Full text: Hessenland (11.1897)

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sich an die grünen Rekruten wenden. — Und 
doch, wenn ich bedenke, daß die Sonne über uns 
gebrannt hatte, wie sie nur je in den Hunds 
tagen gebrannt hat, und daß man, wenn man in 
der Lage dazu ist, keinen Menschen leiden sehen 
soll, wohin ich auch das Durstleiden rechne 
Prosit! — dann ist es mir, als hätte es mir 
auf ein vaar Groschen nicht ankommen sollen, 
wenigstens hätte ich mir vieles Unangenehme er 
spart. Aber was sage ich, ich hätte ja dann auch 
nicht die Bekanntschaft meines hölzernen Freundes 
gemacht, und so bleibt es doch wieder das Beste, 
was ich thun konnte. Daß ich damit in ein 
Wespennest gestochen und solches ganz aufgerührt 
hatte, ahnte ich nicht. 
Die Fütterung war vorüber, meine Stute ge 
striegelt und geputzt, daß sie glänzte zur Lust und 
Freude ihres Reiters. Sie selbst schien das zu 
fühlen, denn sie wieherte laut auf. Nun ging 
es zur Tränke. Hier muß ich kurz einschalten, 
daß die Kaserne, die unsere Schwadron damals 
bezogen hatte, die sogenannte „neue Kaserne" 
war, die, sich mit einem Flügel an das alte 
Zeughaus anlehnend, ein Viereck beschreibt. Die 
eingezogene Landwehr hatte den Flügel, der die 
„Neue Straße" begrenzt, inne. Aus der Mitte 
jeden Flügels führte eine Thür auf den inneren 
Kasernenplatz, der zugleich als Reitbahn diente. 
Gewöhnlich waren neben diesen Thüren im Stalle 
die großen steinernen Wassertröge angebracht, die 
aus einer Wasserleitung mit stets frischem Wasser 
gespeist wurden und zur Tränkung der Pferde 
dienten. Da nun mein Pferd dicht neben der 
Thür, die auf den Kasernenhof führte, seinen 
Stand hatte, so brauchte ich nicht weit zu der 
Trünke. Ich band daher meinen Gaul los und 
führte ihn zu dem nahen Troge, fand ihn jedoch 
noch trockener, wie vorhin die mir von dem Quar 
tiermeister zugeschickten Biergläser. „Auch gut", 
sagte ich, leitete mein Thier zur Stallthür hinaus 
über die Reitbahn zu der schräg gegenüberliegenden 
Stallthür des Mittelgebäudes und durch diese an 
den innen, neben ihr befindlichen Steintrog, der 
von Wasser fast überlief. Hah, wie schlürfte 
mein Gaul in langen, heißen Zügen, wie wieherte 
er nach dem Genusse hell auf und peitschte Lenden 
und Weichen mit dem prachtvollen Schweife. Wie 
beneidete ich ihn um den kühlen Trunk, ich, dem 
selbst die Zunge an dem Gaumen klebte! 
Gesättigt, wie das Roß war, wollte ich es 
in seinen Stand zurückführen. Da inzwischen 
aber noch mehr Reiter kamen, die ihre Thiere 
zu tränken gedachten, so war es mir nicht möglich, 
dies vorwärts durch die innere Stallgasse zu 
thun, und es blieb mir als einziger Ausweg 
der durch die Stallthür, durch die ich gekommen 
war, worauf ich den Rückweg über die Reitbahn 
einzuschlagen beabsichtigte. Kurz entschlossen nahm 
ich dem Pferde den Kopf hoch, es so rück 
lings zur Thür hinaus zu bugsiren. Diesmal 
zeigte sich das Thier weniger folgsam, als sonst 
und bewies seinen Unmuth dadurch, daß sein 
Schweif rechts und links die Luft peitschte. 
Wollen oder nicht wollen, gab es indessen nicht. 
Doch wenn man Pech hat! Neben der Thür 
hatte sich die Korporalschaft der Schwadron ver 
sammelt und ruhte sich in der freundlichen 
Sommersonne von den Strapatzen des Tages 
aus, und da hatte mein Gaul die Ungezogenheit, 
dem zunächst stehenden Korporal Berner mit 
seinem Schweife den langen Schnurbart von dem 
Marschstaube rein zu peitschen; der Genannte 
war wegen seines barschen Wesens hinlänglich 
bekannt. Kaum hatte er sich die in Unordnung 
gerathenen Spitzen seines Bartes wieder regelrecht 
gezwirbelt, so begegnete er mir mit einer Sintfluth 
von Schimpfreden, die ich in ihrer Gesammtheit 
nicht wieder geben will, da ich es verschmähe, 
mich zum Echo schmutziger Gemeinheiten zu 
machen. Nur das Eine kann ich nicht umgehen, 
er trat mir näher und schnauzte mich mit einer 
nicht mißzuverstehenden Handbewegung an: „Ver 
fluchter L , ich will dich lehren, wie ein 
Pferd geführt werden muß!" 
Ruhig stellte ich mein Thier, hörte ihn an, 
und als er geendet, entgegnete ich ihm: „Kor 
poral, ich glaube nicht, daß ich zur Standarte 
gerufen bin, mir ehrenrührige Schimpfreden ge 
fallen lassen zu müssen; ich verbitte mir dieselben 
höflichst, ebenso das Dützen; denn mir ist nicht 
bewußt, daß wir je auf Der und Du gestanden 
hätten. Lassen Sie aber das Schimpfen nicht, so 
muß ich Sie, als Soldat, der Ehre im Leibe hat, 
melden!" 
Damit wandte ich mein Pferd und führte es 
auf dem früher beschriebenen Weg zurück in 
feinen Stand. Kaum hatte ich es augehalftert, 
da gab die Trompete das Zeichen zum Streu 
machen. Als ich nun damit beschäftigt war, 
dieses vorschriftsmäßig zu thun, trat hinter der 
hohen Säule, an die sich mein Pferdestand an 
lehnte, jener Korporal Berner mit den Worten 
hervor und an mich heran: „Sch , was 
sagtest Du von meldend Ich will dich bemelden!" 
und dabei brannte mir eine derartige Backpfeife 
auf der linken Wange, daß es mir in den Ohren 
sauste, als tummele sich darin eine Windsbraut 
herum, nur daß es mir, wie Blitzfunken und 
Brandraketen, aus den Augen schoß. Einen 
Augenblick lang war ich perplex, im andern
	        

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