Full text: Hessenland (11.1897)

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und seine Billigung zu erlangen. Die Nachwelt 
hat ihm wegen seines großen Einflusses ans 
die Jugend unter den Führern des deutschen Hu 
manismus neben Reichlin und Erasmus, mit 
Recht die dritte Stelle eingeräumt. Durch eine 
tadellose Ausgabe seiner inhaltlich werthvollen und 
stilistisch vortrefflichen Briese, denen einleitend eine 
Lebensbeschreibung vorhergeht, im 9. Supple 
ment der Neuen Folge der Zeitschrift des Geschichts 
vereins, hat sich Professor Di-. 51 arl Krause sehr 
verdient gemacht. 
Ueber diesen merkwürdigen Mann berichtet Lanze 
Folgendes: „Anno 1526*) den 29. Aprilis 
ist der ehrwürdige unb hochgelehrte Herr Konrad 
Mutt, beider Rechte Doktor und Domherr, zu 
Gotha in Thüringen, mit Tode abgegangen. Und 
hat sein Vater geheißen Henn Mutt eines ehrlichen 
und bürgerlichen Geschlechts zu Homberg genannt 
in Hessen (Erster Rathsherr daselbst); er aber ist 
zu Bonvnia in Welschland (Bologna) zum Doktor 
gemacht worden, hat zum Bruder gehabt Johannem 
Mutt, der auch Dvctor und Hochlöblichen Ge 
dächtnisses Landgraf Wilhelms zu Hessen des 
Mittleren Kanzler gewesen und Anno 1504 ver 
storben, welcher ihn gern zu großen Ehrenämtern 
und sonderlich an Hof bei Landgraf Wilhelm den 
Jüngern gefordert hätte. Aber er wollte nicht, 
sondern schrieb ihm darauf hinwieder: Valeant 
sollitudines, d. h. die angsthaftigen und peinlichen 
Sorgen seien gesegnet. . . . 
Und dafür (hat er) erwählet ein einsam und 
ruhig Leben, nämlich (hat) ein Kanonikat ange 
nommen zu Gotha, nur aus den Ursachen, daß er 
desto ungehinderter allerlei Art ehrlicher und nütz 
licher guter Künste obliegen und also im Müßig 
gang (dafür andere Studieren halten) der aller- 
nmnäßigsten einer sein, das ist solche Dinge be 
trachten (könnte), welche vielen zu Nutz und Wohl 
fahrt gereichen möchten. 
Dadurch hat er endlich erlangt, wie ihm des 
viele hochgelehrte und vortreffliche Menschen Zeug 
nis geben, als Erasmus von Rotterdam, Udalrikns 
Zasius, welcher ihn einen anderen Barronem und 
in diesen Zeiten „der Deutschen Ciceronem" 
nennet, Huttenus, Evbanus Hessns, Joachimus 
Camerarius n. A., daß er zu seiner Zeit für 
der gelehrtesten einer, so Deutschland 
gehabt, ist geachtet und gehalten worden." 
Weiter berichtet Lanze, daß die Humanisten aus 
nahen und fernen Ländern sein gastfreies Haus 
ausgesucht hätten, schreibt ihm auch besonders die 
damals übliche Latinisirnng der Personennamen zu. 
*) Der Text ist in unser jetziges Hochdeutsch über 
tragen. 
Als Grund dafür, daß er nie eine Schrift heraus 
gegeben, vielmehr nur durch seinen persönlichen 
Verkehr, einen eifrigen Briefwechsel linb Gedichte, 
die im Freundeskreise zirknlirten, gewirkt hat, giebt 
Lanze an: 
„Und als ihn deswegen der ehrbare und hoch 
gelehrte Joachimus Camerarius auf ein Zeit 
gefragt, ans was Ursachen er doch seine Schrifteil 
also dahinten behielte uub unterdrückte, so doch 
jedermann der Meinung wäre und er es selbst 
dafür hielte, er müßte viele Dinge, in die Feder- 
gefaßt und begriffen, bei sich liegen haben, habe 
er ihm also gealltwvrtet, das unterließe er darum, 
daß ihn seine Schriften nimmer genugsam ge 
fielen. . . . 
Aber an gute Frellnde hat er je zu Zeiten 
lateinische Sendbriese geschrieben voller Sentenz 
und kurzen Inhalts, an welche er sich dann in 
Welschland hat gewöhnet. So hat er auch ziem 
liche gute Carmina (Gedichte) können machen. . . 
Weil er aber nichts in Druck ließ kommen, wie 
gemeldet, ward er von Gelehrten etwa hart ange 
griffen und sonderlich voll Udalrico Hutteno in 
einem Sendbries, darin er ihm vorhielt, daß er 
nicht aus Mntiano Mutus das ist gar stilmln lind 
sprachlos würde. Denn keiner würde einem Sänger- 
meister aufstehen, oder große Ehre erzeigeil, der 
stets stillschwiege. . . Aber er ließ sich solches 
alles gar nicht anfechten noch bewegen, sondern 
ließ sich dazwischen an seinem genieinen Spruche, 
welchen er vor dem Eingang über seiner Hansthür 
mit übergoldeten Buchstaben hatte verzeichnen 
lassen: llcat.a tranquillitas (= selige und sried- 
same Ruhe) begnügen. 
Sein Glück war also ein Leben in der Stille, 
wo er sich ungestört ernstein Stlldinm hingeben 
konnte. Lanze berichtet, daß er in ein Buch des 
Kirchenvaters Athanasius über den Nutzen der 
Psalmen an den Rand geschrieben habe: llcata 
tranquillitas 68t psalmoruin lectio „Fleißige 
Verlesung und Nachdenken der Lobgesänge Davids 
ist eine rechte selige sriedsame Ruhe. Aus dem 
allen ein Jeder wohl kann vermerken, daß dieser 
Mann in seiner Ruhe gar nicht müssig ist gesessen. 
Darum konnte sich auch dieser stille Mann mit 
dem feurigen Auftreten Luther's nicht befreunden, 
und schloß sich auch nicht öffentlich der neuen 
Lehre an. In ein Buch des Bischofs Ambrosius, 
wo derselbige recht milde Worte gebraucht, hat er 
an den Ralld geschrieben: Utinam sic fecisset 
Lutherus (o daß doch Lllther es so gethan hätte). 
„Sonst ist er, — so schließt Lanze, — ein tugend 
hastiger, weiser und hochverständiger Mann ge 
west, wie Ihm das Joachimus Camerarius in Leben 
des hochberühmten Poeten Eobani Hessi vielmals
	        

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