Full text: Hessenland (11.1897)

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Himmel, in welchen nicht Schlachtjungfranen die 
gefallenen Helden auf ihren Rossen hineintrugen, 
und in den nicht diese Helden die aus Erden 
begonnenen Kämpfe fortführten, nichts wissen 
wollten. 
Die Sendboten des Christenthums griffen 
deshalb zu energischen Maßregeln, allen voran 
der gewaltigste unter ihnen, Winfried Boni- 
satins, dessen Wiege wie die der meisten im 
meerumschlungenen Lande der Angelsachsen: ge 
standen, und der gleich den andern in einem 
Benediktinerkloster unter dessen damals strengen 
Grundsätzen zu seinen: Berufe vorgebildet worden 
war. Von seiner umfassenden Thätigkeit ist hier 
nur Folgendes hervorzuheben. Nachdem er auf 
seiner ersten Reise (722) besonders in Thüringen 
das Kreuz gepredigt hatte, berief ihn der Papst, 
welcher seine Bedeutung erkannte, nach Rom, 
weihte den erst 30 Jahre alten Mann zum 
Bischof, jedoch ohne ihn an einen Sprengel zu 
binden (episeopus regionarius), und ließ ihn 
feierlich schwören, sich niemals von der römischen 
Kirche zu trennen (723). Noch in demselben 
Jahre zog er nach Deutschland zum zweiten 
Male und fand da im alten Chattenlande eine 
Bevölkerung vor, welche zum großen Theile die 
Bekehrung zum Christenthum verschmähte und 
insbesondere eine dem Donnergotte geweihte Eiche 
verehrte. BonisatiuS, welcher auch an anderem 
Orte, wie auf dem Christenberge bei Wetter, einen 
Hain des Wuotan zerstört haben soll, berief zu 
Geismar eine Volksversammlung. In dieser 
waren: nicht nnur seine Getreuen: un:d die von ihm 
zun: Christenthum bekehrten Bewohner der Gegend, 
sondern auch ungetanste Heiden erschienen, welche 
den Heiligen als Fein:d ihrer Götter verwünnschten. 
Nach einer kräftigen Ansprache ergriff er eine 
Axt und ließ sie in: die für unverletzlich gehaltenw 
Eiche hineinsausen:. Allgen:ein:e Bewegung ergreift 
die Gemüther. Alle blicken: stumm auf die Eiche 
und die Thätigkeit des BonisatiuS hin, ein: Theil 
in der sicheren Erwartung, daß der erzürnte 
Gott hervortreten: und den: Frevler strafen werde. 
Da nichts dergleichen geschieht, vielnnehr bei«: 
weiteren Füllen die Eiche allmählich zu wainken: 
beginnt unb schließlich mit gewaltigen! Krachen: 
niederstürzt und aus den: Boden hingestreckt da 
liegt, ist der Aberglaube gebrochen und die ver 
sammelte Menge läßt sich, soweit dies noch nicht 
geschehen, taufen. Mit Bezug hieraus lautet so 
schön: der Schluß der 1896 erschienenen: Dichtung: 
„An: Edderstrand", Sang aus denn: Chattenland, 
von Emilie Scheel: 
„Fern liegt die Zeit, wo Winfried lehrte und lebte, 
Wo er den statischen Gau voller Begeist'rnng durchzog. 
Heute noch segnen die Hessen, Nachkommen der einstigen 
Katten, 
Bonifatins, den Mann, der sie zu Christum geführt. 
Nennen „Apostel der Kutten" ihn dankbar und preisen 
vor Allen 
Seine sieghafte That dort an dem Eddergestad." 
Aus denn Holze der gefüllten Donner-Eiche 
erbaute, wie weiter erzählt wird, BonisatiuS eine 
dem heiligen Petrus geweihte Kapelle. Es ent= 
steht nun die wichtige Frage, wo diese zu finden 
ist. Was die Literatur anbetrifft, so ist, abgesehen: 
Von wenigen Einzelschristen 4 S. * ), die Geschichte Von 
Fritzlar und seiner Peterskirche, hauptsächlich 
zu entnehmen: aus den: Werken über hessische Ge 
schichte überhaupt, in welcher Fritzlar feine unter 
geordnete Rolle spielt. 
Während man: bis in die Mitte dieses Jahr 
hunderts die von Bonifatins gestiftete Petrus- 
Kapelle in oder be: den: Dorfe Geismar gesucht 
hat, und die Bevölkerung sie in den Wald 
nördlich von Geismar bei Züschen verlegt, haben 
sich die späteren Schriftsteller entschieden: dahin 
ausgesprochen, daß sie an der Stelle der jetzigen: 
Peterskirche zu Fritzlar gestanden habe. 
Zwei Geschichtsforscher unseres engeren Vater 
landes: Falckenheiner a. a. O. und sodann 
Landauf nahinen sogar an, daß Bonifatins 
bereits bei seinem zweiten Erscheinen in Hessen 
im Jahre 723 Fritzlar als bewohnten: Ort vor 
gefunden habe. An:dere wie Wenck °) sprechen 
von der Gründung des Klosters Amöneburg im 
Jahre 722 und 723 und von Fritzlar nur in: 
Bezug auf einen: späteren: Zeitpunkt, nämlich das 
Jahr 732, in: Zusannnmeinhang mit der Gründung 
des dortigen: Klosters. 
Der Name Fritzlar (Frideslar, Fritoskir, 
Fridiskir) bedeutet Friedensstätte. 7 ) 
9 Falckenheiner, Geschichte hessischer Städte und 
Stifter. (Knrhess. Archivar.) Fritzlar. Bd. l, Kassel 1841, 
ganz; Bd. II, Kassel 1842, S. 1—237. HofgeismarS. 238fg. 
— F r a n z Schauerte, Der heilige Wigbert, erster 
Abt von Fritzlar, S. 15. — Zeitschrift des Vereins für 
hessische Geschichte und Landeskunde. Neue Folge. Snppl. I I. 
Quatuor calendaria praesentiarum ecclesiae quondani 
eollegiatae frit/dariensis de annis circiter 1340, 1360, 
1390 et 1450, mit Vorbericht des Landraths Weber. 
— Der ehemalige Stiftshof „auf deni Friedhöfe" zu 
Fritzlar, von Landrath Weber. N. F. Bd. IV, S. 229. 
— Vergl. No m m e l, Geschichte von Hessen, Th. I, 
S. 62 fg. 
9 Beschreibung des Knrfürstcnthnms Hessen (Kassel 
1867) S. 228. 
9 Hess. Landgesch. Bd. II S. 223 fg.. 242 fg. (et. 
Wü rd t wei n, Dioeeesis Moguntina in Archidiaconatus 
districtu. Tom. 111 pag. 151, 377.) 
9 Armbrust, Entstehung und Ableitung hessischer 
Ortsnamen, „Hessenland" 1896 S. 226, oder ist mit dem 
entsprechenden altdeutschen Personennamen in Verbindung 
zu bringen (Oberbibliothekar l)r. Lo hm eh er).
	        

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