzten Schusse des Nachbarbastions 
erfolgende Aufflammen wies, wurde mir die 
Sache klar. Was die Leute für feindliche Schüsse 
hielten, war die durch das Zerspringen der eigenen 
Granaten verursachte Feuererscheinung. Ober 
lieutenant Keinath, dem ich die Sache ausein 
andersetzte, sah das ebenfalls ein und befahl die 
sofortige Einstellung des Feuers und schickte die 
Mannschaft nach Hause. Die Leuchtkugel war 
aber inzwischen abgefeuert worden und in Folge 
fehlerhafter Richtung in die Lünette Hochheim, 
statt auf deren Glacis gefallen. Der dort komman- 
dirende Offizier, Lieutenant von W., schickte 
sie am nächsten Tage an den Kommandanten 
von Kastell, General von Buttlar, der sie mir 
übergeben ließ mit dem Anheimstellen, mich da 
mit Photographiren zu lassen, womit er andeuten 
wollte, daß ich den Unsinn begangen hätte, 
während ich in Wahrheit ganz unschuldig daran 
war. 
Festzustellen, was die Veranlassung zu dem 
verrückten Geschieße, bei dessen Beginn wir ja 
nicht zugegen gewesen waren, gegeben hatte, ist 
mir nie gelungen. 
Am 26. wurde durch Gouvernementsbefehl be 
kannt gemacht, daß der Herzog von Meiningen 
sein Kontingent aus Mainz abberufen habe, und 
General von Loßberg wurde an Stelle des 
meiningenschen Oberst von Buch mit den Geschäften 
des Kommandanten beauftragt, und zwar von 
der sogenannten Bundesmilitärkommission, die 
immer noch in Augsburg ein kümmerliches Da 
sein fristete. 
Der Ausmarsch der Meininger fand am 28., 
Nachmittags, statt, nachdem vorher zu diesem 
Zwecke eine 24stündige Waffenruhe mit dem 
Kommandirenden des vor Kastell stehenden 
preußischen Detachements verabredet worden war. 
Das Ereigniß machte einen tiefen Eindruck 
aus uns, denn das meininger Bataillon war in 
sofern entwaffnet worden, als ihm der Abmarsch 
nur ohne Gewehre gestattet wurde. Ob man 
diese Demüthigung dem Bataillon nicht hätte er-
	        

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