Full text: Hessenland (11.1897)

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Im Stadtrath hatten sie wirklich der Hütte 
des alten Jost den Untergang geschworen. 
Die Häuser der uralten Straße waren bau 
fällig, — erst im vorigen Herbst hat eine stürzende 
Zimmerdecke eine Frau und eine Kuh erschlagen —. 
Die Heuboden stießen überdies so nahe aneinander, 
daß durchschnittlich alle Monat einmal die 
ängstliche Feuerglocke vom Kirchthurm herab 
wimmerte, um die alte, athemlose Feuerspritze 
in rasselnde Bewegung zu setzen. Man war ent 
schlossen, dies ganze alte Häuser- und Scheunen 
gewirr zu entfernen, um Neues, Stattliches, 
Geradliniges dort erstehen zu lassen. 
Man wußte auch im Stadtrath, daß man 
für diesen Plan kämpfen mußte, aber, da das 
ganze Leben ein Kamps ist, war man entschlossen 
zu siegen. 
Einige Wochen nach dem erwähnten Gespräch 
brachte Dietrich, der wichtige, vierschrötige, blau- 
röckige, blankbeknöpfte Stadtdiener, den: Jost ein 
Schreiben vom hochlöblichen Magistrat, in welchem 
er zu einer Besprechung in die Stadtrathsitzung 
auf dem Rathhaus eingeladen wurde. 
„Ja, ja, Jost," sagte der Stadtdiener mit 
seiner breiten, fettigen Stimme, „diesmal wird's 
Ernst." Dietrich machte eine Pause, um mit 
bedächtigen, langsamen Schlucken das Schnäpschen, 
welches Mariechen ihm gastfreundlich geboten, 
herabzuschlürsen. „Wir wollen 'mal gründlich 
ausräumen mit dem Plunder, und Deinem alten 
Eulenthurm geht's zuerst an den Kragen —, 
natürlich geben wir eine anständige Consumption 
So eine polizeiwidrige Bauart! — — Der 
Schnaps war gut", schloß Dietrich mit einem 
Seufzer und einem begehrlichen Blick nach dem 
Steingutkruge aus dem Fensterbrett. — 
„Mein Haus steht mir lange gut!" entgegnete 
Jost, „wenn's deswegen ist, dann bringen mich 
keine zehn Pferde auf's Rathhaus. Braucht sich 
auch keiner her zu bemühen. — Mein Haus ist 
mir nicht feil." 
Das Kied vom 
Bon Car' 
Zur Zeit, als jeder Waidmann galt 
Noch als ein Mann vom Leder, 
Und fremd noch war die Amtsgewalt 
Mit Tintenfaß und Feder, 
Da lebte froh im Hesfenland 
Der Förster Grau, weithin bekannt 
Als Mann von neunzig Jahren. 
„Alles Geschreie hilft nichts", sagte Dietrich, 
sich aufblähend. — „Wir brauchen den Platz 
und damit basta. — Wer's nicht gutwillig 
hergiebt, wird gezwungen von Gerichtswegen. 
Wir werden Dir schon zeigen, was eine Harke ist." 
Und Dietrich zog sein rothkarrirtes Taschentuch 
hervor und schnäuzte sich mit viel Geräusch und 
Entschiedenheit. 
Jost würdigte ihn keines weiteren Blickes, 
murmelte etwas von Heiden und Gottlosen, die 
den Hausfrieden der Kinder Gottes stören, und 
hämmerte auf sein Leder los, als wäre die dicke 
Amtsperson des Dietrich nicht mehr vorhanden. 
Dietrich aber, der durch den blauen Rock mit 
den Messingknöpfen sehr hoch in der eigenen 
Achtung stand, fühlte in sich einen hochlöblichen 
Magistrat beleidigt und zeterte drohend: „Wir 
werden's Dir schon eintränken, Du alter Narr. 
Du wirst ockers schon gewahr werden, daß das 
Gesetz nicht fackeln thut." 
„Dort hat der Zimmermann das Loch gelassen!" 
schrie Jost, gebieterisch nach der Thür weisend, 
und angesichts der funkelnden Augen des Alten 
bequemte Dietrich sich zu einer schnelleren Gangart, 
als der Würde einer Magistratsperson zukommt; 
denn er sah nicht ein, weshalb er seine eigene 
Haut zu Markte tragen sollte. 
Das zitternde, sorgenvolle Mariechen folgte 
ihm begütigend mit dem Schnapskruge. 
„Da trinken Sie ockers noch einen, Herr 
Dietrich. — Sie wissen ja, dem Jost darf man 
nichts übel nehmen." 
„Sich so an einer Magistratspersou zu ver 
greifen!" schimpfte Dietrich, — stand aber doch 
still und näherte seine blaurothe Sausnase begehrlich 
dem Gläschen. — „Na — aus christlicher Nächsten 
liebe, — weil Sie es sind, Frau Nachbarin!" — 
Und dann ein tüchtiger Wuppdich, und Dietrich 
trottete beseligt über das spitze, holperige Pflaster, 
durch die gackernd aus einander fliegenden Hühner 
hindurch. (Schluß folgt.) 
Förster Grau. 
P r e s e r. 
Den traf sein Fürst einst an und sprach: 
„Wie pflegt Er nur zu leben? 
Kann Er — ich machte gern es nach — 
Mir das Rezept nicht geben ? 
Denn neunzig Jahre alt und frisch 
Wie dort im Teiche jeder Fisch, 
Fürwahr, das ist zum Staunen!"
	        

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