Full text: Hessenland (11.1897)

297 
Eine andere Granate war auf halber Höhe 
des Thurmes am Rande der äußeren Oeffnung 
einer Geschützscharte angeschlagen und hatte eine 
Garbe von Sprengstücken und Steinsplittern in 
die dahintergelegene Mannschaftskasematte ge 
schlendert, die indessen glücklicherweise leer war. 
Aus der rückwärtigen Hälfte der Plattform 
aber sah es bös aus. Hier war das Geschütz 
zubehör für die beiden glatten Geschütze, sowie 
die zum Handhaben nöthigen Geräthe, wie Hebe- 
bäume, Flaschenzüge, ein Hebezeug mit Räderwerk, 
Wagenwinden u. s. w. und Vorraths-Geschütz- 
zubehörstücke niedergelegt gewesen. Alles das 
bildete zetzt einen wüsten Hansen von Trümmern 
und Splittern, untermischt mit zahlreichen Spreng 
stücken von Granaten. Nicht ein ganzes oder 
nur halbwegs brauchbares Stück war unter der 
ganzen Masse zu finden. 
Schon einige Tage vorher war ein Befehl des 
Gouvernements erschienen, wodurch genau und 
bis in alle Einzelheiten bestimmt wurde, welche 
Stellung jeder Truppentheil im Falle einer 
Alarmirung der Festung zu besetzen habe. 
In der Nacht vom 22. zum 23. gegen ^3 Uhr 
Morgens ertönte plötzlich das Alarmsignal, und 
sehr bald stand alles auf seinem Posten. Da 
mir keine besondere Stelle angewiesen worden 
war, „versammelte" ich mich, dem allgemeinen 
Befehl entsprechend,, auf dem Schloßplätze. Hier 
erhielt ich jedoch bald den Auftrag, mit dem Nest 
der Bedienungsmannschaft unserer Batterie zwei 
in der Rheinkehlbesestigung dem Schlosse gegen 
über stehende Geschütze zu besetzen und schußbereit 
zu machen. 
Ob die Alarmirung nur eine Uebung war, 
die den Zweck hatte, sich zu überzeugen, daß die 
Truppentheile bei Besetzung der ihnen angewiesenen 
Stellungen keine Fehler machten, oder ob der Gou 
verneur Nachrichten hatte, die ihn an einen nächt 
lichen Uebersall der Preußen glauben ließen, ist 
mir nicht bekannt geworden, jedenfalls war die 
Morgendämmerung schon angebrochen, als wir 
den Befehl erhielten, in die Kasernen zurückzu 
kehren. 
Am folgenden Vormittag, Montag den 23., 
erhielt ich ganz unerwartet die Anweisung, mich 
beim Major Bauer zur Dienstleistung in Kastell 
zu melden. Das kam mir eben recht, denn ich 
war das Nichtsthun doch nachgerade müde ge 
worden und versprach mir von der Dienstleistung 
in Kastell etwas Aufregung und Abwechselung, 
eine Hoffnung, die durch die Ereignisse der letzten 
Tage wohl berechtigt erschien. Major Bauer 
theilte mich dem baierischen Artillerieoberlieutenant 
Keinath zu, der die Artillerie des zwischen dem 
Wiesbadener und Frankfurter Thore gelegenen 
Theils des Hanptwalles befehligte. 
Meine Kommandirung nach Kastell machte es 
nothwendig, daß ich auch meine Wohnung dort 
hin verlegte, denn ich mußte meinen Posten jeder 
zeit erreichen können, und die Schiffbrücke stellte 
die Verbindung zwischen Mainz uub Kastell nicht 
immer sicher, da häufig Theile ausgefahren 
wurden, wenn Schiffe durchzulassen waren. Des 
halb machte ich mich nach Erledigung meiner 
Meldung zunächst auf den Weg. ein möblirtes 
Zimmer zu suchen, das ich auch ohne große Blühe 
und Zeitverlust dem Bahnhöfe der TaunnS- 
bahn gegenüber fand. Sodann kehrte ich in den 
„Englischen Hos" zurück, packte nieinen Koffer 
und schickte meinen Burschen damit nach Kastell. 
Für das Mittagessen abonnirte ich inicf) im 
„Anker", wo die meisten Offiziere der in Kastell 
liegenden baierischen und kurhesfischen Truppen 
theile speisten. 
Am Nachmittage trat ich meiiien Dienst an, 
der darin bestand, das jeden Vormittag und 
Nachmittag einige Stunden dauernde Exerziren 
am Festungsgeschütz zu beaufsichtigen uub dabei 
selbst zu lernen. Unsere Mannschaft bestand 
theils aus baierischen und nassanischen Artilleristen, 
theils aus Hilssmanuschaften von der Infanterie, 
die Unteroffiziere waren alle Baiern. Außerdem 
aber mußte ich natürlich bereit sein, jeden Augen 
blick, wo der Gebrauch der Geschütze ans dem 
Hauptwalle nothwendig werden sollte, meinen 
Posten einzunehmen. 
Am Abend des 23. war ich noch Zeuge eines 
aufregenden Vorfalles. 
Nach Beendigung der Uebung auf dem Haupt 
walle hatte ich mich nach der Lünette Erbenheim 
begeben, wo diesmal der Premierlientenant von D. 
die Wache hatte. Eine von ihm ausge 
sandte Patrouille hatte ein Scharmützel mit 
den preußischen Vorposten. Namentlich konnten 
wir sehen, wie ein Trupp Husaren auf unsere 
Gardisten lossprengte, wobei einer unter deren 
lebhaftem Feuer vom Pferde stürzte. 
Kurz darauf kehrte der unsere Patrouille 
führende Unteroffizier in die Lünette zurück imb 
meldete, er habe zwei Mann verloren, die von 
den Preußen gefangen genommen seien. Gewehr 
und Mütze des einen Vermißten brachte er mit. 
Auf feindlicher Seite sei ein Husar anscheinend 
verwundet vom Pferde gefallen. 
Die nächsten Tage verliefen ziemlich ereigniß- 
los, und ich will nur einiger kleiner Vorfälle ge 
denken. 
Eines Nachmittags, ich glaube es war am 25., 
sahen wir, wie sich von einer aus der Hochheimer
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.