Full text: Hessenland (11.1897)

260 
verkennen, der sich auf dem sreudeerhitzten An 
gesichte breit machte, und daß sich die Beiden, 
der junge Mann mit bcm Stucke und der Quar 
tiermeister, wohl kannten. — 
Die jungen Leute hatten nunmehr genug, und 
eine Minute später saßen sie in einer der Hain 
buchenlauben. 
II. 
„Wv ist der Quartiermeister hingegangen, ich 
sehe ihn nicht mehr unter den Kegelnden?" fragte 
nach einer Weile der vorhümige Führer. 
„Bor fünf Minuten stieg er jenen Fußsteig 
hinauf und verschwand hinter den Buchen des 
Waldes. Er schien es sehr eilig zu haben", ant 
wortete einer der Zechenden. 
„Das böse Gewissen!" entgegnete lachend der 
Führer, ein junger Literat, dessen Schriftsteller- 
namen „Hesse" wir für die Zukunft beibehalten 
wollen, und stieß seinen wuchtigen Stock in den 
weichen Boden, daß er von selbst aufrecht darin 
stecken blieb. „Es geht doch im Leben nichts 
darüber — selbst ein Scherz nicht, - wenn man 
seinen Widersacher überzeugen kann, daß man 
gewillt sei, ihm eine Hand voll ungebrannter 
Kohlen, wie Figura zeigt, auf das Haupt zu 
sammeln." 
„Nicht durch die Blume, Hesse! deutlicher! 
deutlicher!" unterbrach ihn ein Anderer. 
„Da müßte ich eine ganze Geschichte erzählen, 
und das wäre heute langweilig." 
„Her damit!" meinte ein Dritter. 
„Gut! Hort denn! Der Quartiermeister, mein 
braver Freund hier — auf den Stock zeigend — 
und meine Person sind seit dem Jahre Ein- 
tansendachthundertneunundfünfzig alte Bekannte; 
der Quartiermeister und ich freilich schon von 
früher; aber seit jenem Jahre ist da der Stock 
der Dritte im Bunde. Das ging folgender 
maßen zu: 
Es war zu der Zeit des österreichisch-franzö 
sischen Krieges, also im Jahre Eintausendacht 
hundertneunundfünfzig. Oesterreichs Doppeladler 
schien sich unter den Fängen des jungen franzö 
sischen Adlers verbluten zu wollen, da machte der 
deutsche Bund etliche Armeecorps kriegsbereit, 
darunter auch das elfte, zu dem wir Kurhessen 
zählten. Wie Ihr wißt, habe ich dieselbe Uni 
form getragen, wie der Gegangene. Zu jener 
Zeit war ich bereits Landwehrmann und glaubte 
nicht im Entferntesten mehr an eine Einberufung 
zu meiner Truppe. Ich stand als Lehrer einer 
Töchterschule in einem niederhessischen Land 
städtchen vor und gedachte mich in Kürze zu ver- 
heirathen, als eines Tages mir das Schicksal in 
Gestalt einer Ordre einen Strich durch die Rech 
nung machte und mich wieder zur Standarte 
rief. Ich hatte mich sofort zu stellen, traf schon 
am anderen Morgen bei meiner Schwadron ein, 
faßte meine Equipirung und genoß die Gunst, 
mir unter den neuen Remontepferden eines wählen 
zu dürfen. Meine Wahl fiel auf eine schöne 
kastanienbraune Stute. Bald waren die fast 
verlernten Griffe und Uebungen wieder geläufig. 
Der sogenannte Gamaschendienst schien gänzlich 
in Ungnade gefallen zu sein; dagegen waren 
rasches alarmmäßiges Satteln und größere Uebungs- 
mürsche an der Tagesordnung. 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus aCier und neuer Jeit. 
Der Humanift S Mutiauits ans HomOerg. 
Der Chronist Wiegand Lanze giebt in seiner 
Chronik: „Leben und Thaten. PhiJippi Mugminimi“ 
(Zweites Supplement der Zeitschrift des Hess. Ge 
schichtsvereins Theil I. S. 118 sf.) — ersichtlich 
mit besonderem Interesse — eine kurze Lebensbe 
schreibung seines Homberg er Landsmannes des 
Humanisten Mntianus zu Gotha, zu deutsch 
Konrad Muth (1471 — 1526). Mntianus, mit 
seinem vollen Namen Konrad Mntianus Rnfus, 
— letzteres wegen seines rothen Haares —. seit 
1508 Stistsherr zu Gotha, hatte großen Einfluß 
auf die humanistisch gesinnte Universität Erfurt. 
Er wird als das Haupt des nach ihm benannten 
Mutianischen Bundes bezeichnet, dem eine große An 
zahl junger Leute beitrat, welche aus der Universität 
Erfurt studirten, so Evbanus Hesse, Crotus 
Rubiannsnnd Enricius Cord ns. Mntianus 
war kein Schriftsteller und kein Lehrer und hat keine 
zum Druck bestimmte Zeile geschrieben. Seine 
Wirksamkeit bestand darin, daß er durch persön 
liches Beispiel und mündliche Ermahnungen und 
durch einen mit Fleiß und Liebe gepflegten Brief 
wechsel die jungen Leute an sich fesselte und in 
ihrer geistlichen und sittlichen Entwickelung förderte. 
Er bekleidete in Deutschland ein unbestrittenes 
literarisches Censoramt, selbst die geistig Höchst 
gestellten wendeten sich an ihn, um sein Urtheil
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.