Full text: Hessenland (11.1897)

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im Gefolge Hütten, ganz abgesehen davon, daß 
man ihm allseitig, von den Offizieren bis zu den 
Carabiniers herab, aufsässig werde. Auch meinte 
er, warum ich nicht zu dem Schwadronsarzte 
gehen wolle. 
Für das Erste blieb ich taub, für das Zweite 
erlaubte ich mir die Antwort, daß ich zu dem 
Stabsarzte mehr Vertrauen habe, wie zu dem 
Schwadronsarzte. Damit war ich entlassen und 
ging meiner Wege, doch hatte der Wachtmeister 
die Hoffnung, daß ich meine Meldung zurück 
ziehen würde, wie Ihr bald hören werdet, keines 
wegs aufgegeben. 
Gemäß meinem gefaßten Entschlüsse ging ich 
zu dem Stabsarzte, der mich untersuchte und sich 
meiner derart auf das Menschenfreundlichste an 
nahm, daß ich vor ferneren Mißhandlungen ge 
schützt blieb. Ich werde das diesem Ehrenmanne 
nie und nimmer vergessen! In eigener Person 
begleitete er mich in die Kaserne zurück, verord 
nete mir und machte den inzwischen herbei 
gekommenen Stubenkommandanten für jedes 
weitere Vorgehen gegen mich verantwortlich. Wie 
ich aus seinen wenigen Worten heraushörte, 
glaubte er auf eine Hirnerschütterung bei mir 
schließen zu müssen. 
Da mir der Arzt befohlen hatte, das Bett zu 
hüten, war an eine persönliche Weitermeldung 
meinerseits nicht zu denken und beschloß ich, sie 
den Bruder meiner Braut machen zu lassen. 
Ich schrieb ihm ein paar Zeilen, gewann einen 
Kameraden, der die Besorgung übernahm, und 
hatte die Freude, ihn schon nach einer halben 
Stunde an meinem Lager zu sehen. Wahrheits 
getreu theilte ich ihm den Verlauf des Vorge 
fallenen mit und bat ihn, meine Vorgesetzten, 
Rittmeister, Major rc. in Kenntniß zu setzen, 
wobei ich es ihm aus die Seele band, ja keinen 
derselben etwa zu übergehen. Mit dem Ver 
sprechen, bis zur höchsten Spitze zu gehen, schied 
er. Er hielt Wort. Leider traf er jedoch den 
Rittmeister nicht zu Hause an und sah sich ge 
nöthigt, so einen Sprung in der unvermeidlichen 
Reihe der nicht zu übergehenden Vorgesetzten zu 
thun, ein Umstand, der mir nach Beendigung 
der nun folgenden Untersuchung zwei Tage freie 
Wohnung und Kost bei Onkel Jde, seligen An 
gedenkens, dem unvergleichlichen Herbergsvater 
für Gelind- und Mittelarrest im Pavillon der 
großen Jnfanteriekaserne in der unteren Königs 
straße*) eintrug. 
Der Wurf war gethan, und daß der Stein 
im Rollen war, das sollte ich schon anderen 
Tages erfahren. Es war Mittag. Die Schwa 
dron war zu einer Felddienstübung in den soge 
nannten Hasenhecken, einer buschbewachsenen An 
höhe bei Kassel, schon am frühen Morgen aus 
gerückt und kehrte erst spät in die Kaserne zurück. 
Ich war ein wenig eingeschlummert, als mich 
das Getrappel ihrer Pferde, das entlang der 
Neuen Straße unter den Fenstern erscholl, 
ermunterte. Es währte auch nicht lange, da 
wurde es lebendig ans der Stube, die heim 
kehrenden Reiter legten Küraß und Koller ab, 
und vielseitig erfreute mich die Theilnahme, mit 
der diese meist ungebildeten Reiter meinem Lager 
nahten, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. 
Besonders einer von denen, die mich gestern 
gestützt hatten, ein armer Bauernknecht von Haus, 
aber eine durch und durch redliche Seele, that es 
allen zuvor. Als er sich unbemerkt glaubte, trat 
er an mein Kopfkissen heran und flüsterte' mir 
zu: „Passe acht, Hesse, es giebt etwas. Der 
Major hat sich bei dem Rittmeister nach Deinem 
Befinden erkundigt und schien ungehalten darüber 
zu sein, daß er noch keinen Rapport über das 
Vorgefallene erhalten habe." 
Kaum hatte er geendet, so trat heftig der Es 
kadrons-Ordonnanz in das Zimmer und fragte 
nach dein Garde du Corps Hesse. Zu mir be- 
schieden, sagte er mir, der Rittmeister habe be 
sohlen, wenn es mein Zustand erlaube, zu ihm 
hinunter aus den Kasernenplatz zu kommen. Was 
war da zu machen? Ich ordnete rasch mein 
Haar, legte die weiße Binde, die ich seit gestern 
um den Kopf trug, schnell in reine, neue Falten, 
setzte meine weiße Mütze auf, und noch einmal 
einen Blick in mein kleines Wandspiegelchen 
werfend, ob mein Anzug in der gehörigen Ord 
nung sei, ging ich bedächtigen Schrittes, mein 
Schnurrbärtchen noch einmal zwischen dem Daumen 
und Zeigefinger zwirbelnd, hinab aus den Ka 
sernenhof, wo der Rittmeister zu Pferde hielt. In 
einiger Entfernung von ihm gewahrte ich meine 
beiden Beleidiger, augenscheinlich in sehr gespannter 
Haltung der Dinge gewärtig, die da kommen sollten. 
*) die längst von der Bildfläche Kassels geschwunden 
ist und einem prächtigen Stadtviertel hat Platz machen 
müssen. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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