Full text: Hessenland (11.1897)

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erfreuenden Julius Siettenheim, den Redakteur 
der „Wespen", kennen gelernt. 
In der Heiligengeistkirche zu Mainz sahen 
wir uns an jenem 5. Juli zum ersten Mal seit 
jener Reise wieder und hatten uns natürlich viel 
zu erzählen. Leider erfuhr ich, daß unser Zu 
sammensein nicht von langer Dauer sein sollte, 
bemt das weimarische Kontingent hatte Befehl, 
mit andern Morgen nach Ulm abzurücken. Später 
hörte ich, diese Maßregel habe ihren Grund darin 
gehabt, daß eine Abtheilung des Regiments, die 
am Münsterthor auf Wache gewesen war, ein 
Hoch auf Bismarck ausgebracht habe, als sie beim 
Einmarsch eines durch dieses Thor von einer 
Uebung einrückenden Bataillons eines süddeutschen 
Kontingents in's Gewehr getreten war. Das 
weimarische Regiment sei deshalb für nicht zu 
verlässig gehalten worden und sollte gewissermaßen 
internirt werden. Mit den Weimarern wurden 
auch die lippischen Jäger nach Ulm geschickt, 
und damit waren die beiden einzigen Kontingente 
aus der „neutralen" Festung entfernt, die Staaten 
angehörten, welche sich wirklich „neutral" erklärt 
hatten. 
Ob vorstehende Geschichte begründet ist, weiß 
ich nicht; ich gebe sie wieder, wie sie mir erzählt 
worden ist. 
Eine eigenthümliche Erfahrung sollte ich an 
jenem ersten Morgen in Mainz noch machen. 
Als ich meine Zeche in der Heiligengeistkirche 
bezahlen wollte, gab ich dem Kellner einen kur- 
hessischen Papierthaler, ein sogenanntes „Wipper 
männchen" zum Wechseln (das erste Papiergeld 
war in Kurhessen unter dem Finanzminister 
Wippermann zur Ausgabe gelangt), allein dieser 
brachte es mit dem Bemerken zurück, daß sie das 
Geld nicht annehmen könnten. Ich war damals 
sehr ärgerlich, daß unsre Bundesbrüder unser 
Geld mcht annehmen wollten. Glücklicherweise 
hatte ich genug Silbergeld bei mir. Das kur 
hessische Papiergeld mußten wir bis aus bessere 
Zeiteu aufheben. Wer dazu nicht in der Lage 
war, dem blieb nichts andres übrig, als es gegen 
ziemlich erheblichen Verlust beim Bankier zu 
wechseln. Später wurden uns Gehalt und Tage 
geld in süddeutschem Silbergeld ausgezahlt. 
Die Stadt Mainz hatte damals das Vorrecht, 
daß sie keine Eingnartiernng zu nehmen brauchte 
das heißt, von den Truppen, die dort einrückten, 
mußten die Mannschaften sofort in Kasernen 
u. s. w. untergebracht werden, während die Offi 
ziere auf vierundzwanzig Stnnden einquartiert 
wurden und sich dann eine Privatwohnung suchen 
mußten. 
Ich war, wie bereits erwähnt, im Gasthos 
„Zur Ludwigsbahu" einquartiert, und miethete 
zunächst das mir dort angewiesene Zimmer auf 
einige Tage, allein es gefiel mir dort nicht be 
sonders. Das Haus lag in einer engen Gasse, 
bot keine Aussicht und hatte auch noch andere 
Schattenseiten, wovon ich nur die eine erwähnen 
will, daß die Gesellschaft im Gastzimmer, wo ich 
Abends nach meiner Rückkehr vom Dienste zu 
speisen pflegte, nicht nach meinem Sinne war. 
Sie bestand aus einigen baierischen Offizieren, 
die ebenfalls im Hause wohnten, mir aber nur 
wenig zusagten, und in der Rähe wohnenden 
Bürgern. 
Schon früher habe ich erwähnt, daß die Wirthin 
eine wüthende Prenßensresserin war und ihrem 
Hasse in wenig gewählter Sprache Luft machte. 
Mit dem von ihr angeschlagenen Tone stand die 
ganze Unterhaltung im Gastzimmer im Einklang. 
Das wurde immer toller, je mehr preußische Siege 
bekannt wurden. Die Schlacht bei Königgräh 
war geschlagen, und wenn die Feindseligkeiten 
in Böhmen auch noch fortdauerten, so konnte sich 
doch niemand, der einige Einsicht hatte, verhehlen, 
daß der Krieg gegen Oesterreich so gut wie be 
endet, und zwar für Preußen siegreich beendet 
sei. Nun hatte die Mainarmee ihren Feldzug 
eröffnet, und es folgten gerade in jenen Tagen 
Schlag auf Schlag, die preußischen Siege über 
die Baiern bei Dermbach, Kaltennordheinl, 
Hamnielburg, Waldaschach, Kissingen n. s. w. 
Meine Regimentskameraden hatten inzwischen 
fast alle Wohnung im „ E n g l i s ch e n Hof e" 
an der Rheinstraße, gerade der Schiffbrücke gegen 
über, genommen, damals einem der ersten Gast 
höfe in Mainz. Auch ein gemeinsamer Mittags- 
tisch wurde dort eingerichtet, und auch ich siedelte 
deshalb in den „Englischen Hos" über, nachdem 
die Woche, wofür ich mein Zimmer in dem Gast 
hof „Zur Ludwigsbahu" gemiethet hatte, abge 
laufen war. Mein neues Zimmer lag im dritten 
Stock und gewährte eine prachtvolle Aussicht über 
den Rhein. 
Unsere Mannschaft und unsere Gespanne wurden 
im Arbeitsdienst zur Armirnng der Festung ver 
wandt, sodaß es in der Batterie gar keinen Dienst 
für uns gab, außer dem jeden Abend abgehaltenen 
Appell. Dabei brauchte jedoch nur „der Lieute 
nant der Woche" zugegen zu sein, und da wir 
unser drei waren Lieutenant S. war 
nach dem Fort Stahlberg abkvmmandirt — kam 
jeder nur jede dritte Woche an die Reihe. 
Bei den anderen Batterien war es ebenso. 
Jedoch auch die Offiziere wurden im Armirnngs- 
dienst beschäftigt. So auch ich.
	        

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