Full text: Hessenland (11.1897)

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und Gehen der Patrouillen nach und von diesem 
Punkte aus zu schließen war. 
Auch die anderen Kameraden im „Englischen 
Hof" hatten dieselbe Entdeckung gemacht. Wir 
waren bald versammelt und beobachteten die 
Vorgänge auf der Erbenheim er Höhe mit großer 
Spannung. Dabei bemerkten wir, daß die 
Patrouillen vielfach von einen: Reiter auf einem 
sehr weißen Schimmel begleitet wurden, der auch 
häufig allein in der Postenkette erschien. Das 
wiederholte sich auch in den nächsten Tagen, so 
daß der Reiter bald unter dem Namen „der 
Schimmel von Erbenheim" bekannt war. 
Ganz besonders viel gab uns der Umstand 
zu rathen, daß die Gattung der Kavallerievor 
posten so häufig wechselte. Bald waren es 
Kürassiere, bald Ulanen, bald Husaren. Einige 
wollten daraus schließen, daß das vor Kastell 
erschienene preußische Corps drei Kavallerie 
regimenter bei sich habe, also nicht schwach sein 
könne, andere meinten, es werde immer abgelöst, 
während in Wahrheit die Sache so lag, daß die 
preußische Abtheilung nur 2 */2 Eskadrons 
Kavallerie hatte: eine Besatzungs-Eskadron Ulanen 
aus Koblenz, eine Eskadron Husaren, die aus 
den Ersatzschwadronen zweier Regimenter gebildet 
war, und zwei Züge der Ersatzschwadron des 
8. Kürassierregiments aus Deutz. 
Auch den Rhein konnte ich wert stromabwärts 
überblicken, namentlich auch Biebrich und den 
Landungsplatz der Dampfer dort. Gegen 11.Uhr 
sah ich, wie ein vom Gouvernement gemiethetes 
Dampsboot, das zur Ueberwachnng des Flusses 
diente, vom Landungssteg an der Schiffbrücke 
aus abfuhr. Ich verfolgte es mit dem Fern 
glas, beobachtete, wie es in Biebrich anlegte 
und wie eure Anzahl von Leuten arcks Land ging. 
Gleich darauf erschienen aus dem freien Platze 
vor dem Schlosse einige Reiter, die sich schleunigst 
wieder zurückzogen, als die gelandete Mannschaft 
— sie war vom Meininger Bataillon — auf 
sie schoß. Den aufsteigenden Rauch der Schüsse 
konnte ich deutlich sehen, wenn auch der Knall 
der Schüsse bei der bedeutenden Eirtfernung 
nicht hörbar war. Kaum waren die Reiter ver 
schwunden, als ein kleiner Trupp Jnsanterre auf 
dem genannten Platze erschien und das Feuer 
der Meininger zu erwidern begann. 
Jetzt aber erhob der Peter sau er Thurm 
seine Stimme. Das war ein runder, aus der 
Insel Petersau erbauter Thurm, dessen untere 
Hälfte mit einem starken Erdwalle umgeben war. 
Auf der Plattform standen zwei glatte und zwei 
gezogene Zwölspsünder, seine Besatzung bestand 
aus einem Zuge unseres Schützenbataillons unter 
Prernierlieutenant von Langenschwarz und 
einer Abtheilung badischer Festungsartillerie unter 
Lieutenant Nöldecke. Die Entfernung bis zu 
den ersten Häusern von Biebrich — wenn ich 
nicht irre, einer Glasfabrik mit hohem Schorn 
stein — mochte 1600 bis 2000 Schritte be 
tragen. 
Einige Schüsse aus den gezogenen Zwölf- 
psündern hatten den Erfolg, die preußische 
Jnsarrteriepatrouille zu vertreiben und es den 
Meiningern zu ermöglichen, ihr Dampfboot un- 
behelligt wieder zu erreichen und abzufahren. 
Auch vorn Fort Großherzog fiel ein Schuß, 
allein ich konnte nicht erkennen, wohin er ge 
richtet war. 
Natürlich war unter diesen Verhältnissen der 
Aufenthalt in Kastell weit interessanter, und ich 
benutzte meine freie Zeit, meine dortigen Be 
kannten zu besuchen, namentlich diejenigen, die 
in den Anßenwerken standen. 
Vor dem Hauptwall von Kastell lagen die 
vier Lünetten: Wiesbaden, Erbenheim, Hochheim 
und Frankfurt (?). Erbenheim und Hvchheim 
waren jede mit einigen Geschützbedienrrngen kur 
hessischer Artilleristen unter Unteroffizieren und 
vorr Abtheilungen des kurhessischen Leibgarde- 
regimerrts besetzt, die täglich wechselten. 
In der Lünette Erbenheim hatte am Nach 
mittag des 19. der Premierlieutenant von T., 
zrrrn Unterschied von dem gleichnamigen Second- 
lieutenant von uns „der Vetter" genannt, 
die Wache. Mit diesem war ich näher be- 
sreurrdet und besuchte ihn am Nachmittag, um 
mit ihm die Vorgänge im Gelände vor der 
Festung zu beobachten. Man war damals gerade 
eifrig damit beschäftigt, das Glacis zu „rasiren". 
d. h. alle Häuser, Bäume und Gebüsche, die 
dem Feinde Deckung gewähren konnten, nieder 
zulegen. Zum Schutze dieser Arbeiten wurden 
beständig Patrouillen ausgesandt, und wir konnten 
sehen, wie diese mit preußischen Patrouillen 
Schüsse wechselten. Erfolg hatte dieses Feuer 
nicht, wenigstens auf unserer Seite wurde niemand 
verletzt. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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