Full text: Hessenland (11.1897)

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Erinnerungen aus den letzten Tagen eines deutschen 
Fiirstenthnms. 
Von einem ehemaligen kurhesfischen Offizier. 
(Fortsetzung.) 
i^iachdrucl Vcrbvicn.) 
^M^ir waren, wie sich der freundliche Leser er- 
f jl innern wird, nach Mainz geschickt worden, 
T um dort in Ruhe und Sicherheit unsere 
Mobilmachung durchzuführen. Während dieser Zeit 
sollten die kurhessischen Truppen zur Verfügung 
des Gouverneurs stehen. Der erste uitb haupt 
sächlichste Zweck war aber die Mobilmachung. 
Dieses Verhältniß wurde jedoch schon am 5. Juli, 
am Tage nach unserer Ankunft, geradezu auf 
den Kopf gestellt. 
Allerhand Tartarennachrichten von einem be 
absichtigten Handstreich der Preußen gegen Mainz, 
Gerüchte, deren Unwahrscheinlichkeit ans der Hand 
lag und von deren Unrichtigkeit man sich bei 
einigeln guten Willen leicht hätte überzeugen 
können, hatten den Gouverneur veranlaßt, zu 
erklären, die Festung sei gefährdet und die kur- 
hessischen Truppen könnten nicht mehr daraus 
entlassen werden. Am folgenden Tage ging er 
lloch weiter und befahl die vorläufige Einstellung 
der Mobilmachung. Diesen Befehl begründete er 
damit, daß er sagte, er sähe ein, daß angestrengter 
Festnngsdienst und Mobilmachung nebeneinander 
unausführbar seien. Er werde die Bestätigung 
dieses Befehles durch die Bundesversammlung 
und damit die endgültige Einstellung der Mobil 
machung herbeiführen. 
Das gelang ihm auch. Der hohe Rumpf 
bundestag verfügte, daß die Besatzung der Festung 
Mainz aus dem Bestände der kurhessischen Truppen 
auf die nöthige Stärke zu ergänzen und nur der 
Rest mobil zu machen sei. Wäre dieser Beschluß 
zur Ausführung gekommen, so hätte dadurch 
wieder eine Zerreißung des kurhessischen Kon- 
tingeilts eintreten müssen, und dazu konnte sich 
General von Loßberg unter keinen Umstünden 
verstehen, da er wußte, daß eine solche Zerreißung 
den Absichten des Kurfürsten durchaus zuwider 
lief. Ueberdies konnte weder ein Beschluß des 
Rumpsbundestages, noch ein Befehl des baierischen 
Generallieutenants Grafen von Rechberg die Aller 
höchste Ordre des Kurfürsten, die die Mobilmachung 
anordnete, aufheben. Zur Ausführung dieser Ordre 
blieb General von Loßberg nach wie vor verpflichtet. 
Zu der Annahme, daß eine Zerreißung des Kon 
tingents den Absichten des Kurfürsten nicht ent 
spreche, hatte General von Loßberg triftige Gründe. 
Kurz vor Ausbruch des Krieges hatte nämlich 
die damals noch vollzählige Bundesversammlung 
den Beschluß gefaßt, die Festungen Mainz und 
Rastadt für neutral zu erklären. Die in ihnen 
liegenden österreichischen und preußischen Truppen 
sollten sie verlassen und durch andere Kontingente 
ersetzt werden. Nach Mainz war unter anders! 
eine Brigade Kurhessen bestimmt. Der knrhessische 
Bundestagsgesandte hatte gegen den Beschluß ge 
stimmt und der Kurfürst dessen Ausführung ver 
weigert, gerade weil dadurch eine Zerreißung des 
hessischen Kontingents herbeigeführt worden wäre. 
Auch die sogenaunte Neutralität der Festung 
Mainz war ein Trugbild so verworrener und 
unklarer Art, daß man bis ans die Stunde nicht 
weiß, was sich die guten Leute in der Eschen 
heimergasse in Frankfurt eigentlich dabei gedacht 
haben mögen. 
Folgerichtig hätten in Mainz nur Truppen 
derjenigen Staaten stehen dürfen, die anr 14. Juni 
gegen den Antrag Oesterreichs auf Mobilisirnng 
des Bundesheeres gegen Preußen gestimmt, aber 
auch nachträglich kein Bündniß mit Preußen ge 
schlossen, sondern sich für neutral erklärt hatten. 
Das waren, wenn mir recht erinnerlich ist, nur 
Braunschweig und einige der Thüringer Staaten. 
Thatsächlich waren aber Truppen sämmtlicher mit 
Preußen im Kriege stehenden Staaten in Mainz 
von Oesterreich abwärts vorhanden. 
Und dabei soll der Gouverneur seinen Befehl 
zur Einstellung der Mobilmachung dem General 
von Loßberg gegenüber unter anderm damit be 
gründet haben, daß er sagte, er könne die An 
wesenheit eines gegen Preußen rüstenden Kon 
tingents in der neutralen Festung nicht dulden! 
Wären wir doch hinansgewiesen worden, dann 
hätte sich der Weg, die kurhessische Division aus 
ihrer unerquicklichen und unhaltbaren Lage hinaus 
zuführen, sehr bald von selbst ergeben. 
Thatsächlich wurden auch nur die Preußeu als 
Feinde der „neutralen" Festung behandelt. Sowie 
die preußischen Truppen der Festung zu nahe kamen, 
wurden sie, wie wir später sehen werden, mit 
Granaten begrüßt, während z. B. die zum 
VIII. Bundescorps gehörige mobile nassauische Bri 
gade ungehindert durch Mainz marschiren durfte, 
als sie der Herzog einmal vorübergehend zum 
Schutze seiner bedrohten Hauptstadt Wiesbaden 
zurückrief. Sie kehrte nach einigen Tagen zuur 
VIII. Bundescorps zurück, wobei sie abermals durch 
Kastell marschirte. Daß zwei würtemdergische
	        

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