Full text: Hessenland (11.1897)

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Erinnerungen aus den letzten Tagen eines deutschen 
Fürstenthums. 
Von einem ehemaligen kurhessischen Offizier. 
(Fortsetzung.) 
iNachdruck verboten.) 
^ji^ür die gezogenen Sechspfünder schickte Baiern 
W so viel vollständig fertig laborirte Granaten, 
( -'' r j daß für jedes der acht Geschütze 150 Schuß 
vorhanden waren, eine Anzahl, die vollauf ge 
nügte. 
Schlimmer sah es mit der Munition für die 
gezogenen Vierpfünder aus. 
Zwar lieferte eine Fabrik in Offenbach 1500 
Granaten mit den nöthigen Zündvorrichtungen 
ausschließlich der Zündfchrauben, und von Baden 
kamen weitere 2000, sodaß im Ganzen für jedes 
Geschütz nahe an 600 Granaten vorhanden waren, 
eine Ausrüstung, die als überreich bezeichnet 
werden kann, aber — das badische Kriegs- 
miilisterinm hatte zwar Zündschrauben mitgeschickt, 
die übrigen Theile der Zündvorrichtung waren 
jedoch vergessen worden! 
Diese Munition traf gegen den 10. Juli in 
Mainz ein. Die Verbindung mit Baden war 
aus den: linken Rheinuser, sowie auf dem Rhein 
selbst (nach Mannheim) nie unterbrochen, und 
warum kein Versuch gemacht worden ist, das 
badische Kriegsministerium zur Nachlieferung der 
vergessenen Theile zu veranlassen, oder weshalb 
die badischen Zündschrauben nicht für die Offen 
bacher Granaten gebraucht werden konnten, da 
rüber vermag ich keine Auskunft zu geben. 
Vielleicht paßten die Gewinde nicht. 
Auch Geschirre für die fehlenden Bespannungen 
der Artillerie, die verschiedenen Kolonnen, die 
Fuhrwerke der Infanterie u. s. w. waren in 
Offenbach in Bestellung gegeben, gelangten aber 
erst nach Beendigung der Feindseligkeiten in 
unsern Besitz. 
Der gütige Leser möge diese Abschweifung in's 
Gebiet des Militärisch-technischen verzeihen, die ich 
unternommell habe, theils um meinem Drange, 
dein Geiste, der unsere Urlauber und Reservisten 
beseelte, ein kleüles Denkmal zu setzen, theils um 
den: Leser einen, welin auch schwachen Begriff 
voll den Schwierigkeiten zu geben, die sich der 
Durchführullg nuferer Mobilmachung entgegen 
stellten. 
Nunmehr ilehme ich die Schilderuilg meiner 
persönlichen Erlebnisse wieder auf. 
Nach einer im Hose des Bastivns Martin 
gallz behaglich verbrachten Sommernacht, erwachten 
wir anl Morgen des 5. sehr zeitig, mußteil aber 
iloch mehrere Stundell warten, bis wir eine ge 
ordnete Unterkunft für unsere Pferde erlallgeil 
konnten. Unsere Bedienungsmannschaft kehrte in 
zwischen in die ihr angewiesenen Räume der 
Münsterkaserne zurück und machte sich an die 
Arbeit, sie in einen zum Aufenthalt für Menschen 
geeigneten Zustand zu versetzen, während Lieute 
nant V. wieder nach der „Kanzlei" des Platz 
majors geschickt wurde, um eine Regelullg der 
Stallfrage zu veranlassen. Nach einigen Stundell 
kam er wieder und brachte den Befehl mit, daß 
die kranken Pferde der Husaren in den 
Contonnementsbereich des 1. Husarenregimellts 
auf dem rechten Rhein- und linken Mainnfer 
abrücken und den Stall an uns abgeben sollten. 
So war es fast Mittag geworden, als ich endlich 
mein Quartier aussuchen konnte. 
Nachdem ich mich umgekleidet hatte, begab ich 
mich in die Stadt, um Bekannte aufzusucheil 
und zu hören, was es Neues gäbe. Der Zufall, 
oder der Durst lenkte meine Schritte in eine 
damals sehr beliebte Bierwirthschast, die Heilige 
Geistkirche, wirklich eine ehemalige Kirche, die 
jetzt in einen ungeheuren gewölbten Saal nni- 
gewandelt worden war, worin eine wohlthueilde, 
kühle Dälninerung herrschte. Der Raum war 
gedrängt voll von Offizieren, und jetzt bekaln 
ich erst einen Ueberblick der bunten Musterkarte 
von deutschen Truppen, die in Mainz anwesend 
waren: Oesterreicher, Baiern, Würtenlberger, 
Badener, Hesseil-Darmstüdter, Kurhessen, Wei 
marer, Meininger, Nassauer, Lippe-Schanmburger 
u. a. Ich meine mich zu entsinnen, damals 
dreizehn verschiedene Kontingente gezählt zu haben, 
kalln mich aber jetzt keiner alldern, als der oben 
angeführten erinnern. 
Zu nleiner großen Freude traf lch zwel 
Weimarische Offiziere, mit benen ich schon länger 
befreundet war, einen Hanptmann A. unb einen 
Lieutenant, dessen Name mir jetzt entfallen ist 
Mit A. hatte ich im Jahre 1865 eine größere 
Reise zusammell gemacht. Wir hatteil uns ver 
abredetermaßen in Berlin getroffen, waren voll 
da nach Braunschweig, Hamburg, Kiel, Bremen, 
Oldenburg und Helgoland gereist. Von dort 
waren wir nach Hamburg zurückgekehrt, wo ich 
noch einige Tage geblieben war, währelld A. 
weiter reiste, um Verwandte zu besuchen. In 
Hamburg hatten wir unter Andern den sich schoil 
danlals eines wohlverdienten Rufes als Humorist
	        

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