Full text: Hessenland (11.1897)

275 
Theater. In der Zeit vom 1. —14. Oktober 
hatte das Königliche Theater zu Kassel mehrere 
Aufführungen von zwar alten, aber dort noch gar 
nicht oder wenigstens lange Zeit nicht gegebenen 
Stücken zu verzeichnen. Es waren dies zwei Stücke 
von Grillparzer, das Lustspiel: „Weh dem, 
der lügt!" (2. Okt.) und das Trauerspiel: „Sappho" 
(6. Okt.), ferner aus dem Gebiete der Oper: 
Donizettis „Regimentstochter" (1. Okt.). Ab 
gesehen davon ist noch hervorzuheben, daß in der 
trefflichen „Tannhäuser"-Vorstellung am 3. Oktober 
der durch langwierige Krankheit bis dahin am 
Dirigiren behinderte erste Kapellmeister Treiber 
zum ersten Mal wieder seines Amtes waltete und 
vom dichtbesetzten Hause jubelnd begrüßt wurde. 
Die Wiedergenesung des gefeierten Dirigenten be 
kundete vollends die am 7. Oktober in gewohnter 
Vorzüglichkeil vor sich gegangene Aufführung der 
„Walküre", an welcher vorher mit den be 
sonderen Verehrern Richard Wagner's das ge- 
sammte musikliebende Publikum seine Freude gehabt 
hat. In „Marie, oder die Regimentstochter", der 
allein wirklich volksthümlich gewordenen von den 
69 Opern des bekannten in Bergamo in Oberitalien 
geborenen und gestorbenen Komponisten (1797 bis 
1848), die durch die Frische ihrer Melodien zu der 
Trivialität italienischer Opernmusik im wohlthuenden 
Gegensatz steht, war die Titelrolle einem neuen 
Mitglied des Theaters, der zweiten Koloratur 
sängerin Fräulein von Benno, anvertraut. Die 
junge Sängerin verrieth zwar in Gesang und Spiel 
noch Spuren der Anfängerschast, namentlich in 
ersterem, indem die Stimme in Bezug auf Trag 
fähigkeit noch weiterer Kräftigung und in Betreff 
besserer Ausgleichung der Koloraturen noch weiterer 
Studien bedarf, doch wurde die temperamentvolle 
Leistung sehr beifällig aufgenommen. 
Die neu eingetretene erste dramatische Sängerin 
Fräulein Joachim hat sich nicht minder bereits 
aus das Beste eingeführt, namentlich gilt dies von 
ihrer „Elisabeth" im Tannhäuser, in dem auch 
ihre vornehme Darstellung anerkennend besprochen 
worden ist. Die Stimme, ein edler Mezzosopran 
von ausgeprägtem Charakter, hat etwas ungemein 
ansprechendes. Daß die Künstlerin in den höheren 
Lagen nicht über gleich ausreichende Mittel verfügt, 
wird der Wirkung ihrer Leistungen in einzelnen 
Rollen wie z. B. im „Fidelio" immerhin Abbruch 
thun. 
Von den oben erwähnten Darbietungen aus dem 
Gebiete des Schau- und Lustspiels wurde Grill 
parzers „Sappho" wieder wie vor etwa sieben Jahren, 
als Fräulein Bleib treu die Titelrolle inne hatte, 
vor einem gut besuchten Hause wonicht mit Be 
geisterung, so doch mit dem lebhaften Beisall aus 
genommen, der einem der reifsten Dramen des 
großen österreichischen Dichters in so fast durchweg 
tadelloser Besetzung, wie sie in Kassel möglich ist, 
gebührt. Fräulein Himmighvfsen erwies sich 
als ruhmesüberdrüssige, sich nach Liebe sehnende, 
aber in ihren Hoffnungen getäuschte Sappho aber 
mals als eine sehr schätzenswerthe Tragödin, ebenso 
hatte Fräulein Ellmenreich, die bei den Kasselanern 
so beliebte jugendliche Liebhaberin, als Melitta 
Gelegenheit sich natürlich und anmuthig zu geben. 
Auch unser hessischer Landsmann der vielverwendete 
und verwendbare Herr Kothe fand sich mit der un 
dankbaren Ausgabe des von zwei Frauen geliebten 
Phaon nach Vermögen ab. Nicht denselben Erfolg 
hatte das in Kassel bislang noch nicht aufgeführte 
Grillparzer'sche Lustspiel: „Weh' dem, der lügt!" 
Bei aller Verehrung vor der Sprache des wahren 
Dichters, die sich auch da nicht verleugnet, 
muß doch offen gesagt werden, daß diesem Lust 
spiel der Charakter eines solchen abgeht und 
das Ganze zu wenig dramatisches Leben besitzt, 
um wirksam zu sein. Dem Stück liegt der Gedanke 
zu Grunde, daß die Wahrheit das oberste Gesetz 
im Verkehre der Menschen sein solle, daß aber 
auch der lauterste Charakter sich nur schwer im 
Gewirre des Lebens frei von Trug und dem 
Vorwurfe der Lüge erhalten könne. Problem und 
Ausführung sind zum Lustspiel ungeeignet. Nur 
eine bunte, vielgestaltige Intrigue hätte das Thema 
etwa zum Lustspiel brauchbar machen können, die 
aber fehlt. Der aus dem fränkischen Geschichts 
schreiber Gregor von Tours (6. Jahrhundert) und z.TH. 
aus Thierry's „Neeits Ü68 Temps Merovingiens" 
entnommene Stoff ist zu einfach naiv, um den 
heutigen Ansprüchen zu genügen. Daß das Werk 
bei seiner erstmaligen Ausführung im Wiener 
Burgtheater am 6. März 1838 einen durchschlagenden 
Mißerfolg erlitt, ist noch unvergessen, ebenso daß 
es nach den drei pflichtschuldigen Respektsvorstellungen 
aus Jahrzehnte von den Brettern verschwand. 
Selbst die rücksichtsvollsten Beurtheiler, die mit 
wahrer Pietät an Grillparzer hingen, sprachen 
dem Lustspiel theatralische Wirksamkeit ab, mit 
ihnen Laube, und selbst in neuerer Zeit, wo das 
Wiener Publikum auch dieser Schöpfung seines 
Grillparzer günstig gestimmt war, ist ihr lediglich 
ein Achtungserfolg beschieden gewesen. Sogar 
Faul Hamm er, der Biograph des Dichters, der 
alles Mögliche vorbringt, um auch diese Dichtung 
zu retten, muß einräumen: „. . ,Weh dem, der 
tilgt! 4 ist ein gewagtes Stück". 
Von modernen Dichtern ist der Franzose Sardou 
zum Wort gekommen und zwar mit seiner, wie an 
anderen Orten so auch hier, schon so häufig gege 
benen: „Madame Sans-Gsne", die am Sonntag, den
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.