Full text: Hessenland (11.1897)

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Erinnerungen aus den letzten Tagen eines deutschen 
Fürstenthums. 
Von einem ehemaligen kurhessischen Offizier. 
(Fortsetzung.) 
(Nachdruck verboten.) 
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14. Juli wurde die nassauische Brigade 
wieder zum VIII. Armeeeorps zurückgerufen, 
^ V das inzwischen aus der Gegend von Frank 
furt in östlicher Richtung vorgegangen war, um 
die Verbindung mit den wieder nach Schweinfurt 
zurückgegangenen Baiern aufzusuchen. Dieser 
Rechtsabmarsch führte am 14. Juli zur Schlacht 
bei Aschaffenburg. 
Die Nachricht über diesen Kampf traf Sonn 
tag den 15. Nachmittags in Mainz ein, gleich 
zeitig damit die Kunde, daß unsere beiden 
Hufarenschwadronen an dem Gefechte theil- 
genommen und starke Verluste — man sprach 
von mehreren Offizieren und einigen fünfzig 
Mann — erlitten Hütten. Wenn diese Zahl, 
wie sich später herausstellte, auch stark über 
trieben war, so waren ihre Verluste doch in der 
That nicht unbeträchtlich, da sie die letzte Truppe 
gewesen waren, die die Mainbrücke bei Aschaffen 
burg unter heftigem Feuer überschritten hatte. 
Die Rittmeister von Baumbach und von 
Amelunxen, sowie Lieutenant von Schachten 
waren verwundet worden. Der zuerst genannte 
Offizier starb nach wenigen Tagen an seiner 
Wunde, die beiden anderen, die nur leicht ver 
letzt waren, trafen am späten Abend des 15. in 
Mainz ein. 
Natürlich bildeten in den nächsten Tagen die 
Erlebnisse unserer Husaren bei Aschaffenburg 
den Hauptgegenstand der Unterhaltung, wobei 
vielerlei Wahres und Falsches erzählt wurde. 
Unter Anderem sollten sich von der österreichischen 
Infanterie, worunter sich ein Regiment Italiener 
befand, viele widerstandslos haben fangen lassen, 
bezw. übergelaufen sein, was ich hier erwähne, 
ohne für die Wahrheit des Gerüchtes einstehen zu 
wollen. 
Die nächsten Tage brachten mancherlei Auf 
regung, denn das VIII. Bundesarmeecorps war 
nach dem Gefecht bei Aschaffenburg nach Würz 
burg zurückgegangen und hatte sich dort mit den 
Baiern vereinigt. Auch Frankfurt war von den 
letzten süddeutschen Truppen geräumt und bald 
darauf von den Preußen besetzt worden. 
Für die kurhessische Division bestand die nächste 
Wirkung dieser Ereignisse darin, daß die Kriegs 
verwaltung Hanau verließ und sich zuerst nach 
Darm st ad t und dann nach Ulm begab. Die 
zu ihrem Schutze bei Hanau zurückgehaltenen 
Truppen, ein Bataillon des 2. Infanterieregiments 
und eine Eskadron des 1. Husarenregiments, 
wurden nun ebenfalls nach Mainz berufen. 
Die Lage der Festung war durch die neueste 
Wendung der Dinge bedenklicher geworden, und 
dem wurde durch verschiedene Anordnungen des 
Gouvernements Rechnung getragen. So wurde 
unter Anderem befohlen, daß die noch in den 
Dörfern auf der linken Rheinseite kantonnirenden 
Truppen in die Festung einzurücken hätten; 
General von Buttlar, Kommandeur der kur- 
hessischen 1. Jnfanteriebrigade, wurde zum 
Kommandanten von Kastell ernannt und ver 
legte sein Quartier dahin. Major Bauer 
von unserem Regiment wurde zum artilleristischen 
Leiter der Vertheidigung von Kastell bestimmt, 
und die Besatzung dieses Brückenkopfes wurde 
durch unser Schützenbataillon, zwei Eskadrons 
Husaren und die reitende Batterie verstärkt. 
Am 17. verdichteten sich die unbestimmten 
Gerüchte zu der Nachricht, daß die Preußen 
einen Handstreich gegen die Festung beabsichtigten, 
was die Anordnung noch weiterer Sicherheits 
maßregeln , wie Ausziehen der Zugbrücken und 
Schließen der Thore während der Nacht, zur 
Folge hatte. Unsere gezogene Batterie mußte 
eine Bereitschastsstellung in der neuen Anlage, 
dem Ende der Eisenbahnbrücke gegenüber nehmen, 
um diese emtïetenbeu Falles der Länge nach be 
schießen zu können, wenn feindliche Truppen den 
Versuch machen sollten, über sie vorzugehen. 
Der erwartete Handstreich blieb zwar aus, 
aber am 18. Juli erschienen in der That 
preußische Truppen vor Kastell und besetzten die 
umliegenden Höhen von Hochheim bis Biebrich. 
Am folgenden Tage siel der erste Kanonen 
schuß aus der Festung. 
Von meinem Fenster im „Englischen Hof" 
aus konnte ich das jenseits Kastell sanft an 
steigende Gelände, die sogenannte „Erbenheimer 
Höhe" zwischen Wiesbaden und Hochheim, weit 
übersehen, und als ich sie am Morgen des 19. 
mit meinem Fernglas musterte, entdeckte ich 
blitzende Kürasse und Helme in den Weinbergen 
zwischen Erbenheim und Hochheim. Es waren 
preußische Kavallerievorposten. In der Mitte 
zwischen diesen beiden Ortschaften stand ein 
großer einzelner Baum. Dort schien sich die 
Feldwache zu befinden, wie aus dem Kommen
	        

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