Full text: Hessenland (11.1897)

292 
hat, über diesem und in den anderen Pavillons 
sind Gemächer, die beiden großen Säle zwischen 
den Pavillons sind zu den Gewächsen gewidmet, 
wie es denn aus der einen und zwar auf der 
rechten Seite ganz voller meist junger Pome 
ranzenbäume stund; Acht von Ziemlicher Größe 
und Höhe haben 1000 Thaler gekostet. Nach 
dem zeigte uns der Gärtner die Plantage, welche 
aus vielen Alleen, sonderlich drei großen bestehen 
wird, die man mit den Augen nicht absehen kan. 
In die mittelste und größte wird ein Kanal 
gemacht, dahinein der Fuldaarm, welcher ab 
gedämmt werden soll, geleitet wird, daß man 
mit Gondolen oder kleinen Lustschiffgen init 
Vergnügen zwischen den Bäumen herfahren 
kan. Es ist dabei zu verwundern, wie die 
große und alte Lindenbänmc, so hier und 
dar gestanden, bereits vielfältig niitsamt der 
Wurzel und der daran oft bei 50 Centner 
hangende Erde in die beliebte Ordnung ohne 
Schaden und Ausbleibung derselben haben können 
versetzet werden." Nachdem Uffenbach die mächtige, 
doch einfache Holzmaschine beschrieben hat, mittels 
deren die Bäume versetzt wurden, fährt er fort: 
„Nach diesem gingen wir in den Lustgarten, welcher 
zwar ziemlich groß aber nichts sonderliches, be 
sonders in dieser Jahreszeit, zu haben schiene, 
in selbigem stehet ein altes schlechtes, nicht gar 
großes Gebäude, so vor diesem zu den Gewächsen 
gebraucht worden (Wihelm's IV. Pomeranzen 
häuschen), wie dann noch wirklich ziemlich viele, 
aber meist Lorbeerbäume darinnen stunden. 
Unter denselben stund in der Mitte ein in die 
Erde gegrabener von verwundernswürdiger Größe." 
Ich will vorgreifend hier erwähnen, daß dieser 
schöne noch von Wilhelm dem Weisen gepflanzte 
Baum durch Verwahrlosung während der Be 
lagerung Kassels im Jahre 1762 zu Grunde ge 
gangen ist, da in der kalten Jahreszeit stets 
Ofen den Raum erwärmten, wo er stand; nach 
Schmincke's Angabe ist er 54 Fuß hoch, sein 
Stamm 4 Fuß dick geworden. Das Lusthaus 
WilhenLs IV. hatte der Orangerie weichen inüssen. 
Man wird es auffällig finden, daß Landgraf 
Carl den Hauptarm der Fulda stärken und 
doch das Wasser der kleinen Fulda durch seinen 
neuen Park leiten wollte; vielleicht ist letztere 
Absicht nicht ausgeführt worden, um alles Wasser 
dem Hauptarme zu belassen. Aber auch letzterer 
Gedanke wurde erst von Landgraf Wilhelm VIII. 
im Jahr 1740 verwirklicht. Wie bedeutend der 
Inhalt der kleinen Fulda damals gewesen ist, 
kann man aus dem Unglücksfalle entnehmen, 
der sich bei der Geburtstagsfeier des Laudesherrn 
im Jahre 1703 zutrug. Ein Volksfest führte 
eine große Menschenmenge in die Aue; auf der 
Schiffbrücke über die kleine Fulda, in der Gegend 
der kleinen Aueschanze, entstand durch einen Um 
stand heftiges Gedränge, sodaß die Brücke in 
Trümmer ging und etwa 100 Personen in die 
Fluth stürzten; 17 fanden unter entsetzlichen 
Auftritten ihren Tod, darunter der Hofbibliothekar 
Simon Kuchenbecker, dessen Gattin und andere 
angesehene Persönlichkeiten. 
(Fortsetzung folgt.) 
Die ältere Geschichte von Fritzlar. 
Voir C. Neuber. 
(Fortsetzung.) 
^h^inen Schreckenstag brachte das Jahr 1232, 
M, worüber in den Chroniken Folgendes berichtet 
öp wird: Der Abt des von dem Landgrafen 
von Thüringen gestifteten und unter dessen Schutze 
stehenden Klosters Reinhardsbrunn hatte sich ge 
weigert, eine Steuer zu bezahlen, welche der Erz 
bischof von Mainz ihm arrferlegt hatte, und war 
deshalb in eine schwere Strafe genommen. Er 
wurde nun gerade in seiner Klosterkirche mit 
Ruthen gestrichen, als der Landgraf Konrad, 
jüngerer Bruder des verstorbcneu Landgrafen 
Ludwig IV. imb Oheim des regierenden Land 
grafen Hermann II. (1228 —1242), hinzukam 
uud, von Natur hitzig, durch bcn Anblick so auf 
geregt wurde, daß er den der Geißelung bei 
wohnenden Erzbischof von Mainz, Siegfried III., 
bei den Haaren erfaßte und ihn getödtet haben 
würde, wenn nicht Andere dazwischen getreten 
wären. Der durch eine derartige That von 
Neuem entflammte Haß zwischen bcn beiden 
Ländern führte durch Hinzutreten weiterer Um 
stünde, u. A. die von Mainz unternommene Be 
festigung des Heiligen Bergs bei Felsberg, 
also gewissermaßen die Aufführung eines Vor 
werks von Fritzlar, zum offenen Kriege. Beide 
Theile rüsteten sich. Nach der Kriegführung der 
damaligen Zeit wurden die Länder gegenseitig 
verwüstet und gebrandschatzt. Der Erzbischof zog
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.