Full text: Hessenland (11.1897)

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Wem Stock. 
Ein Stück hessischen Kasernenlebens, von Ludwig Mohr. 
(Fortsetzung.) 
ummer sechs hatte ich gezählt! Wuth kochte 
41 in meiner Brust. Meine Ueberlegung — 
qJy* meine Fassung waren auf dem Rückzüge, 
mein Auge fiel auf die Mistgabel, die ich zum 
Unterbreiten der Streu benutzt und an die Säule 
angelehnt hatte, und ein Gedanke durchblitzte mir das 
sausende und brausende Gehirn, der Blrtzgedanke: 
„Räche dich! Stich ihn nieder; komme, was da 
wolle!" Wer weiß, was geschehen wäre — man 
ist Mensch —, wenn nicht im letzten Augenblicke 
noch das Bild meiner Braut mir vor die Augen 
getreten und mir wie ein warnender Schutzgeist 
zugerufen hätte: „Thue es nicht!" Wunderbarer 
weise faßte ich mich im letzten Augenblicke noch 
und hatte nur die Worte: „Ich melde auch Sie, 
Quartiermeister!" Mit diesen Worten machte 
ich kehrt und ging, meine Meldung auszuführen. 
Dem Tobsüchtigen mußte der Blick, der vor 
einer Weile aus meinen Augen aus die Mist 
gabel blitzte, nicht entgangen sein. Hatte er 
meine Gedanken errathen? Kurz und gut, als 
ich mich zum Gehen anschickte und ihm kaum 
den Rücken gekehrt hatte, erhielt ich hinterrücks 
einen derartigen Schlag über den Schädel, daß 
ich bewußtlos in der Stallgasse zusammenbrach. 
Der Schlag war mit der erwähnten Mistgabel 
geführt, deren Eisentheile mich so getroffen hatten. 
Was weiter mit mir geschah, weiß ich nicht 
zu sagen, da ich für das Erste nicht zum Bewußt 
sein kam; ich fühlte mich nur, als ich die Augen 
wieder ansschlug, wie an allen Gliedern gelähmt, 
und durch meine Kameraden, die mich aufrichteten, 
erfuhr ich, daß die beiden Helden meine Kehr 
seite noch mit etlichen Hieben mit der Mistgabel 
und eineln Kehrbesenstiel bearbeitet hatten. Und 
schöne Hiebe mußten das gewesen sein, denn nach 
einigen Tagen spielten meine Arme, mein Rücken 
und namentlich die steischige Gegend darunter, 
wie die Musterkarte eines Seidenbandhändlers in 
allen Regenbogenfarben. 
Ich will Euch nicht langweilen mit der 
Schilderung meiner damaligen Seelenstimmung. 
Ich gehe darüber hinweg, denn noch bin ich nicht 
am Ende. — 
Gestützt auf zwei Reservisten, die mir den 
Kopf verbanden, der zusehends angeschwollen war, 
verließ ich den Stall, nachdem ich vorher einen 
mittellosen Kameraden beauftragt hatte, gegen 
eine Vergütung mein Sattelzeug, das noch von 
dem Uebungsmarsche her ungeputzt an der Säule 
hing, zu putzen und reglementsmäßig zu hängen. 
Hier muß ich einschalten, daß es nicht nur oft 
vorkam, daß bemittelte Reiter sich derartige 
Dienstleistungen verrichteil ließeil, sondern daß 
solches auch gestattet war, und daß sich nlancher 
arme Teufel dadurch das Leben bei dem Corps 
erträglicher gemacht hat, als er es sonst gehabt 
haben würde. 
Ich begab mich auf die Stube und warf mich, 
theilnahmlos für alles um mich her, auf das 
Bett, oder, wie das allgemein in der Kaserne 
hieß, ans die Matratze. Kaum aber hatte ich 
eine Lage angenommen, in der mich lnein Kopf 
weniger schmerzte, so erschieil der Quartiermeister, 
eben jener abgeschwirrte, an meinem Lager nnb 
donnerte mich an, warum mein Sattelzeug noch 
nicht geputzt sei und vorschriftsmäßig an seinem 
Platze hänge. Ich sagte, daß meine augenblickliche 
Verfassung nicht darnach angethan sei, daß ich 
solches selbst thllen könne; ich hätte jedoch ineinem 
Nebenmanne im Stalle damit beauftragt und 
bezahlt. 
Weit davon entfernt, dies gelten zu lassen 
befahl er mir bestimmt, die Arbeit selber zu ver 
richten. Noch einmal bedauerte ich mein Un 
vermögen. Da gerieth der Mann außer sich, 
faßte mich am Kragen der Stalljacke, zog mich 
von der Matratze herunter und der Stnbenthüre 
zu. Ich sah, daß jedes Widerstreben den Jäh 
zornigen noch mehr in den Harnisch bringen 
würde, verbiß meine Schmerzen unb ging, nicht 
ohne, daß er mir noch einige tüchtige Rippen 
stöße versetzt hätte. 
III. 
Das Sattelzellg war in Ordnung. Heftiges 
Erbrechen stellte sich bei mir ein. Darnach ward 
ich ruhiger und im Staude, meine Lage klar zu 
beurtheilen. Damit reifte in mir der unab 
änderliche Entschluß, meine Meldung bis höheren 
Ortes zu verfolgen. Zunächst ging ich zu dem 
Wachtmeister, der mir immer wohlgewollt hatte 
und machte ihm von dem Vorgefallenen Mit 
theilung, iudein ich ihn bat, meine Meldung 
weiter gelangen zu lassen, wobei ich ihm sagte, 
daß ich zu dem Stabsarzte gehen wolle, um mich 
von ihm untersuchen zu lassen. 
Der Wachtmeister rieth mir von einer Meldung 
entschieden ab, indem er bemerkte, daß solche er 
fahrungsmüßig für den Meldenden stets Strafen
	        

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