Full text: Hessenland (11.1897)

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den beschwerlichen Nachtmarsch unternehmen, denn 
Prinz Alexander hatte einen Offizier seines Stabes 
-nach Mainz geschickt, der sich persönlich von der 
Ausführung des Befehles überzeugen sollte. 
Alzey und Wöllstein liegen ziemlich gleich weit, 
jedes etwa vier Meilen von Mainz entfernt, und 
wenn dort wirklich 500 Mann Preußen — um 
so viel sollte es sich nämlich nur handeln - 
eingerückt waren, so konnte eine Gefahr für 
Mainz daraus nicht erwachsen. Es handelte sich 
also nur um großherzoglich hessische Interessen. 
Wie kam die „neutrale" Festung dazu, ihre Be 
satzung zu solchen, ihr ganz fern liegenden 
Dingen zu verwenden? 
Aehnlich lag es mit einem anderen Zwischen 
fall, der sich in diesen Tagen ereignete, dem es 
aber auch an einer heiteren Seite nicht fehlte. 
Am 9. Juli war die nafsauifche Brigade 
vom VIII. Armeecorps, das damals wieder in der 
Nähe von Frankfurt stand, in's Herzogthum zurück 
gekehrt, um die von Koblenz aus dort einge 
drungenen schwachen preußischen Abtheilungen, die 
meist aus Landwehr bestanden, zu vertreiben. 
Als Rückhalt für die Nassauer wurden am 
10. Juli zwei Bataillone Würtemberger nach 
Biebrich und Wiesbaden vorgeschoben. Dem 
nach Biebrich bestimmten Bataillon wurde ein 
Halbzug unserer Garde du Corps unter Lieutenant 
von Schenk zu Schweinsberg beigegeben. 
Wenige Tage später verbreitete sich das Ge 
rücht, der Lieutenant von Schenk habe eine An 
zahl preußischer Infanteristen zu Gefangenen 
gemacht. . Und so war es in der That. Am 
Tage nach Schenk's Ankunft in Biebrich hatte 
ihm der Generaladjutant des Herzogs von Nassau 
— und zwar ohne es für der Mühe werth zu 
halten, vorher die Genehmigung des Generals 
von Loßberg einzuholen — befohlen, sich bei dem 
zwischen Wiesbaden und Langenschwalbach stehenden 
nassauischen Brigadegeneral Roth zu melden. 
Mit diesem war er am folgenden Tage nach 
einem kleinen nassauischen Orte Sabern vor 
gegangen. Hier erhielt er von einem Postillon 
die Nachricht, daß, in einem in geringer Ent 
fernung gelegenen Dorfe, dessen Name mir ent 
fallen ist, eine kleine preußische Jnfanterieab- 
theilung auf Borposten stehe. Schenk erbat und 
erhielt die Erlaubniß, den Versuch zu machen, 
diesen Posten aufzuheben, wozu ihm ein paar 
Infanteristen zugetheilt wurden. Diese setzte er 
in den Postwagen und trabte dem Orte zu. 
Bei seiner Annäherung waren die Preußen gerade 
aus dem Dorfe abgezogen und befanden sich 
dahinter auf freiem Felde. Beim Anblick der 
Reiter schienen sie sich zwar zur Wehr setzen zu 
wollen und bildeten einen kleinen „Igel", legten 
aber auf eine Aufforderung des Lieutenants von 
Schenk die Gewehre nieder und ergaben sich. 
Sie mochten den Trupp Schenk's — 10 Gardes 
du Corps und vier oder fünf Infanteristen — 
wohl für die Spitze einer größeren Abtheilung 
gehalten haben. Schenk lieferte einen Unter 
offizier und sechzehn Mann Gefangene an den 
General Roth ab. 
(Fortsetzung folgt.) 
Wein Stock. 
Ein Stück hessischen Kasernenlebens, von Ludwig Mohr. 
(Fortsetzung.) 
inige Zeit ging so darüber hin. Einst machten 
ß wir einen größeren Ausflug; irre ich nicht, so 
F war es nach dem Dörnberge. Wir hatten früh 
gesattelt und kehrten gegen zwei Uhr Nachmittags 
in die Kaserne zurück. Kaum hatten wir die 
Rüstungen und Uniformen abgelegt, so ries die 
Trompete auch schon wieder zum Stalldienste. 
Gewöhnlich beginnt ein solcher mit dem Trünken 
der Gäule. Da ich den meinen aber noch sehr 
warm von dem angestrengten Ritte fand, beschloß 
ich, ihn vorerst trocken zu reiben und nach der 
Fütterung zu tränken. So war ich denn mit 
dem Abreiben beschäftigt, als ein Rekrut, der 
sieben bis acht leere Biergläser in den Händen 
trug, auf mich zutrat und mir sagte, der Quar 
tiermeister Hehle, derselbe, der sich vorhin gedrückt, 
sende ihn, ich solle ihm Geld geben, damit er im 
Freihause, — Ihr kennt ja das in der Nähe des alten 
Klosters, unserer Kaserne, gelegene Bierhaus, — 
Bier holen könne. 
Nun ist es mir auf ein paar Schoppen Bier 
während meiner Dienstzeit, wenn ich das Geld 
dazu hatte, nie angekommen; es wäre mir es auch 
damals nicht, allein die Art und Weise, wie das 
Ansinnen an mich gestellt wurde, gefiel mir nicht. 
Ich lehnte demgemäß mit den Worten ab, ich 
sei ein Alter und kein Rekrut mehr; wenn der 
Quartiermeister Bier trinken wolle, so möge er
	        

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