Full text: Hessenland (11.1897)

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die Wilhelmshöhe oder die Carlsaue auf, dort 
mag er im Flüstern uralter mächtiger Bäume 
den Sang von Helden vernehmen, an deren 
Tapferkeit und Opfertod hier durch die Jahr 
hunderte hin ernste Mahnung erklingt. 
Landgraf Karl suchte fein Heer auch im Frieden 
kriegstüchtig zu erhalten; wir lefen beim Chronisten *) 
jener Zeit „14. August 1680, man attaquirte 
auf des Fürsten Geburtstag für Kurtzweil die 
Schanze in der Aue in Anwesenheit des franzö 
sischen Gesandten Mr. Gombeaut." Dieses war 
die kleine Anefchanze, am rechten Ufer der kleinen 
Fulda, gegenüber der Mitte der späteren herr 
schaftlichen Bleiche; es ist die erste erhaltene 
Nachricht von einem Friedensmanöver der 
hessischen Truppen. Im Jahre 1682 heißt 
es: „April. Groß Läger in der Aue geschlagen, 
darzu mußte jeder Bürger in Kassel 1 Bund 
Stroh geben;" 28. Mai wurde der Ausschuß in 
Kassel einquartiert, der mit den Truppen des 
Lagers gemeinsam Uebungen vornahm. Das 
Lager wurde am 15. September aufgehoben, nach 
dem es 19 Wochen gewährt hatte. Während des 
Lagers ertranken zwei Personen in der kleinen 
Fulda. 
Die Bewirthschaftung der Länderei in der Aue 
ging auch unter Landgraf Carl weiter und die 
Wittwe Lütgendorff muß ihr Amt als Vögtin 
zur vollen Zufriedenheit verwaltet haben, da sie 
noch im Jahre 1711 als solche genannt wird. 
Der Landgraf trat Ende des Jahres 1699 eine 
Reise nach Italien an, von der wir eine Be 
schreibung durch seinen Sekretär Balthasar Klaute 
besitzen. Die Eindrücke, die er in dem Heimath- 
lande der Kunst empfing, waren so tief und nach 
haltig. daß er nach feiner Heimkehr begeistert an 
die Schöpfungen ging, die seinen Namen unsterb 
lich machen. Uns beschäftigt hierbei die Moritz 
aue, für die schon seine edeln Vorfahren Wilhelm 
der Weise und Moritz der Gelehrte sich hohe Ver 
dienste erworben hatten. 
Carl faßte den Plan, die ganze Aue zu einer 
Parkanlage umzugestalten, wodurch die Land 
wirthschaft in derselben aufhören mußte; der 
Park sollte eine regelmäßige Gestalt erhalten, 
wozu der zu jener Zeit herrschende steife, wider 
natürliche Geschmack den Anlaß gegeben haben 
mag. Die Ueberlieferung sagt, daß der Garten 
künstler Ludwigs XIV., Le Notre, den Plan 
für die neue Anlage entworfen habe; es ist jedoch 
keine Nachricht erhalten, daß der Franzose in 
Kassel gewesen fei und an Ort und Stelle Ein 
sicht genommen habe, wie es doch erforderlich 
war. Ich lasse es dahingestellt, ob der Plan 
von Le Notre herrührt; ist es der Fall, so war 
dabei ein Maßstab angegeben und durch dessen 
Größe vielleicht der Umfang der Anlage so aus 
gehöhnt beabsichtigt, daß die Fuldainsel für selbige 
nicht ausreichte. Dann war es nothwendig, über 
die kleine Fulda hinauszngreifen, und hierbei ließ 
sich des Fürsten Absicht, das Fahrwasser der 
großen Fulda zu verstärken, durch Abdämmen 
der kleinen verwirklichen. 
Wir sehen auf dem Plane der Moritzaue von 
1686 die Eintheilung der Insel*): Feldland 
und Weide nehmen die westliche Hälfte längs 
der kleinen Fulda ein, die östliche Hälfte war mit 
Bäumen und Buschwerk bestanden und führte 
vorzugsweise den Namen der Moritzaue. Der 
Lustgarten ans der Spitze zwischen den beiden 
Fuldaarmen mit seinen Anlagen und Gebäuden 
bestand noch und wurde von dem Landgrafen 
durch Erwerbung seltener Bäume in Italien ver 
schönert. 
Die Grundlinie der weitgreifenden Anlage 
bildete das Orangerieschloß, von dessen 
Mitte ans gesehen sollte der Park sich zwischen 
den Fuldaarmen fächerförmig ausbreiten — eine 
mathematisch-symmetrische Figur, die der Grund 
riß noch heute erkennen läßt. Dieser wurde mit 
den vorspringenden Theilen nahe an den längs 
der großen Fulda zum Schutze gegen deren Ueber- 
fluthung hinlaufenden Damm gelegt und so auf 
der Karte ermittelt, wieviel Land am linken 
Ufer der kleinen Fulda noch innerhalb des Um 
fanges des Parknmrisses für die Anlage erforderlich 
war (siehe Plan von 1686). Doch längst ehe dieses 
Land erworben worden ist, hat Landgraf Carl 
die Arbeiten an seiner Aue begonnen. Ein 
Reisender, der Frankfurter Schöffe Herr von 
Ussenbach, brachte im November 1709 einige 
Zeit in Kassel zu, er sah die Arbeiten im Gange, 
die in der Moritzane ausgeführt wurden. Wir 
hören bei ihm: „Ich muß erstlich das bereits fast 
gänzlich zur Vollkommenheit gebrachte Orangerie 
haus beschreiben. Es ist selbiges so groß, köstlich 
und prächtig, als ich noch keines gesehen, hat 
500 Schuh in der Länge, ist gegen Mitternacht 
ohne Fenster und hat statt selbiger viel nie1i68, 
in welche Statuen sollen gesetzt werden. Gegen 
Mittag find die Fenster und Thüren, auf jeder 
Ecke und in der Mitte sind Pavillons, deren 
mittelster ein großes durchgehendes Portal 
*) Der Plan der Moritzaue von 1686 ist in Frey- 
schmidt's Hofbuchhandlung zu Kassel erschienen. Der Um 
riß der späteren Carlsaue ist in diesem Plane an 
gezeichnet, welcher die. Gestalt der Insel zwischen den beiden 
Armen der Fulda nach der alten Katasterkarte zeigt. 
*) Hans Arnold (1639—1688), — Landesbibliothek.
	        

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