Full text: Hessenland (11.1897)

Erinnerungen aus den letzten Tagen eines deutschen 
Furstenthums. 
Von einem ehemaligen kurhessischen Ossizier. 
(Fortsetzung.) «Nachdruck verboten.) 
^Hsontag, den 2. Juli, marschirte unsere ganze 
Ms Abtheilung von Langenselbold nach dem etwa 
i ^ halbwegs Hanau gelegenen Dorfe Rückingen. 
Die Entfernung war ganz geringfügig, sodaß wir 
schon sehr zeitig unsere neuen Quartiere erreichten. 
Ich fand das meine beim Pfarrer des Ortes, 
und es war das erste, wo ich nicht freundlich 
aufgenommen wurde. Namentlich behauptete 
Hochwürden, feilten Platz für mein Pferd zu 
haben. Während ich noch mit ihm verhandelte 
und ihm klar zu machen suchte, daß es seine 
Sache sei, einen Platz für mein Pferd zu finden, 
da der Bürgermeister, der seine Perhaltnisse doch 
sicher kenne, das Ouartierbillet aus mich und 
mein Pferd ausgestellt habe, kam mein Bursch, 
der aus die Suche gegangen war, zurück und 
meldete mir, er habe einen großen, säst leeren 
Stall gefunden. So war es in der That. Der 
Herr Pfarrer hatte einen Stall, worin eine ganze 
Geschützbespannung hätte untergebracht werden 
können. Nur eine Kuh stand darin, die nahe 
am Kalben war, und deshalb wollte der Herr 
Pfarrer kein Pferd dabei haben. Da ich nicht ein 
zusehen vermochte, welchen Schaden mein biederer 
Nero dieser Mutterfreuden erwartenden Kuh thun 
könne, gab ich meinem Burschen den Befehl, mein 
Streitroß augenblicklich in den gefundenen Stall 
zu ziehen, und damit war die Geschichte abgemacht. 
Beim Mittagsessen, das wir mit den Offizieren 
der anderen Truppen gemeinsam einnahmen, wurde 
uns eine seltsame Ueberraschung zu Theil. 
Plötzlich öffnete sich nämlich die Thür, und 
herein trat ein württcmbergischer Artilleriehaupt- 
mann; meldete sich beim Obersten von Baumbach 
und fragte diesen, ob er ihm nicht mittheilen 
könne, wo sich das Hauptquartier der Württem 
bergischen Division befinde. Oberst von Baumbach 
konnte ihm leider die gewünschte Auskunft nicht 
geben. Nun bat der Württemberger um die Er 
laubniß, seine Batterie, die noch auf der Land 
straße hielt, im Dorfe ein paar Stunden ruhen 
zu lassen und mit seinen Offizieren an unserem 
Mittagstische theilzunehmen. Diese Erlaubniß 
wurde ihm natürlich gern gegeben und für die 
Waffenkameraden Platz bei uns Artillerieoffizieren 
gemacht. Sie ließen sich das Effezi schmecken, 
und dabei erzählte uns der biedere Schwabe, daß 
er mit seiner Batterie ganz allein, ohne Bedeckung 
schon ein paar Tage in der Welt spazieren fahre 
und seine Division suche, ohne sie aber finden zu 
können, da ihm niemand genauen Bescheid zu geben 
wisse. Nun habe er beschlossen, sich mit seiner 
Batterie in Höchstadt einzuquartieren und einen 
seiner Offiziere nach Frankfurt zu schicken, um 
dem Hauptquartier des VIII. Armeecorps Meldung 
über seine Lage zu erstatten und Berhaltungs- 
besehle zu erbitten. 
Am folgenden Vormittag gegen 10 Uhr erhielt 
unsere Batterie den Befehl, nach K e ss e l st a d t 
bei Hanau zu marschiren. Dort sollte sie die 
nächste Nacht bleiben, am andern Morgen, den 
4. Juli, aber um 8 Uhr zur Verladung nach 
Mainz am Bahnhöfe zu Hanau bereitstehen. 
Als wir aus dem Marsche nach unserm neuen 
Bestimmungsorte am Nachmittag durch Hanau 
kamen, begegnete uns ans einem freien Platze der 
Stadt unsere reitende Batterie, die nach Höchst 
wollte, von wo sie am 4. Juli Mainz erreichen 
sollte. Ihr schlossen sich drei Schwadronen des 
1. Husarenregiments an. 
Von Hanau ans wurde Lieutenant V. mit 
der Eisenbahn nach Mainz als Ouartiermacher 
unserer Batterie vorausgeschickt. 
Kesselstadt liegt dicht bei Hanau, sodaß wir 
bei guter Zeit in unsere Ouartiere kamen und 
auch am anderen Morgen nur einen kurzen 
Marsch nach dem Bahnhöfe zurückzulegen hatten. 
Leider mußten wir diesen unter einem wolkenbrnch- 
artigen Gewitterregen ausführen, sodaß wir völ 
lig durchnäßt dort ankamen. Tie Verladung 
war rasch bewerkstelligt, aber der Zug konnte 
noch lange nicht abgehen, da dazu telegraphische 
Anweisung der Bahnverwaltnng in Frankfurt 
abgewartet werden mußte. Mit demselben Zuge 
wurde das Bataillon des 1. Infanterieregiments 
befördert, das mit uns in Langenselbold und 
Rückingen gelegen hatte, und ein Kommando 
von ca. 60 gedrückten und kranken Pferden des 
1. Husarenregiments unter Premierlieutenant 
Wiegrebe. Dieser hatte sich in Hanau selbst 
aufgehalten und wußte von den Ereignissen der 
letzten Tage mehr als wir. Auch ihm waren 
die Nachrichten über die ersten Gefechte in Böhmen 
bekannt, aber er wußte auch schon, daß sie nicht 
Siege der Oesterreicher, sondern Niederlagen waren. 
Selbst unbestimmte Gerüchte über eine am vorigen
	        

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