Full text: Hessenland (11.1897)

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habe sie unter den nachgelassenen Papieren des 
1894 ans seinem Rittergute Großkmehlen in der 
Provinz Sachsen verstorbenen königlich prenßischen 
Geheimen Regiernngsrathes Prof. vr. ,jur. Karl 
Eduard Zachariä von Lingenthal, des 
bekannten Bpzantinisten nnd Rechtsgelehrten, anf- 
gefnnden, nnd ich meine, sie sei nicht nnwürdig, 
ihres Inhaltes wegen der Vergessenheit entrissen 
zn werden. L. Bang stndirte damals in Heidel 
berg nnd verkehrte vielfach mit diesem, der da 
mals ebenfalls in seiner Heimath seinen jnristischen 
Stndien unter der Leitung seines berühmten 
Vaters, des Professors des Staatsrechts Karl 
S a l o m v Z a ch a r i n, oblag. 
Die Ereignisse, welche Bang seinem Jugend- 
srennde in einem Briefe schildert, dürfen bei den 
Lesern dieser Zeitschrift als bekannt vorausgesetzt 
werden; Bemerkungen dazu sind überflüssig. 
Alles Unwesentliche, Eingang und Schluß, lasse 
ich weg. Im klebrigen lalltet der Brief solgender- 
maßen: 
Alu 21. Septeiilber reiste ich von Heidelberg 
ab llild blieb acht Tage iil Hall an. Während 
dieser Zeit brachen daselbst die Ikilrnhen ans, 
welche sich liachher über ganz Hessen ausgebreitet 
haben rmb noch fortdauern. Anfangs beschränkte 
sich die Wuth des meist brodlosen Pöbels nur 
gegen Licent nlld Stempel. Das Licenthans in 
Hanau steht in der Mitte der Stadt. Sie 
schlugen die Feilster ein, holten alle Papiere 
heraus und verbranllteil sie mitten ans der Straße. 
Andere Sacheil, welche sich iloch ans dem Bureau 
sallden, wurden mitverbranllt. Sogar eine ziemlich 
bedeutende Sllmme Geldes, welches sich vorfand, 
behielten sie nicht, sondern warfeil es in den 
Main. Dies geschah Abends um ' ,-9 Uhr. 
Die angesehensten Bürger, Offiziere liiid gemeine 
Soldaten standen dabei, alle freuten sich darüber. 
„Nun an deii Deines!", sagte einer der Rebellen 
(so wollen wir sie nennen), als das Fenerchen 
beinahe erloschen war. Dieser Deilles ist ein 
reicher Privatmalm, welcher mit Korn wuchert. 
Zum Glück fing es an zu regnen. Da sagte ein 
anderer: „Meine Herren, ich denke, wir lassen 
die Fortsetzung morgen folgen", lmd so gingen 
sie auseinander. Da mm die besseren Bürger 
sahen, daß sie auch an Privateigenthnm ihren 
Muth allslassen wollten, so wurde des anderen 
Morgens sogleich eine Bürgergarde organisirt, 
und alle Häuser, welche von den Rebellen etwas 
zu befürchten hatten, wnrdell mit starker Wache 
versehen. Voll nun an war also in Hanau 
ziemliche Ruhe durch den ausgezeichneten Eifer 
der Bürgergarde. Uebrigens ging es nun nach 
außen. In der Nacht zerstörten die Rebellen 
ein Manthbnreau in den umliegenden Grenz- 
vrteil, überall holten sie sich von den Schultheißen 
in den Dörfern das Stempelpapier und ver- 
brannten es. 
Ans detaillirte Beschreibungen der einzelnen 
Vorfälle kann ich mich nun natürlich nicht ein 
lassen. Ich könnte allenfalls einen großen 
Quartanten darüber schreiben und Dir diesen 
dedieiren. Wo hätte ich gedacht, daß ich mein 
liebes Hessen in so veränderter Gestalt hätte 
wiederfillden sollen. Vieles wirst Du ja auch 
ans den Zeitungen lesen, wiewohl man annehmen 
kaull, daß nicht der zehnte Theil von dem, lxas 
hier vorgeht, in die Zeitungen gerückt wird. 
Fast jede Nacht fallen hier neue Exzesse vor und 
man befürchtet noch unzählige. 
Von denen im Darm städtischen wirst Du 
viel gelesen haben. Am 30. September ging ich 
von Friedberg ans zu Fuß nach Solms-Lich, 
durch einen Theil der sogenannten Wett er an. 
Da sah ich in einer Entfernung von einer Stunde 
einen gewaltigen Dampf in einem Dorfe (Biegen 
heim). Auf meine Frage, was dort dampfe, 
antwortete mir ein alternder Bauer ganz kalt: 
„O, do sein de Rewelle ebbe, de verbrenne dem 
Forstenspekter on Landrichter ehr Geschreibse." 
Wäre ich eine Stunde später dieses Weges ge 
kommen, so Hütte ich ohne Gnade mit ihnen 
ziehen müssen; denn ein jeder, der auf sie stieß, 
mußte mitziehen. In einem Dorfe Steinau 
hat ein Beamter in der Nacht mehrere Stunden 
weit en chemise mit seiner Familie flüchten 
müssen. Einem Pfarrer in Nidda, welcher bei 
der Durchreise des neuen Großherzogs an der 
Straße einen Rasenaltar errichtet hatte und bei 
bem Vorüberfahren des Großherzogs Gott knieend 
dankte für die segensreiche Erscheinung des Re 
genten und gleichsam in Verzückungen gerieth, 
als ob er Engelsgestalten sähe, diesen haben sie 
ans ein Pferd gesetzt, ihn auf ihren Streifzügen 
an ihrer Spitze reiten lassen und ihm befohlen, 
in einem fort den Hut schwenkend zu rufen: 
„Vivat die Freiheit!" Und so haben sie unzählige 
solcher Dinge verübt. 
Aber wie hat Dir das Benehmen der Stadt 
Kassel gefallen und wie gefüllt Dir der Kiefer 
meister Herb old? Von diesem muß ich Dir 
doch noch einiges sagen, was man in den Zeitungen 
nicht liest. Er war, wie Du gelesen haben wirst, 
mit unter der Deputation an den Kurfürsten, 
wo er äußerst freimüthig gesprochen hat. Der 
Kabinetsrath Riv alter von Meysebng, 
welcher in Kassel zu beit den Bürgern verhaßten 
Beamten gehörte, fragt die einzelnen Deputirten 
nach ihrem Namen. Als er an Herbold kommt, sagt
	        

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