Full text: Hessenland (11.1897)

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oder Schöffen, die Neustadt ebenfalls 2 Bürger 
meister und 4 Rathsherren, anch ihre besondere 
Siegel, beide mit dem Bilde des stehenden Erz 
bischofs, die Altstadt mit Hirtenstab in der rechten 
und Bibel in der linken Hand, zu Häupten 
rechts eine siebenstrahlige Sonne, links ein wechselndes 
Mondviertel, an den beiden Enden 2 hohe Spitz 
thürme mit Kreuzen, die Neustadt mit Hirtenstab 
und Spitzmütze, zur Seite 2 Thürme und das 
Mainzische Rad. Auf dem Altstädter Siegel die 
Umschrift Sigillum Civium Fritslariensium, aus 
dem Neustädter unvollständig und unlesbar: Si- 
gillum — — Fritslariensis. 
Das Siegel des Stifts stellt den Apostel Petrus 
Mt einem das Haupt desselben umgebenden Heiligen 
schein und aus einem Sessel mit halbrunder breiter 
Rücklehne sitzend dar. — Umschrift: -f- Fritslarie. 
Petrus Huic noscitur esse Patronus. 
(Fortsetzung folgt.) 
Erinnerungen aus den letzten Tagen eines deutschen 
Fürstenthums. 
Von einem ehemaligen kurhessischen Offizier. 
(Fortsetzung.) 
(Nachdruck verboten.) 
<^Toch etwas lebhafter gestalteten sich die Dinge 
1 am folgenden Tage. 
^ Gegen Mittag sahen wir — ich hatte 
mich wieder in die Lünette Erbenheim begeben — 
eine stärkere Kavalleriepatrouille von Infanterie 
begleitet auf der Erbenheimer Straße vorgehen. 
Von unserer Seite war der vor dem Wies 
badener Thore gelegene Kirchhof von Kastell 
durch einen vorgeschobenen Unteroffizierposten 
besetzt, der einige Schüsse auf die Preußen abgab, 
wodurch diese veranlaßt wurden, kehrt zu machen 
und sich zurückzuziehen. Gleich darauf aber 
erschien aus der Erbenheimer Höhe etwas weiter 
rechts eine geschlossene Kavallerieabtheilung, an 
scheinend eine Eskadron, und ging gegen die 
Festung vor. Nunmehr wurde auf Veranlassung 
des Premierlieutenants von T. ein in der Spitze 
der Lünette Erbenheim stehender Sechspfünder 
schußsertig gemacht und gab zwei Schüsse ab. 
Auch von der Lünette Hochheim fielen zwei Schüsse. 
Alle vier Granaten schienen in geringer Ent 
fernung vor der preußischen Eskadron einzuschlagen, 
die auch gleich kehrt machte und hinter der An 
höhe verschwand. Außer einer Warnung hatten 
die Geschosse aber anscheinend keine Wirkung 
gehabt; wir konnten wenigstens nicht sehen, daß 
Leute von den Pferden gestürzt wären. 
Damit war die Sache aber noch nicht zu 
Ende. Die preußische Kavallerie war kaum hinter 
der Anhöhe verschwunden, als eine weiße Dampf 
wolke dort aufstieg, der ein dumpfer Knall 
folgte, und gleich daraus ertönte der scharfe 
Krach einer zerspringenden Granate, und etwa 
hundert Schritt vom Fuße des Glacis vor der 
langen Kurtine hinter der Wilhelmskaserne 
entfernt stieg blauer Rauch aus den Gebüschen 
auf, während das unheimliche Sausen der umher 
fliegenden Sprengstücke die Luft erfüllte. Noch 
vier oder fünf Schüsse folgten, die alle bis aus 
einen in der Nähe einschlugen. Die Granate 
dieses einen ging über den Hauptwall und die 
Wilhelmskaserne hinweg und fiel in einen dieser 
gegenüberliegenden Garten, wo sie zersprang, ohne 
Schaden anzurichten. 
Die preußische Batterie selbst konnten wir 
nicht sehen, da sie hinter dem Kamme der An 
höhe aufgefahren war, nur nach dem auf 
steigenden Rauche ließ sich ihre Stellung an 
nähernd errathen, aber doch nicht bestimmt genug, 
um das Feuer erwidern zu können, das übrigens 
nach Abgabe von vier oder fünf Schuß wieder 
schwieg. 
Am Nachmittag wurde die Festung Mainz 
nebst den in ihrem unmittelbaren Bereiche 
liegenden Dörfern in Belagerungszustand erklärt. 
Abgesehen von einigen Patrouillenneckereien 
und davon, daß der Petersauer Thurm einige 
Schüsse auf einen in Biebrich eintreffenden 
Eisenbahnzug abgab, verlief der folgende Tag 
ruhig, wohingegen Sonntag der 22. wieder etwas 
Aufregung brachte. 
Vormittags gegen 11 Uhr begannen das Fort 
Hauptstein und die im Gartenseld gelegene 
Jnundationsschanze plötzlich zu schießen, und auch 
der Petersauer Thurm betheiligte sich bald an dem 
Feuer. Ich konnte vom Fenster meiner Stube 
aus nur sehen, daß ein Eisenbahnzug zwischen 
Biebrich und der Kurve bei Mosbach hin und 
her fuhr. Ob dieser oder etwas andres das 
Ziel der Schüsse war, ist mir unbekannt geblieben.
	        

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