Full text: Hessenland (11.1897)

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gebildet, bei der Artillerie stand die Zahl der 
Geschütze und Wagen fest, und dadurch war auch 
die Stärke der Batterie an Unteroffizieren, 
Fahrern und Bedienungsmannschaften bestimmt. 
Bei der Infanterie war zwar die Stärke int 
Allgemeinen auch aus je 175 Mann (einschließlich 
Offiziere) für die Kompagnie festgestellt, allein 
sie war bisher bei jeder Mobilmachung, zuletzt 
noch im Jahre 1859, besonders durch Allerhöchste 
Kabinetsordre befohlen worden. Im vorliegenden 
Falle war das nicht geschehen, die betreffende 
Allerhöchste Ordre lautete einfach: „Das Armee 
corps wird sofort mobil gemacht", weiter nichts. 
Nun sollte man es ja als selbstverständlich an 
sehen, daß der erste Schritt zur Mobilmachung 
die Einziehung der Beurlaubten und Reservisten 
bis zur vollen Kriegsstärke sein müsse. Behörden, 
die den preußischen Landwehrbezirkskvmmandos 
entsprachen, gab's in Kurhessen nicht. Die Kriegs 
stammrollen wurdet: von den Kompagnien, 
Schwadronet: und Batterien geführt, und deren 
Sache war demzufolge auch die Eiuberufuug der 
Beurlaubten und Reservisten. Das Fehlen einer 
Allerhöchsten Ordre, die die Kriegsstärke festsetzte, 
mochte manche Kompagniechefs unsicher machen, 
ob und bis zu welcher Ausdehnung sie Gestellungs 
ordres abschicken sollten. Dazu kam, daß gleich 
zeitig mit der Mobilmachungsordre der weitere 
Allerhöchste Befehl erschien, wonach sich die Regi- 
tnenter und Corps zum sofortigen Ausmarsch 
bereit halten sollten, der ja dann auch, wie wir 
wissen, wirklich erfolgte. Das schuf eine weitere 
Unsicherheit, denn nach welchem Orte sollte man 
die Leute einberufen? Endlich war aber auch 
die Zeit dazu nicht vorhanden. Für jede Kompagnie 
hätten etwa 100 Namen aus der Kriegsstamtnrvlle 
ausgezoget:, die vorhandenen gedruckten Ein 
berufungsformulare ausgefüllt, adreffirt und zur 
Post befördert werden müssen. Im den wenigen 
zur Verfügung stehenden Strutdet: war neben 
der anderen, unumgänglich nöthigen Arbeit, die 
zu bewältigen war, diese Schreiberei nicht aus 
führbar. Trotzdem wurden einige wenige Ein 
berufungsbefehle abgeschickt, wie mir bestimmt 
bekannt ist. Aber nicht nur die paar Beurlaubten 
und Reservisten, die diese Einberufungsbefehle 
erhalten hatten, sondern in hellen Haufen stellten 
sie sich schon während des Marsches bei ihrer: 
Truppentheilen ein, fodaß wir die Gegend von 
Hanau schon in erheblich erhöhter Stärke er 
reichten. Dort erließ General voi: Lvßberg den 
Befehl, die Beurlaubten und Reservisten einzu 
ziehen — und zwar für jedes der acht Musketier 
bataillone und das Schützenbataillon auf eine Kopf 
stärke von 803 Mann, für die Jäger auf 500 Mann. 
Auch von bcn infolge dieses Befehles noch er- 
lassetten Einbernfnngsordres dürften die wenig 
sten an ihren BestinunnngSort gelangt fein, denn 
zu jener Zeit war die Pvstvcrbindnng nach den: 
nördlichen Theil des Knrstaates schon unter 
brochen. 
Trotzdem trafen die Reservisten so zahlreich ein, 
selbst viele aus der ganz in der Nähe von Hannover 
gelegenen Enclave, der Grafschaft Schanmburg, daß 
wir kurz nach unserm Einrücken in Mainz eine 
größere Stärke erreicht hatten, als sie durch die 
vorstehend erwähnte Ordre in Aussicht genommen 
war, woraus sich ergiebt, daß viele eingetroffen 
waren, an die ein Einberufungsbefehl gar nicht 
abgegangen war. 
Da, wie oben erwähnt, die Eirtberuftlng Sache 
der Kompagnien, Eskadrons und Batterien war, 
traten die Beurlaubten und Reservisten auch 
wieder bei den Kompagnien ein, bei denen sie 
ihrer aktiven Dienstpflicht genügt hatten. Dararts 
folgte, daß die Kompagnien rc. nach Eintreffen 
der Beurlaubten und Reservisten eine sehr un 
gleiche Stärke hatten, aber nachdem ein Ausgleich 
erfolgt war, ergab sich, daß die Bataillone er 
heblich stärker waren, als 808 Mann, mit Aus 
nahme des Schützenbataillons, den: etwa 70 Mann 
fehlten, die im Nothfalle durch die Ueberzähligen 
der anderen Bataillone Hütten ergänzt werden 
können. 
Die Pflichttreue, die die Leute dazu trieb, zu 
ihren Fahnen zu eilen, erscheint in noch helleren: 
Lichte, wenn man bedeickt, welche Schwierigkeiten 
sie zu überwinden hatten. 
Die Preußen versuchten natürlich alles, die 
Beurlaubten und Reservisten zu verhindern, ihre 
Truppentheile zu erreichen. Verbote und Straf 
androhungen wurden erlassen, iit den von den 
Preußen besetzten Larrdestheilen wurde die größte 
Wachsamkeit angewandt, itm das Durchschleiche!: 
der Leute zu vereiteln, das somit auch nicht ohne 
Gefahr war, aber alle diese Maßregeln vermochten 
die treuen Hessen nicht abzuschrecken. Ebenso 
wenig Mühseligkeiten, denn sie mußtet: bcn weitet: 
Marsch nach Mainz, häufig mit bedeuteirden 
Umwegen und auf schlechten, beschwerlichen Neben 
wegen, zu Fuße zurückleget:, da sie die Eisen 
bahnen, selbst da, wo sie in: Betriebe wäret:, 
nicht wagen durften, zu benutzen, denn diese 
wurden ganz besonders scharf überwacht. 
„Nicht ist es svnnenreich und warnt, 
An Gold und Silber ist cs arm, 
Reich ist cs nur an tausend Schmerzen 
Und an der Treue Gold im Herzen." 
So sang der leider zu früh Heimgegangene 
Karl Altmüller in feinem herrlichen Gedicht
	        

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