Full text: Hessenland (11.1897)

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einen Rnf weit über die Grenzen ihres engeren 
Vaterlandes hinans erworben haben: nämlich 
Heinrich König, Ernst Koch nnd Franz 
Dingelstedt. Als vierter, freilich keineswegs 
ebenbürtiger, wäre allenfalls der Kasseler Georg 
Döring zn nennen. Alle diese Dichter haben 
unsere Residenz in größeren Werken verherrlicht 
beziehnngsweise dargestellt; König in seinem be 
kannten Roman „König Jvrome's Karneval", 
Koch im „Prinz Rosa-Stramin", Dingelstedt 
in dem ironischen Roman „Die neuen Ar 
gonauten" und Döring in seiner geschichtlichen 
Novelle „Das Kunsthaus". 
Stofflich das interessanteste Buch ist das zuletzt 
genannte, das von den Schicksalen der Stadt 
gegen Ende des siebenjährigen Kriegs (1762) 
handelt nnd als lokalen Mittelpunkt das ehemalige 
Knnsthans (das jetzige Naturalienmuseum) schildert. 
Nicht ungeschickt erfunden, leidlich erzählt nnd 
von spannenden Episoden durchflochten, giebt uns 
die Handlung Bilder einer Zeit, die an bunter 
Abentenerlichkeit jener anderen Franzosenherrschast 
gleichkommt, vvic der uns König's Roman erzählt. 
Man hat an seinem „Carneval Jvrome's" mit 
Recht die Unart gerügt, nach geschmacklosen Wort 
spielen und Witzen zu haschen, und zwar Witzen 
sehr niedriger Gattnng. Ueberhanpt ist der Roman 
weder dnrch Gehalt noch Erfindnng ansgezeichnet. 
Was ihm aber einen höheren Werth verleiht, ist 
die wahrhaft poetische Schildernng namentlich 
der landschaftlichen Szenerie. Unsere Stadt ist 
(anßer im „Prinz Rosa-Stramin") niemals wieder 
so schön und mit einer so — man kann sagen 
— Goethe'schen Plastik dargestellt worden wie 
in diesem Roman von König. 
Lyrischer, aber als von einem noch größeren 
Dichter noch poetischer, ist die Schildernng Kastells 
im „Prinz Rosa-Stramin". Zugleich kommt hier 
ein Element hinzn, das wir bereits bei den 
älteren Dichtern unseres Heimathlandes (von 
Bnrkard Waldis an) wahrnehmen können, und 
das ganz zur Eigenart unseres Stammes paßt, 
das humoristische. 
Dies Element begegnet nns, nur in der Modi 
fikation des rein Witzigen, anch bei Dingelstedt 
in seinem Roman „Die neuen Argvnanteu". 
Die Erzählnng schildert schlimm, wie ihr Ver 
fasser war, die Kasseler Zustünde in den dreißiger 
Jahren. Der damalige Allerweltsdichter Hofrath 
Niemeyer und das Pensionat des Fräulein Espe 
(int Roman Madame Pappel genannt) spielen 
darin eine Rolle. Kassel heißt Kesselstadt. In 
seiner Biographie Dingelstedt's theilt Julius 
Rodenberg interessante Brnchstücke eines von 
jenem geplanten Kasseler Romans mit, der den 
Titel „Sieben Jahre" führen und in der west 
fälischen Zeit spielen sollte. Auch sonst noch hat 
Dingelstedt unsere Stadt geschildert (im „Wander- 
bnch") mit jener nachlässigen Eleganz, jenem 
sentimentalen Esprit, der überhaupt die Zeit des 
jungen Deutschlands kennzeichnet. 
Weiln wir uns zum Schluß noch erinnern, 
daß einer der bebentenbften Dichter der Epoche, 
Karl Jmmermann, eine Episode seines klassischen 
Romans „Münchhausen" in Kassel spielen läßt 
(die Geschichte von den kurhessischen Zöpfen), und 
daß der liebenswürdige Wilhelm Hauff in der 
Vorrede zu seinen „Novellen" erzählt, er habe 
bett Stoff dazu anßer in anderen Städten mich 
in Kassel gefnndell (eine Benierkung, die offenbar 
ganz ernsthaft gemeint ist), so dürfen wir unsere 
Dichterrevue, die zugleich ein Versuch ist, die 
Literaturgeschichte einmal voll einem ganz lokalem 
Standpunkt aus zu betrachten, für diesmal be 
enden. ttm die Mitte des Jahrhunderts, voll 
den vierziger Jahrelt an, wo von Geibel nnb 
Mosenthal, und den fünfziger, wo von Bvdeil 
st edt, von Hermann Grillt nt nnb dem un 
vergeßlichen Vater des Verfassers, Karl Alt- 
müller, die Rede sein müßte, bis zttr jüttgsten 
Gegenwart hiltans wird die Menge der in Kassel 
anwesenden Dichter unübersehbar und unverfolgbar, 
so interessant auch gerade mancher Besuch eitles 
Poetelt der Nettzeit erscheillt. Jndessett mußte 
bei der vorliegenden Arbeit voll vornherein jeder 
Anspruch auf Vollständigkeit abgewiesen werdett, 
wie beim dieser Aussatz ursprünglich nur atts 
flüchtigen Notizen, aus Spänen hervorgegangen 
ist, die von des Verfassers Arbeitstisch hier mtd 
da herabgefallen sind. Sollte sich inzwischen ttoch 
von anderer Seite her ein Beitrag zur Ergänztlitg 
oder zur Berichtigung unserer biographischen 
Fragmente finden, so wird er vielleicht nicht nur 
dem Schreiber dieser Zeilelt willkontmeu seilt. 
Um aber eine Betrachtttng, die von so vieleit 
Dichtern handelt, lticht gar zu prosaisch zu schließen, 
möge es erlaubt sein, eiltige Zeilen mitzutheilen, 
die zum Preise der Stadt, der mtsere Ulttersuchuttg 
gegolten hat, entstauben sind. 
Du traute Heimathstadt, vor alten 
Mußt Du mir immerdar gefallen! 
Du liegst in Deinen: weiten Thäte, 
Wie Blumen liegen in der Schale. 
Bon Bergen hält ein Beilchentran.z 
Dich zärtlichtreu umschlungen ganz, 
Und wenn erblaßt ihr sanftes Mchl, 
Dann find sie noch Vergißmeinnicht! 
Sie schützen Dich und sind ein Wall, 
Doch fernbescheiden stehn sie all' 
Mit lieblich demüthigen Zügen, 
Als ob sie Dir die Schleppe trügen.
	        

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