Full text: Hessenland (11.1897)

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dieser: „Ich bin Kiefermeister, heiße Karl Herbold. 
Nun will ich Ihnen auch sagen, wer Sie sind. 
Sie sind der Minister Polignae." „O nicht 
doch", antwortete dieser in größter Bestürzung 
und entfernte sich. — Ein anderes von ihm! 
Der Kurprinz wollte nach Frankfurt reisen. 
Die Bürger wollten ihn nicht fortlassen. Da er 
dringende Geschäfte vorschützt, fo giebt ihm Herbold, 
ich glaube auf drei Wochen Urlaub, schlägt ihm 
in die Hand und sagt: „Reisen Sie glücklrch, 
ein ehrlicher Mann hält sein Wort." Uebrigens 
hat dieser Mann ganz allein unzählige Exzesse 
in Kassel durch seine Beliebtheit bei den Bürgern 
verhütet. Der französische Gesandte ist zu dem 
Kurfürsten ganz entzückt gegangen und hat ihm 
wegen seiner Bürger gratulirt. Den Herbold 
hat er in dessen Wohnung besucht und hat ihm 
das französische Bürgerrecht ertheilt. Dieser 
Herbold ist schon in Wachs bossirt und wird 
rasend gekauft. Ein jeder Bürger läßt zwei 
Eimer bei ihm machen, aus welchen der 15. Sep 
tember, der Tag der Deputation vor dem Kur 
fürsten, eingebrannt ist. Der Kurprinz hat 15 
bei ihm bestellt! 
Auch der von Kopp ist in Kassel sehr ver 
haßt. Deshalb haben die Bürger, wenn er über 
die Straße gegangen ist, immer gerufen: „Kopp 
ab!" 
Ein schreckliches Pasquill ist im lUnlaufe ans 
die Gräfin [Don Reichenbach >, deren Brüder, 
einige Minister und sonstige Beamte. — Es 
existirt ein Bild in Kassel, wo der Kiesermeister 
Herbold mehreren Ministern die Reise antreibt; 
ein anderes, wo der Deh von Algier, der Ex-roi 
von Frankreich und der Herzog von Braunschweig 
Whist spielen; der Kurfürst kommt dazu und 
bittet um Erlaubniß mitspielen zu dürfen. 
Man ist sehr gespannt auf den 16. dieses 
Monats, wo die ständischen Deputirten in Kassel 
zusamulenkommen. Geht da nicht alles gleich 
nach Wunsch, so ist noch Nieles und Arges zu 
befürchten. Aus das Militär ist sich auch im 
Geringsten nicht zu verlassein Kurz, wie es bei 
uns aussieht, davon kann man sich im Auslande 
gar keinen Begriff machen. Als der Kurprinz, 
wie oben erwähnt, von Kassel abreiste, wußte er 
noch nichts von den Unruhen in Hanau. Als 
er in der Gegend von Friedberg Nachricht davon 
bekam, eilte er, um geschwind dahin zukommen. 
Er kam gegen Abend in Hanau an, fuhr gerade 
in die Stadt auf den Paradeplatz, wo die Bürger 
garde, worunter auch ich war, förmlich bewaffnet 
lind mit weißen Bindell um den Arm aufgestellt 
war. Gerade hier traf die an ihn geschickte De 
putation zu ihm. Er spralig ails beut Wagen 
und fragte, bestürzt alls die ausgestellte Garde 
deutend, was das bedeute. Darauf trat einer 
der Deputirten, ein Hutsabrikant R ö ß e l e r, 
welchen sie den Hanauer Lafayette nennen, 
zu ihm und sagte, freilich etwas lächerlich als 
Antwort auf die Frage des Kurprinzen: „Das 
sind die blutigen Folgeli der tyrannischen Will 
kür Ihres Herrn Vaters!" (ipsissima verba). 
Der Kurprinz zog alsbald sein weißes Taschen 
tuch hervor, band es um den Arm und patrouillirte 
bis nur 1 Uhr Nachts. 
In Kassel fuhr neulich der Kurfürst mit seiner 
Tochter, welche mit der Gräfin erzeugt war, iu 
einem Wagen aus. Sogleich wurde eine De 
putation an ihn geschickt, welche ihm bedeutete, 
eö wäre dies unschicklich und könne das Volk 
reizen. Alls diesem und dem Obigen kannst Du 
ohngefähr abnehmen, wie die Stimnulng in 
unserem Lande ist. Doch genug hiervon! Solcher 
Dinge fallen tausende vor. Dein L. B a n g, 
stud. jur. Goßfelden, 13. Oktober 1830. 
P laue ii im Nvgilnndc. 
William Mischer. 
Der Schöpfer der luirhegi scheu Landesaufnahme. 
Ernst Heinrich Wiegrebe erblickte zu 
Bethelu bei Hildesheim, wo seiu Vater Pfarrer 
war, im April 1793 das Licht der Welt. Seine 
Schulbildung empfing er auf dein Gymnasium der 
alten Bischvssstadt und giiig, nachdem er jenes 
durchgemacht hatte, an die Universität G ö tti ilg en 
zum Studium der Mathematik uub Physik. Das 
Jahr 1812 sah die Erhebung Westeuropas gegen 
Rußland unter Napoleon; Vielen erschien die 
die militärische Laufbahn lockend, Riihm und 
Ehre versprechend. So auch unserem 19 jährigen 
Musensohne; mit drei anderen Studiosen zog er 
im Dezember 1812, ehe noch die Nachrichten des 
auf Rußlands Eissteppen sich zutragenden um 
geheuern Unglücks die Welt entsetzten, von Göt 
tingen zu Fuße nach Kassel, der Hauptstadt 
des Königreichs Westfalen. Nach bestandener 
Prüfung wurde der Jüngling als Eleve-Sous
	        

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