Full text: Hessenland (11.1897)

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Tage geschlagene große Schlacht (es war der 
4. Juli, der Tag nach Königgrütz) waren schon 
im Umlauf. Auch am Rhein, in der Gegend 
von Eltville, sollte ein Gefecht gegen von Koblenz 
gekommene preußische Landwehr- und Ersatztrnppen 
stattgefunden haben, wobei auch unser Leibgarde 
regiment und unser Jägerbataillon betheiligt 
gewesen wären. Premierlieutenant Harnickell 
von den Jägern imb Lieutenant von Gilsa von 
der Garde wurden als gefallen, andere als ver 
wundet genannt. Wie sich später herausstellte, 
war an der ganzen Sache kein wahres Wort. 
Während dieser Unterhaltung kam die Nachricht, 
daß unser Zug gar nicht über Frankfurt fahren 
könne, weil die Bahnen in der Nähe dieser Stadt 
durch die süddeutschen Truppen zu stark in An 
spruch genonnnen seien, sodaß die Benutzung der 
Verbindungsbahn zwischen dem Hanauer Bahnhof 
in Frankfurt und dem Alain-Neckar Bahnhöfe 
für unsern Zug unmöglich sei. Weiteres solle ab 
gewartet werden. 
Endlich gegen 10 Uhr kam die ersehnte An 
weisung, daß unser Zug abgelassen werden könne, 
aber über Aschafsenburg und Darmstadt. Das 
war gerade feine erfreuliche Nachricht, denn sie 
stellte uns eine Fahrt in Aussicht, die bis gegen 
Abend dauern konnte. 
In Aschafsenburg, das wir zwischen 12 und 1 Uhr 
erreichten, durften wir die Wagen nicht verlassen, 
weil es angeblich gleich weitergehen sollte. Trotz 
dem dauerte es eine gute halbe Stunde, bis wir 
uns wieder in Bewegung setzten. In Dieburg, 
das etwas weiter von Aschafsenburg als von 
Darmstadt entfernt ist, gab es wieder einen 
längern Aufenthalt. Wir waren mittlerweile 
sehr hungrig geworden, denn aus dem Hanauer 
Bahnhöfe befand sich damals keine Wirthschaft, 
und nach der Stadt hatten wir nicht mehr gehen 
dürfen. Demnach hatten wir seit dem Morgen 
kaffee nichts mehr genossen. Auch in Dieburg 
war keine Wirthschaft auf dem Bahnhöfe, der Ort 
lag zu weit entfernt, als daß wir Hütten hingehen 
können, und nur eine kleine Fuhrmannskneipe, 
einige hundert Schritte vom Bahnhof gelegen, 
war erreichbar, um das Bedürfniß nach Speise 
und Trank zu befriedigen. Auf eine so starke 
Kundschaft, wie sie jetzt plötzlich vorsprach, war 
diese aber auch nicht eingerichtet, sodaß sie sehr 
bald ansverkauft war. Von unsern Leuten 
mußte die überwiegende Mehrzahl die Fahrt 
hungrig fortsetzen. 
Einen abermaligen längern Aufenthalt gab es 
in Darmstadt, aber auch hier dursten wir wieder 
die Wagen nicht verlassen. Zunächst hielten wir 
außerhalb des Bahnhofes, wo wir Gelegenheit 
hatten, einen langen Zug mit badischen Truppen 
vorbeifahren zu sehen. Als dieser endlich fort 
war, fuhren wir zwar in den Bahnhof ein, hielten 
aber doch noch so weit vom Wirthschastsgebände 
entfernt, daß wir nicht dorthin gehen konnten. 
Endlich setzte sich unser Zug wieder in Bewegung 
und fuhr nun ohne wesentlichen Aufenthalt nach 
Mainz. 
Den Augenblick, wo wir über die Rheinbrücke 
kamen, werde ich nie vergessen, denn ich hatte 
den Rhein noch nie gesehen. 
Es war etwa 6 Uhr, als wir auf dem Mainzer 
Bahnhöfe anlangten. Nach den Mittheilungen 
unseres Ouartiermachers sollten die Geschütze ans 
dem Schloßplätze aufgefahren werden. Die Pferde 
kamen nach einem im Bastion Martin am 
Ganthor gelegenen Stalle, die Mannschaft in 
die M ü n st e r k a s e r n e, während für die Offi 
ziere Bürgerqnartiere gemacht worden waren. 
Mein Billet lautete auf das „Hotel zur Lud 
wigs bahn", wenn ich nicht irre, in der Holz 
gasse. 
Als wir endlich mit dem Ausladen der Ge 
schütze unb Pferde fertig waren und nach dem 
Schloßplatz marschiren wollten, wurde uns eine 
erste Ueberraschung zu Theil. Die Offizierspferde 
waren nicht da! Wie sich später herausstellte, 
hatte der Bursche des Lieutenants B. unsere 
Burschen gleich nach dem Ausladen der Pferde 
nach dem für die Batterie bestimmten Stalle ge 
führt, und so mußten wir denn unseren Einzug 
in Mainz in wenig würdiger Weise halten, d. h. 
zu Fuße neben der Batterie herlaufen; ebenso 
mußten wir, nachdem die Geschütze auf dem Schloß 
plätze aufgefahren und abgespannt waren, unsere 
Zugpferde den ziemlich weiten Weg nach dem 
Gnuthor begleiten. Besonders unangenehm war 
die Sache für mich. In meinem rechten Stiefel 
war nämlich etwas nicht in Ordnung, was mir 
schon während der Eisenbahnsahrt große Be 
schwerde bereitet hatte, die sich jetzt beim.Gehen 
auf dem schlechten Pflaster zu unerträglichen 
Qualen steigerte. 
Bei unserer Ankunft auf dem Bastion Martin 
wartete unser eine neue Ueberraschung. Wir 
fanden nämlich den für uns bestimmten Stall von 
den mit uns in demselben Zuge gekommenen, 
aber vor uns ausgeladenen kranken Husarenpserden 
beseht. In dem Glauben, daß die Verfügungen 
im letzten Augenblick geändert seien, wurde Lieu 
tenant B. zum österreichischen Platzmajor, als der 
zuständigen Behörde, geschickt, um Aufklärungen 
zu verlangen. Er kam jedoch nach etwa einer- 
halben Stunde zurück und meldete, daß die 
„Kanzlei" des Platzmajors seit 6 Uhr geschlossen
	        

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