Full text: Hessenland (11.1897)

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auf, wonach er einen Baumgarten seit dem 
Jahre 1529 anlegen ließ; dieser nahm den süd 
östlichen Theil des jetzigen Friedrichsplatzes, einen 
Theil der Oberneustadt, wie den Abhang des 
Weinbergs — jetzigen Schönen Aussicht — zur 
kleinen Fulda hin ein. Zur selben Zeit begann 
auch die Befestigung Kassels nach der damals 
aufkommenden Art mit Basteien, die durch Wälle 
verbunden waren, an Stelle der mittelalterlichen 
Mauern und Thürme. Der Geist des sünfund- 
zwanzigjährigen Fürsten umfaßte die verschie 
densten Seiten seines hohen Berufes, während er 
in dem Kampfe für den Glauben aufzugehen 
schien. Es mußte bereits ein großer Theil der 
Aue von den Landesherren erworben sein, als 
Philipp's Nachfolger, Wilhelm IV., ein rechter 
Friedenssürst, seine schaffende Thätigkeit der Aue 
zuwendete. 
Wilhelm führte während des Vaters Gefangen 
schaft 1547—1552 die Regierung des Hessen 
landes, behielt auch nach Philipp's Heimkehr 
Einiges dem Regenten Obliegende bei, darunter 
das Bauwesen. Er ließ 1557 den Bau eines 
neuen Schlosses beginnen, das von dem Ahnherrn 
Heinrich erbaute wurde theilweise abgebrochen. 
Wilhelm faßte hierbei den Gedanken, dem Fürsten- 
schlosse, das noch von Wall und Graben umgeben 
war, eine freundlichere Umgebung zu verschaffen. 
So schritt er im Jahre seines Regierungsantritts 
1567 zur Anlage eines Lustgartens auf der 
seit 1308 vergrößerten Klosterhufe: ein glück 
licher Gedanke war das, der Anstoß zu einer 
Entwickelung durch die folgenden Jahrhunderte, 
an welcher alle Nachfolger Wilhelm's mehr oder 
weniger Antheil genommen haben. 
Die bloße Beschreibung des Werdens der Aue 
würde nicht genügend anschaulich sein können, wenn 
auch gewiß allen meinen geehrten Zuhörern der 
schöne Park bis in's Einzelnste bekannt ist. Vor allem 
war es mir darum zu thun, die ursprüngliche 
Gestalt der Insel zu erkennen, wie sie im Mittel 
alter bestanden hat, bis Landgraf Karl seine 
durchgreifende Umgestaltung durchführte. Es ist 
mir nicht gelungen eine Karte Kassels mit Um 
gebung aufzufinden, welche die Fulda in zwei 
Armen und die von beiden umflossene Insel 
darstellte, nur einige aus der Mitte des 17. Jahr 
hunderts zeigen einen Theil, doch ohne eine 
Hauptsache, nämlich die Theilung des Flusses. 
In meiner Noth suchte ich nach einer alten 
Katasterkarte und hatte das Glück, auf der im 
hiesigen Katasterbureau aufbewahrten hessischen 
Katasterkarte vom Jahre 1686 das Gesuchte zu 
finden, wobei ich von den gefälligen Beamten 
auf das Beste unterstützt wurde. Da auf dieser 
aus einer großen Anzahl Einzelblättern be 
stehenden Karte bemerkt ist „ganz zerrissen und 
unbrauchbar", so ist es erklärlich, daß sie schwierig 
zu gebrauchen ist, zudem fehlen Theile in der 
von mir zu benutzenden Gegend. Für die Zeit 
von Landgraf Wilhelm IV. bis aus Landgraf 
Karl vermag ich nur eine Zeichnung nach 
Merian auszuführen, welche den Lustgarten an 
der Auespitze mit seinen Gebäuden darstellt. 
Man ersieht auf derselben, wie um die Mitte 
des 17. Jahrhunderts die Anlagen beschaffen 
waren, als das von Wilhelm IV. und von 
Moritz Angelegte und ihre Gebäude noch im 
Allgemeinen erhalten waren. 
Wenden wir uns zurück zur Entstehung unserer 
Aue; leider vermag ich ihren Geburtstag nicht 
anzugeben, den Tag des Jahres 1567, an dem 
der erste Spatenstich zu dem „Lustgärtlein" 
Landgraf Wilhelm's geschah, vermuthlich unter 
den Augen des Fürsten selbst. Die gemachten 
Anlagen der tiefliegenden Insel vor den Ueber- 
fluthungen durch die Fulda zu schützen, ließ 
Wilhelm gleich im ersten Jahre ihres Be 
stehens, 1568, „Damme vmb den Garten in 
der Awe" machen, über deren Ausdehnung nichts 
überliefert worden ist, die aber nahe um den 
Lustgarten — hinter der jetzigen Orangerie — 
zu denken sind. Der Landgraf ließ sich die 
Pflege seiner jungen Anlage auf's höchste an 
gelegen sein, brachte manche Stunde, die er den 
Pflichten als Regent abmüßigte, mit seinen 
Blumen, Sträuchern und Bäumen hin. Diese 
lohnten ihm denn auch Liebe und Mühe, die 
Anlage wurde berühmt. Wilhelm trat nach vielen 
Seiten hin in Beziehungen mit Personen, durch 
die er Pflanzen und Sämereien erhielt; ebenso 
wurde er vielfach als Autorität, seine Gürten 
und Gewächshäuser als eine Bezugsquelle, ge 
schätzt; des Landgrafen Schloßgarten war der 
erste botanische in Hessen. 
Unseres Wissens hatte Wilhelm in seiner 
kleinen Vaterstadt kein Vorbild für seine gärt 
nerische Thätigkeit gehabt, als den Baumgarten 
seines Vaters; er scheint durch seinen Aufent 
halt in Süddeutschland dazu angeregt worden 
zu sein, wo bereits eine Gartenkunst sich zu ent 
wickeln begann. Während des Schmalkaldischen 
Krieges befand er sich vom Juli 1546 bis zum 
April 1547 in Straßburg, später besuchte er 
mehrfach Stuttgart, wo er seine Lebensgefährtin, 
Sabine von Würtemberg, gewann. 
In dem neuen Garten führte er ein Gebäude 
aus, das „Pomeranzenhäuschen", in dem 
die ausländischen Gewächse aus wärmeren Land 
strichen während der kälteren Jahreszeit unter-
	        

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