Full text: Hessenland (11.1897)

geb. Quentin, zu Kloster Haina ein Ziel. 
Unseren Lesern ist die Verstorbene wohl bekannt, 
sind doch in den Jahrgängen 1892 — 1896 eine 
Reihe trefflicher Gedichte derselben veröffentlicht 
worden, unter denen namentlich die letzten: „Im 
Walde" (Märchen) und „Klosterbruders Mißgeschick" 
(1896, S. 297 bezw. 269) besonders anerkennend 
zu nennen sind. Auch als Prosaschriststellerin 
hat sich Emilie Scheel durch die Skizze: „Was 
der Apfelbaum erlebt hat" (1896, S. 147, 162) 
bestens eingeführt. In Buchform erschien von ihr 
im Jahre 1896: „Am Edderstrand. Ein 
Sang aus dem Kattenland", dem vom 
Bibliothekar an der Landesbiblivthek zu Kassel 
Dr. Hugo Brunner „als einer der anmuthigsten 
Dichtungen, welche seit vielen Jahren nicht bloß 
aus dem Boden des engeren Vaterlandes an's Licht 
getreten sind" („Hessenland" 1896, S. 807) mit 
Recht eine warme Empfehlung zu Theil geworden 
ist. Trotz der heftigsten Leiden hat die Heim 
Kessifche z 
Die blaue Dame. Ein Bild ans den Tagen 
des Königsreichs Westfalen von Ludwig Mohr. 
II. Auslage. Kassel bei Carl Bietor. 1897. 
Der Verfasser dieses Romans steigt in jene 
Zeit hinab, in der auch sein Roman „Roth-weiß" 
spielt; es ist sogar der gleiche historische Boden, 
ans dem er sich bewegt, und wir begegnen auch 
wieder einzelnen uns schon bekannten Persönlich 
keiten. Dennoch ist die Tendenz eine andere. War 
es in „Roth-weiß" dem Dichter darum zu thun, das 
Werden und Heranreifen eines großen politischen 
Vorgangs aus der Zeit der Fremdherrschaft in 
lebendigen Farben zu malen und daraus die tragischen 
Konflikte zu konstruiren, in welche die handelnden 
Personen verflochten werden, — so hat er sich in 
dem vorliegenden Romane die Aufgabe gestellt: 
ein Bild zu entwerfen von der Sittenlvsigkeit des 
Napoleonischen Hofes in Kassel, und wie diese 
demoralisirend wirkte aus das öffentliche, wie aus 
das Privatleben, auf den öffentlichen Dienst, wie 
aus den engeren Kreis der Familie. Wir suhlen, 
daß eisenseste Charaktere dazu gehören, in diesem 
Schlamm von königlicher Liederlichkeit, sowie von 
Bosheit und Verworfenheit der Hofschranzen, fest 
zu stehen und allen teuflischen Anfechtungen und 
Anschlägen zu trotzen. Diese Rolle ist einer alt 
hessischen Adelssamilie von Turnau zugefallen. 
Und wo sich die höchsten Staatswürdenträger 
förmlich überbieten, dem König in seinen Liebes 
abenteuern die entwürdigendsten Dienste zu leisten. 
gegangene unentwegt weiter gearbeitet, um noch 
mit neuen literarischen Erzeugnissen hervortreten 
zu können. Nun hat der unerbittliche Schnitter 
ihrem Leiden und Streben in gleicher Weise ein 
Ende gemacht. Edle Dulderin, ruhe sanft! Als 
Probe der dichterischen Begabung von Emilie 
Scheel seien als Leitgedicht der vorliegenden 
Nummer die einleitenden Strophen des zehnten 
Gesanges aus „Am Edderstrand" zum Abdruck 
gebracht. — Am 15. August verstarb zu Kassel 
im Alter von 68 Jahren ein besonders geachteter 
Kasseler Bürger, der frühere Knpferschmiedemeister 
H a r t m a n n Herzog, einer der besten Kenner 
der Kasseler Mundart, iu welcher er eine Reihe 
trefflich gelungener Gedichte verfaßt hat. Das letzte 
derselben ist unter dem Titel: „Das Fillestinzchen, 
scherzhafte Reime in Kasseler Mundart" in 
Nummer 1 des laufenden Jahrgangs vom „Hessen 
land" veröffentlicht worden. Mit Hartmann Herzog 
ist wieder ein Stück Alt-Kassel zu Grabe getragen. 
erschau. 
da ist natürlich das Leben auf Seiten des Anstandes 
und der guten Sitten ein fortwährender Kamps, 
ja nicht selten ein Kampf bis zur Erschöpfung; 
aber diesen Kampf nimmt die Heldin der Erzählung, 
die „blaue Dame", eine Frau von Turnan, in 
einer Weise auf: die selbst dem lockeren Jöröme 
Respekt abtrotzt, obwohl er eigentlich gar nicht 
daran denkt, die Hoffnung auf den Besitz der 
reizenden „ blauen Dame" auszugeben. Die Charakter 
eigenschaften dieser hessischen Edeldame führen den 
König sogar seiner Gemahlin zurück, der er die 
heiligsten und zärtlichsten Versprechungen macht, 
sich zu besseren, während die Königin erstaunt, daß 
es an dem lockeren Hose eine Frau giebt, die ihrem 
leichtfertigen „Fifi" zu widerstehen vermag, fast 
in ein freundschaftliches Verhältniß zu Frau 
von Turnail tritt und dann zu deren und ihres 
eingekerkerten Mannes Gunsten, hinter dem Rücken 
des Königs, die köstlichsten Jlltrignen gegen den 
allmächtigen „General der hohen Polizei" spinnt, 
dilrch die es schließlich dem von Schergen um 
gebenen Ehepaar Tlirnau lnöglich tvird, der Macht- 
sphäre des Königs „Lnstik" und seiner hochgestellten 
Helfershelfer zu entfliehen, bis das Schicksal den 
kaiserlichen Bruder in den russischen Schneesteppen 
ereilte und damit auch der eben so tollen, als 
liederlichen Wirthschaft Jöröme's in Kassel ein 
Ende machte. 
Der Ausbau des Ganzen bis zur Katastrophe 
befriedigt ebenso, wie die Ausführungen im
	        

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