Full text: Hessenland (11.1897)

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Mir unsere Aue geworden ist. *> 
Vortrag, gehalten im Vereine für hessische Geschichte und Landeskunde am 26. April 1897. 
Von Carl von Stamford. 
» ie Stadt Kassel ist von der Natur in nicht 
geringem Grade bevorzugt worden, westlich 
- derselben, in die Abhänge des Habichtswaldes 
eingebettet, ruht die unvergleichliche Wilhelmshöhe, 
südlich längs der Fulda hingestreckt, die schöne 
Karlsaue. Beides Schöpfungen hessischer Fürsten, 
wie ihre Namen andeuten, Anlagen, für welche 
der Habichtswald geradezu einlud, da bereits im 
zwölften Jahrhundert die überall für schön und 
sruchtverheißend gelegene Orte findigen Mönche 
hier das Kloster Weißenstein gegründet hatten; 
wogegen das südlich der Stadt in der Tiefe am 
Flusse gelegene Stück Erde ursprünglich nichts 
Einladendes zu einer Anlage aufwies, wie wir 
heute sie sehen. Es mag nicht ohne Interesse 
erscheinen, in einem kurzen Ueberblicke vor unseren 
Augen den Gang vorzuführen, den die Umwand 
lung eines wüsten, sumpfigen, tiefgelegenen Ge 
ländes in einen herrlichen Park genommen hat. 
Der erste hessische Fürst, Heinrich das Kind, 
verlegte den Fürstensitz von Marburg nach Kassel 
und errichtete hier 1277 an Stelle des alten 
Schlosses der Thüringer Landgrafen ein neues 
aus der Höhe, an deren Fuße die beiden Arme 
der auf einer kurzen Strecke getheilten Fulda 
sich wieder vereinigten. Hier hatte in unvor 
denklicher Zeit das Herrenhaus der Chatten- 
häuptlinge gestanden, denen Herren aus fränkischem 
Geschlechte, dann deutsche Könige, später die thü 
ringischen Landgrafen folgten — der Punkt erschien 
als für den Herren dieser Landschaft gezeichnet. 
Noch unter Heinrich I. findet sich die erste 
Erwähnung der von der Fulda umschlossenen 
Insel. Der Landgraf ertauschte von dem Kloster 
Hersedehausen im Jahre 1308 gemeinsam mit 
seinem Sohne Johannes eine halbe Hufe Landes 
aus der in der Fulda nahe Kassel gelegenen 
Insel gegen ein Gehölz, das Espe, zwischen 
Hohenkirchen und dem Kloster Hadebrechtshansen, 
(Nachdruck verboten.) 
dem heutigen Münchehof. Diese halbe Hufe ist 
der Keim, der zu der weitgedehnten Anlage der 
Aue erwachsen ist, man darf mit höchster Wahr 
scheinlichkeit annehmen, daß sie an dem Zusammen 
flüsse der beiden Arme der Fulda gelegen war. 
Aus diesen Fleck fiel des Fürsten Blick, wenn er 
von seinem Schlosse die Augen über die liebliche 
Landschaft zu seinen Füßen schweifen ließ, es ist 
zu vermuthen, daß er nicht ohne Absicht hier 
einen Besitz erwerben wollte, der so leicht mit 
dem Schlosse in Verbindung gebracht werden 
konnte. Aber eine gewisse Nachricht über dieses 
ist nicht überliefert worden, wir wissen nur, daß 
jene halbe Hufe mit Bäumen und Gesträuch 
bedeckt war und daß Wild sich hier aufhielt. In 
der nachfolgenden Zeit hören wir nichts über die 
Insel oder Aue in der Fulda, müssen jedoch an 
nehmen, daß sie mehr und mehr urbar gemacht 
wurde, als Kassel und seine Umgegend an Be 
wohnerzahl wuchsen. Am Fuße des Weinbergs 
lag im vierzehnten Jahrhundert ein Dörfchen 
Weingarten, dessen wohl nicht zahlreiche Ein 
wohner den Weinbau an dem Abhange betrieben; 
die Aue gehörte dem Dorfe an und diente zum 
Ackerbau, und als im Jahre 1385 bei Belagerung 
Kassels das Dörfchen verwüstet wurde, kehrten 
seine Bewohner nicht wieder zurück, sondern suchten 
in der Stadt ein neues Heim. Es ist wahr 
scheinlich, daß hierbei ihre Länder in der Aue 
auch der Stadt zugeführt worden sind. Außer 
für den Ackerbau wurden bedeutende Strecken in 
der Aue als Weide und Trist für das in jener 
Zeit noch zahlreich von den Bürgern gehaltene 
Vieh benützt, wie auch der Landesherr in der 
geldarmen Zeit als größter Grundbesitzer des 
Landes zahlreiche Heerden unterhielt und aus 
gedehnte Ländereien bewirthschaften ließ. 
Erst unter Landgraf Philipp dem Groß 
müthigen taucht aus dem Dunkel eine Nachricht 
*) Für diesen Vortrag sind benutzt worden: Akten des Kgl. Staatsarchives zu Marburg, desgleichen des Archives 
der Stadt Kassel, die Excerpte Land au's in der Landesbibliothek, die Chronik Hans Arnold's daselbst. Viele 
geschichtliche und topographische Werke über Kassel, kleinere Schriften, Zeitungen.
	        

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