Full text: Hessenland (11.1897)

Die Stadt Fritzlar wurde selbstverständlich in 
Mitleidenschaft gezogen. Der Erzbischof, Namens 
Siegfried, stand erst heimlich, dann ganz offen 
auf Seiten der Feinde des Kaisers, insbesondere 
des von einem Theile der Fürsten erwählten 
Gegenkönigs Rudolph von Schwaben. Hein 
rich IV. nahm Fritzlar ein und den Erzbischof 
gefangen, als aber nun Rudolf mit überlegener 
Heeresmacht heranritt, mußte sich der Ort nach 
Gegenwehr ergeben und wurde zerstört (1078). 
Es blieb bis zum Jahr 1085 in Schutt und 
Trümmerhaufen, wie es der Erzbischof Wezilo 
sehr anschaulich beschreibt.^) 
Es ist dieselbe Urkunde, in welcher auch Probst 
und Chorherrn zu Fritzlar erwähnt werden. 
Dieser Probst (praepositus) war der erste und 
angesehenste Geistliche des fränkischen Hessen, denn 
er übte als Archidiakon die Aufsicht über neun 
Dekanate aus: Ottrau, Urs, Bergheim, Fritzlar, 
Mardorf (bei Homberg), Brauch 19 ) (bei Rotenburg), 
Gensungen, Kirchditmold (unter dem Kassel stand) 
und Schützeberg (Wüstung bei Wolshagen). 
Mainz hielt die einmal erlangte Herrschaft 
über Fritzlar mit Entschiedenheit fest. Manch 
mal schien es, als ob ihm der Kaiser dieselbe 
wieder entreißen wollte. So hatte Heinrich IV. 
sich bei Fritzlar gelagert (1104), und sein Sohn 
und Nachfolger Heinrich V. hielt dortselbst, ehe 
er nach Italien gegen Papst Paschalis II. zog, 
eine Versammlung (1115). Dann offenbart sich 
wieder das Uebergewicht von Mainz. Auch der 
kriegerische Heinrich V. entging den gewaltigen 
Wurfgeschossen der katholischen Kirche nicht, und 
in der Kirche zu Fritzlar wiederholte der päpst 
liche Legat, Bischof Kuno von Präneste, auf einer 
daselbst gehaltenen Synode den schon früher gegen 
") „ als ich an den Ort kam, welcher Friedeslar 
heißt, fand ich die Stiftskirche von den Sachsen ver 
brannt, das Kloster fast ganz verwüstet und beinahe 
den ganzen Ort durch Mord und Brand von jener" 
schändlichen Räuberrotte verheert." (Würd tw ein. 
Tom. III, pag. 378 sq.) ^ 
10 ) Bergt. Falckenheiner , S. 78 fg. über die näheren 
Verhältnisse des Fritzlarer Chorherrn-Stifts. 
den Kaiser ausgesprochenen Bannfluch (1118). In 
Fritzlar schenkte Erzbischof Markulf von Mainz 
dem Kloster Hilwartshausen den sog. Neubruch- 
Zehnten (1128), und auf eine Synode zu Fritzlar 
(1129) verwarf Erzbischof Heinrich die Ver 
einigung der Abteien Fulda und Hersfeld. 
Am meisten aber offenbart sich die Herrschaft 
von Mainz in einer Urkunde über die Kirchen- 
Visitation des Erzbischofs Christian II. (1171), 
welche zugleich für die Baugeschichte der Stifts 
kirche zu Fritzlar von großer Wichtigkeit ist^) 
Die Kirchen-Visitation wurde abgehalten im Bei 
sein des Landgrafen Ludwig II. von Thüringen 
und Hessen, welcher als Schirmvogt der Kirche 
(advocatus ecclesiae) bezeichnet wird, und in 
Gegenwart einer großen Anzahl von Geistlichen. 
Der Erzbischof beklagt die traurige Lage, in der 
sich die Kirche befände, insbesondere daß die 
Dachgebälke durch eingedrungenes Regenwasser 
verfault, der Chor durch die geringe Zahl der 
Fenster verdunkelt sei u. dergl. m., er hat aber 
auch den Grund ermittelt, wodurch die Kirche in 
einen solchen Zustand gerathen ist. Das Stift 
hat sich wenig um dieselbe bekümmert und die 
dafür bestimmte Präbende für einen über die ge 
setzliche Zahl aufgenommenen Chorherrn — die 
Zahl hat übrigens zu verschiedenen Zeiten ge 
wechselt^^ — verwandt. Wenn hiernach noch 
immer von dem traurigen Zustande der Kirche, 
wie derselbe schon in der Urkunde von 1085 ge 
schildert wurde, gesprochen wird, so kann der Neu 
bau erst nach dem Jahre 1171 begonnen sein, 
und es ist weiter anzunehmen, daß die jetzt noch 
erhaltene Kirche aus den Jahren zwischen 1171 
und 1236 stammt. 
Indessen muß eine nähere Beschreibung ver 
schoben werden, da manche Veränderungen noch 
durch die nachfolgenden Ereignisse herbeigeführt 
worden sind. * 21 
‘V Abgedruckt Falckenheiner Band II, S. 171 fg. 
21 ) Bier Prälaten : Probst, Dekan, Scholast und Kantor, 
und meist 11 Chorherrn oder Stiftsherrn, capitulares. 
(Fortsetzung folgt.) 
fMer Tag versinkt mit seiner Gluth 
^ In weiche, kühle Dümmerdüfte, 
Kein Lärm verhallt, und alles ruht 
Im Frieden linder Allendtüfte. 
Non Ferg zu That, durch Wald und Flur 
Zieht schtummermüd ein leises Bellen, 
Bis nähme Gott dir letzte Spur 
Der Daseinstust vom Menschenleben. 
Mus farllensatten Fernen bricht 
Gin letztes Leuchten, letztes Grützen, 
Und weithin liegt im Dämmerlicht 
Mir träumend die Natur ;u Fützen. 
ßark prefer.
	        

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