Full text: Hessenland (11.1897)

MAZ 
xi. Jahrgang. Kassel, 1. September 1897. 
Maifest-Morgen. 
^pTolfenioS spannte der Himmel sich über die blühende Erde, 
Die in dem Frühlingsgewand strahlt wie ein bräut 
liches Weib, 
Dessen Schönheit erreichte den höchsten Grad von Vollendung, 
Aber doch mädchenhaft blieb, rein wie das Perlcngeschmeid, 
Wie der duftige Schmelz, der verklärt die erschlossene Rose, 
Und wie das betende Aug', das sich znm Vater erhebt. 
Dichtverschleierte Pfade, vom Blüttergewirre verdnnkelt, 
Ziehen durch grünenden Wald vielfach verschlungenes Band, 
Bis sie im Thal sich verbinden zu einer verbreiterten Straße, 
Die durch wogendes Korn weiter den Wanderer führt. 
Sonst lag Stille und Ruhe ans weiten, gesegneten Fluren, 
Heute aber das Bild fröhliches Treiben belebt. 
Männer und Weiber zu Hanf', in Festtagsgcwünder gekleidet, 
Füllen mit frohem Gedräng' jeglichen Steg im Geländ. 
Sichtbar waren gesondert Gemeinden, auch Ortschaft von 
Ortschaft, 
Und an dichterm Gewühl kennt man vereinigten Stamm. 
Zeichen flattern an Stangen. Erbeutete Waffen und Fahnen 
Geben Bedeutung und Ehr' vor den Genossen des Gan's. 
Mädchen, in Reihen geordnet, versperren die Breite des 
Weges, 
Halten Hand sich an Hand, singen im fröhlichen Chor. 
Bursche auf wüthigen Pferden umschwärmen und necken 
die Mädchen, 
Diesen aber geziemt's. stolz sich zu zeigen und spröd'. 
Rinder brüllen, Gestampfe von Rossen ertönet vernehmlich, 
Wenn in Geleisen des Wegs stockt der tvandernde Zug. 
Kräftige Schultern stemmen sich gegen die Speichen der Wagen, 
Schwankend beginnt das Geführt weiter zu rücken im Sand. 
Fröhliches Jauchzen erschallt und lustiges Knallen der 
Peitschen, 
Rosse befeuernd im Lauf, Rinder im langsamen Gang. 
Lust und Frohsinn beherrscht die Gemüther der kattischen Leute, 
Denn entgegen dem Fest geht es beflügelten Schritts. 
Lang' ist gewesen die Haft, die gestrenge der Winter ver 
hängte 
Ueber das einsame Dorf oder das Einzelgehöft. 
Nun ist vergessen die Oede, die Mühsal und jedes Enlbehrniß. 
Wie sich ein kindliches Herz schon an dem Kleinsten erfreut, 
Also das kindliche Volk fast überschäumt vor Vergnügen 
In Erwartung des Tags, der so viel Freude bescheert. 
Fernher Fricdclar winkt mit grünem, bewaldeten Gipfel, 
Und zu Füßen das Band silbernen Wassers erglänzt. 
Wellen der Eddcr! von Fischen belebt, und goldene Körner 
Trügt die krystallene Flnth tief im verbergenden Schooß. 
Bald ist gefunden die Furth, die Mannen erkämpfen sich 
Durchzug, 
Stürzen in's Wasser sich kühn, leiten die Rosse hindurch. 
Stützen die ängstlichen Frauen, und Jauchzen und Lachen 
ertönet, 
Denn der natürliche Sinn freut sich an jeglichem Thun. 
Emilie Scheel t* 
(Aus „Am Edderstrand".)
	        

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