Full text: Hessenland (11.1897)

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Wer der von Hasserodt so verfluchte Stephan 
war, wissen wir nicht. Von den im ersten Briefe 
erwähnten Angehörigen der Familie von Hanstein, 
bezw. von Uslar, ist mit Sicherheit nur der in 
Allendorf ansässige Hanstein, der hessische Land- 
jägermeister Friedrich Wilhelm von Hau 
stein (nach dem Staats- und Adreß-Kalender 
von 1806 Georg Ferdinand, geb. 1750, gest. 1813) 
zu erinitteln. 
Mit Langenbeck könnte der berühmte Professor 
der Chirurgie und Anatomie zu Göttingen ge 
meint sein. 
Die Berechtigung der verdammenden Urtheile 
des dem Tode Geweihten niüssen selbstverständlich 
auf sich beruhen bleiben, zumal nicht unbekannt 
ist, daß Hasserodt ein sehr heftiges Temperament 
besaß, was auch aus dem Wortlaut des Briefes 
an die Schwester hervorgeht. Jedenfalls hatte er, 
nach dem Berichte seines Beichtvaters, völlig mit 
sich abgeschlossen und ging heldenhaft in den Tod. 
T 
Die ältere Geschichte von Fritzlar. 
Von C. Neuber. 
sticht sehr weit voll dem ältesten Hauptorte 
TlV unseres engeren Vaterlandes, dem in der 
r Nähe des Städtchens Gudensberg gelegenen 
Mattium (oder auch Mattiacum), das der 
rönlische Feldherr Gernlanicus aus feinem zweiten 
Zuge nach Deutschland zerstörte, befand sich die 
älteste Stätte, wo das Christenthum in demselben 
Boden fand, nämlich bei der Stadt Fritzlar. 
Für die Religiollsübung unserer heidnischeil Vor 
fahren x ) ist charakteristisch, daß dieselben der 
Wirksamkeit ihrer Götter ein weites Gebiet, das 
der freien Natur, anwiesen nnb sie am liebsten 
in den Wäldern thronend sich vorstellten, wie so 
schöll der Schlußvers von dem bekamitell Liede 
eines unserer Dichter aus dem Schwabenlande 
lautet 2 ): 
„Nicht in kalten Marmorsteinen, 
Nicht in Tempeln dnmps und todt, 
In den frischen Eichenhainen 
Webt und rauscht der deutsche Gott." 
An der Spitze der altdeutschen wie der alt 
nordischen Götterwelt steht der Allvater W not an 
(Wodan) oder Odin. Hohe Ehren genoß gleich 
falls die Frau des Allvaters, die Götter-Mutter 
Freha oder Frigga, und die Söhne Donar 
und Zin, der Donnergott und der Kriegsgott. 
Den beideil Genannten waren auch, weil gleichfalls 
Kraft nnb Stärke darstellend, mächtige Bäume 
geweiht, llameiltlich Eichen und Bucheil, welche 
mit weit- und tiefgehenden Wurzelll im Erd- 
bodeil festen Fuß fassen, mit markigen Stünlmen 
hoch in die Lüfte ragen, wilden Stürmen Trotz 
bieteil und unter ihrem schattigeil Laube Menscheil 
') Vergl. Vortrag des Majors a. D. Hermann 
v. Roqnes in der Zeitschrift „Hesscnland" 1892,S.311 fg., 
1893, S. 2 fg. 
") Uh la n d, Freie Kunst (Inbil.-Ausq. Stuttgart 1887), 
S. 43. 
und Thieren Schutz vor Unwetter darbieten. 
So war u. A. dein Donar (llvrdisch Thor) eilte 
Eiche im Kreise Fritzlar geweiht, die allbekannte 
Donner-Eiche bei Geismar. Da der Name 
Geislnar wiederholt vorkommt, in Hessen sogar 
dreinial, und die meisten Orte des NainerlS ziun 
Erzbisthum Mainz gehörtell, so ist es wohl 
erklärlich, daß Streit darüber eiltstehell tonnte, 
welches Geismar (oder Geyßmar) gemeint sei. 
Jahrhunderte lang wurde die Donner-Eiche bei 
der Stadt Hofgeismar, in welcher bekanntlich auch 
eine erzbischöfliche Burg gestallden hat, gesucht, 
und erst im vorigen Jahrhundert durch gründ- 
lichere Forschungen festgestellt, daß sich dieselbe 
in der Nähe vom Dorfe Geismar (gleich 
Hofgeismar als Gesundbrunnen berühmt) bei 
Fritzlar an dem Flüßchen Elbe befunden 
habe. 3 ) 
Nach dem oben Gesagten, daß die alten Deutscheil 
sich die Gottheit nicht in enge Schranken gebannt 
dachten, näherte sich ihre Allschauullg der christ 
lichen, und man Hütte annehmen sollen, daß das 
Christenthunl bei ihnen leichter Eingang fand, 
als bei den Griechell und Nömerll. Die Glaubens 
boten konnten bei ihren Bekehrungen an heid 
nische Sittell und Einrichtungen anknüpfen, und 
die christlichen Feste standell zum Theil in Zu 
sammenhang mit den heidnischen oder wurdeil 
mit ihnen in Verbindung gebracht: wie das 
Weihnachtssest mit dem Julfest, das Osterfest 
nlit deln der Göttiil Ostara. Trvtzdenl stießeil 
die Missionare auf heftigen Widerstand und 
zwar hauptsächlich uni deswillen, weil uilsere 
Vorfahren von einem Gotte, der nicht unmittelbar 
Theil an den Schlachten nahm, und voll einem 
3 ) Vergl. Engelhard, Erdbeschreibung der Hessischen 
Lande, Th. 1 (Kassel 1778), >L. 896.
	        

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