Full text: Hessenland (11.1897)

244 
„Das Hessenland", das von einem Meyerbeer der 
Komposition für würdig gehalten wurde. 
Ein zweites Mobilmachungsgeschäft, dem von 
Seiten des Gouverneurs kein Hinderniß in den 
Weg gelegt wurde, war die Beschaffung der 
fehlenden für die Zündnadelgewehre 
und die gezogenen Geschütze. 
Die Herstellung von Zündnadelpatrouen war 
tn Offenbach bei Frankfurt a. M. in die Wege 
geleitet worden. Inzwischen wurden aber auch 
in Mainz Borräthe von preußischen Patronen 
aufgefunden und unserer Infanterie überwiesen, 
wodurch der Bestand auf etwa 130 Patronen 
für jedes Gewehr stieg. Ob damit die ganze 
vorgefundene preußische Munition erschöpft war, 
oder ob nur eine erste, vorläufige Ueberweisung 
den Bvrrath auf die angegebene Höhe gesteigert 
hat, ist mir unbekannt geblieben. War dies der 
Fall, dann war er immer noch recht knapp und 
höchstens für einen Gefechtstag ausreichend, zumal, 
weiln man bedenkt, daß ein Theil dieser Muni 
tion zu Schießübungen verwandt werden nlußte. 
Die preußische Munition ließ sich zwar ohne 
Weiteres bei den hessischen Gewehren gebrauchen, 
aber deren Bisireinrichtungen, die für ein 
leichteres Geschoß mit rasanterer Flugbahn be 
rechnet waren, stimmten nicht für das schwerere 
preußische Geschoß. Welche Stellung der hessischen 
Bisireinrichtung bei Verwendung preußischer Pa 
tronen zu geben war, ließ sich nur durch Schieß 
übungen ermitteln, wozu eine große Zahl von 
Patroilen erforderlich war. 
Ob von Offenbach jemals fertige hessische 
Zündnadelnlunition an unsere Jllfanterie gelangt 
ist, weiß ich nicht, bezweifle es aber. 
(Fortsetzung folgt.) 
JUtr» after uu6 neuer Zeit. 
Landgraf P hilipp's goldener Schlüssel. 
Schon vielfach*) ist darüber nachgesonueil worden, 
was der nach unten hin offene goldene Schlüssel zu 
bedeuten habe, den Landgraf Philipp der Groß 
müthige auf seinen Abbildungen an goldener Kette 
um den Hals trägt. Es sind da u. n. folgende Lösungen 
dieser Frage vertreten worden: 1. der Schlüssel 
sei vom Landgrafen als Pfeife benittzt worden, um 
seinen Kammerdiener herbeizurufen, 2. es wäre der 
Kammerherrnschlüssel Kaiser Karl's V. gewesen, 
3. der Schlüssel wäre das Symbol der Macht nnb 
Gewalt gewesen, welche Philipp als Regent seines 
Landes ditrch den Paffauer Religionsfrieden wieder 
erlangt habe, 4. der Schlüssel sei vielleicht zugleich 
eilt Siegel gewesen. Die Histoire genealogique 
de Hesse I, S. 457—458 leitet sodann 5. den 
Schlüssel von einer Verleihung des Bremer Dom 
kapitels her, desseit Kanoniker Schlüssel trugen. 
Rommel (Geschichte von Hessen IV, S. 468) 
geht von der oben unter ■>) wiedergegebenen An 
sicht aus, daß das Tragen des Schlüssels nur 
nach der Gefangenschaft des Landgrafen statt 
gefunden habe, und legt dieselbe weiter dahin aus, 
daß der Landgraf durch das Tragen dieses Schlüssels 
den hauptsächlich unter feiner Mitwirkung erlangten 
Sieg über die Schlüsselgewalt des Papstes sowie 
*) Vergl. Justi, Hessische Denkwürdigkeiten II, S. 348, 
III. S. 299, Beiblatt Nr. 3 zur Kassekschen Allgemeinen 
Zeitung vom 28. Januar 1838. 
die errungene Freiheit des Kirchenregiments und 
die damals zum ersten Mal bekundete Macht, 
Hoheit und kirchliche Oberaufsicht eines evange 
lischen Fürsten habe andeuten wollen. 
Ganz kurz und von oben herab ist immer die 
erste der obigen Aufstellungen abgewiesen worden. 
Und doch ist, wie wir gleich sehen werden, höchst 
wahrscheinlich der Schlüssel allerdings eine Pfeife. 
Diese Hypothese stützt sich ans einen Brief Kurfürst 
Friedrich's des Weisen von Sachsen vom 
8. Januar 1521 aus Worms au deu 16jährigen 
Philipp, deu der verstorbene kurhefsifche Staats 
archivar Georg Ludwig Keßler zu Kassel 
aufgefunden hat. Das Schreiben lautet, soweit 
es hier in Betracht zu ziehen ist, folgendermaßen: 
„Hochgeborener Fürst, freundlicher lieber Oheym! 
Ich gebe Euer Liebden freuntliche Meynung zu 
erkennen, daz ich Euer Liebden us heut bey keyfer- 
licher Majestät yres Erscheynen halbir mit Antzeige 
Euer Liebden Verhinderung entschuldigt habe und 
nit anderes vermerkt, denn daz Ihre Majestät 
davon wol zufriden gewest, wie dann Euer Liebden 
auß dem Schreiben hieneben weyter vernemen 
werden. Ich schicke Euer Liebden auch daz 
Ketleyn wieder und habe das Pseiflein 
machen laßen, daz ich mich versehe, es 
solle n y m e r von einander s a l l i n. . . . 
Daz ich Euer Liebden nil eher geschribin, bit ich 
nit unfreuntlich zu vermerken, denn ich erst heuet 
bey kais. Mt. gewest, und der Goldschmied
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.