Full text: Hessenland (11.1897)

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Das war indessen nur das Vorspiel zum Haupt- 
ereigniß des Tages. 
Wir saßen noch im „Englischen Hof" bei der 
Nachtischcigarre, als plötzlich wieder Geschützfeuer 
ertönte. Die Spaziergänger auf der Straße, die 
bei dem herrlichen Wetter sehr zahlreich waren, 
eilten nach der Schiffbrücke oder nach dem vor 
der Rheinkehlmauer liegenden Kai und sahen 
eifrig stromabwärts. Auf den Rath des Herrn 
Specht, des Besitzers des Englischen Hofes, be 
gaben wir uns rasch auf das ziemlich flache und 
mit einer Brüstung versehene Dach des Hauses, 
wo man eine weite Aussicht hatte. 
Als wir dort angelangt waren, erkannten wir, 
daß rechts hinter Biebrich eine preußische Batterie 
aufgefahren war und anscheinend gegen den Peters 
auer Thurm schoß. Die ersten Schüsse gingen 
wahrscheinlich zu kurz, denn wir konnten nicht 
sehen, wohin sie trafen. Bald aber fiel eine 
Granate diesseits der Insel in den Rhein, und 
nun hatte sich die Batterie eingeschossen, denn 
von da an schlugen sämmtliche Geschosse auf der 
Plattform des Thurmes ein. 
Das Feuer wurde Anfangs nur von den hoch 
gelegenen Werken Hauptstein, Stahlberg und Hart 
mühl erwidert, und es dauerte einige Zeit, bis 
der eigentlich angegriffene Thurm in den Kampf 
eingriff. Das kam daher, daß die Geschütze, die, 
wie schon erwähnt, am Morgen gegen Biebrich 
gefeuert hatten, während die jetzt nöthige Schuß 
richtung damit einen Winkel von 90 Grad bildete, 
erst nach der anderen Seite der Plattform ge 
schafft werden mußten, eine ziemlich zeitraubende 
und beschwerliche Arbeit, zumal sie zum Theil 
unter feindlichen! Feuer ausgeführt werden mußte. 
Sehr bald sahen wir den Major Bauer unseres 
Regiments, der mit der Leitung der Festungs 
artillerie -auf dem rechten Rheinufer beauftragt 
war, die von Kastell nach Biebrich führende Pappel 
allee entlang sprengen, um sich auf den Petersauer 
Thurm zu begeben. 
Das Feuer dieses Werkes, das, nachdem es den 
Kamps einmal aufgenommen hatte, Anfangs mit 
großer Regelmäßigkeit erfolgt war, ließ zu unserem 
Erstaunen bald nach. Es hatte zuerst mit zwei 
Geschützen geantwortet (für die beiden glatten 
Zwölspfünder war die Entfernung zu groß), schoß 
aber, wie wir nach einiger Zeit merkten, nur 
noch mit einem. Der Grund dazu konnte nur 
darin liegen, daß entweder die erlittenen Verluste 
an Bedienungsmannschaften die Besetzung nur 
noch eines Geschützes ermöglichten, oder daß eins 
unbrauchbar geworden war. Wie sich später 
zeigte, war der zuletzt erwähnte Grund der richtige. 
Eine Granate hatte einem der Heiden gezogenen 
Zwölspfünder den rechten Schildzapsen abgeschlagen, 
wodurch das Geschütz völlig unbrauchbar wurde. 
Bald griffen übrigens auch die Werke von 
Kastell, namentlich das Fort Großherzog, die 
Lünette Wiesbaden und das links des Wiesbadener 
Thores gelegene Bastion des Hauptwalles iiüs 
Gefecht mit ein. Wäre die Artillerie der Festung 
schon so mit der Behandlung der gezogenen Ge 
schütze und namentlich mit dem Schießen vertraut 
gewesen, wie es die preußische war, so hätte die 
kühne Batterie des Angreifers durch die nicht nur 
durch die Zahl der gegen sie kämpfenden Geschütze, 
sondern auch durch deren Kaliber begründete 
Überlegenheit in eine sehr schlimme Lage kommen 
können, wenn sie abgewartet Hütte, bis auch die 
Festungsartillerie sich eingeschossen hatte. Das 
that sie indessen verständiger Weise nicht. Sie 
begnügte sich mit der ziemlich scharfen Lektion, 
die sie dem Petersauer Thurm ertheilt hatte, und 
fuhr ab, nachdem sie in: Ganzen etwa vierzig 
Schuß abgegeben hatte, und zwar, so weit bekannt 
geworden ist, ohne Verluste erlitten zu haben. 
Der Kampf hatte etwa eine Stunde gedauert 
(beiläufig, ein glänzendes Zeugniß für die Festungs 
artillerie, daß sie nach nahezu einer Stunde noch 
nicht eingeschossen war), als er abgebrochen wurde. 
Natürlich eilte ich mit mehreren Kameraden so 
fort hinaus, um Einzelheiten zu erfahren. 
Auf der Plattform des Thurmes war nur ein 
badischer Artillerist ganz leicht durch ein Spreng- 
stück verwundet worden. Das war dem Umstande 
zuzuschreiben, daß die preußischen Granaten in 
Folge der großen Entfernung einen sehr steilen 
Einfallwinkel hatten, sodaß selbst die, die dicht 
hinter den Geschützen auf der Plattform ein 
geschlagen, über die Köpfe der Bedienungsmann 
schaft hinweggegangen waren. Sie waren alle 
auf die rückwärtige Hälfte der Plattform gefallen, 
mit Ausnahme derjenigen, die das eine Geschütz 
demontirt hatte, und daß deren Sprengstücke kein 
schweres Unheil unter der Mannschaft angerichtet 
hatten, ist fast als ein Wunder anzusehen. Außer 
dem erwähnten gezogenen war auch noch eins 
der glatten Geschütze erheblich beschädigt worden. 
Es lag, wie alle anderen, in einer sogenannten 
hohen Rahmenlafette und war an der Stelle 
stehen geblieben, wo es am Morgen beim Schießen 
gegen Biebrich gebraucht worden war, sodaß es 
während des Kampfes am Nachmittag dem Feinde 
die rechte Seite zugekehrt hatte. Eine feindliche 
Granate hatte den rechten Sohlbalken des Rahmens 
zertrümmert und das Geschütz wäre umgestürzt, 
wenn sich nicht der vordere Theil des Rohres 
aus die Krone der Brüstungsmauer aufgelegt 
hätte.
	        

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