Full text: Hessenland (11.1897)

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weilte, solche Zuneigung zu ihm faßte, das; sie ihn be 
suchte, sobald sie konnte, so auch noch am Tage vor 
dem Tode ihres alten Freundes. 
Die höchste Theilnahme rief dieser Todesfall bei allen 
hervor, die dem Entschlafenen im Leben begegnet waren, 
wie die Bestattung zur äußerlichen Anschauung gebracht 
hat. Von nahe und fern empfing die schwer geprüfte 
Familie die Zeichen daß Viele, sehr Viele mit ihnen ihr 
Herzeleid trugen, daß der treue Mann wiederum treues 
Gedenken finde. Von ihm gilt das Wort „er hatte keinen 
Feind" in Wahrheit. 
Möge der Witwe die Erinnerung an einen solchen 
Gatten, an das innigste Verhältniß zu ihm bis zum 
Augenblicke des Scheidens eine schmerzlichsnße sein! 
Ich schließe int Andenken an den verlorenen unvergeß 
lichen Freund: Sei Dir die Erde leicht! -- 
G. v. Stamford. 
Au§ ctsfer und neuer Aert. 
Die Stellvertretung im kurhessischeu 
Mil i tä rdien st. Nach denr kurhessischen Re- 
krutiruugsgeseh vom 29. September 1848 war 
durch 8 29 die Stellvertretung gestattet, obschon 
nach i dieses Gesetzes mit Ausnahme der Prinzen 
des kurfürstlichen Hauses und der standesherrlichen 
Familien jeder Waffenfähige zum Kriegsdienste 
verbunden war. Wenn die Stellvertretung dennoch 
festgehalten wurde, so beruhte dies auf ti 40 der 
Versastungsurkunde, die abzuändern mall Bedenken 
trug. Die näheren Einzelheiten der Stellvertretung 
regelten sich nach wie vor nach den Bestimmungen 
des im klebrigen außer Kraft gesetzten Rekrutirnngs- 
gesetzes vom 25. Oktober 1884, Abschnitt IX von 
der' Stellvertretung, in dessen Paragraphen (98 —100) 
das Nähere angeordnet war, nur wurde die Stell 
vertretung insofern eingeschränkt, als dieselbe nach 
dem neuen Gesetz lediglich in Bezug auf das erste 
Aufgebot (Linie) zulässig blieb, während der vertretene 
Militärpflichtige im zweiten Aufgebote (Landwehr) 
selbst dienen mußte. Die neue Organisation von 
1848 gründete sich (vergl. ff 8 u. 4 des Gesetzes) auf 
den Begriff eines zwiefachen Aufgebots, von denen 
das erste das stehende Heer bildete, welches stets 
bereit zu. sein hatte, um in das Feld zu rücken. 
Jedes Aufgebot enthielt zwei Abtheilungen, deren 
zweite die Reserve für die erste bildete. Wenn 
die Dienstpflicht, die vom l. Januar desjenigen 
Jahres, in welchem der Dienstpflichtige das 
21. Lebensjahr vollendete, bis zllm Schlüsse des 
jenigen Jahres dauerte, in welchem derselbe das 
80. Lebensjahr zurückgelegt hatte, so war im 
Einzelnen die Dienstpflicht dahin geregelt, daß der 
ersten Abtheilung des ersten Aufgebots die Blaun 
schaft der Altersklassen des 21. bis 28. Jahres; 
der zweiten Abtheilung des ersten Aufgebots die 
Mannschaft der Altersklassen des 24. und 25. Jahres; 
der ersten Abtheilung des zweiten Aufgebots die 
Mannschaften der Altersklassen des 20. imb 
2 7. Jahres; und endlich der zweiten Abtheilung 
des zweiten Aufgebots die Mannschaft der Alters 
klassen des 28. bis 80. Jahres zugewiesen wurde. 
Der Stellvertreter, der, wenn er bereits im 
Militär gedient hatte, nicht über 80 Jahre alt 
sein, anderenfalls aber das 2 5. Lebensjahr nicht 
überschritten haben, auch nicht verheirathet sein 
durfte, mußte mit dem von ihm zu vertretenden 
Dienstpflichtigen einen Bertrag schließen, nach dessen 
Festsetzungen die Stellvertretung stattzufinden hatte. 
Dieser Vertrag galt als Privatabkommen unter 
den Betheiligten, war jedoch gerichtlich festzustellen 
und mußte, ebenfalls nach £ 98 des Rekrntirnngs- 
gesetzes von 1834, allen dessen Borschristen über 
die Stellvertretung entsprechen, namentlich die 
Bestimmung enthalten, daß der Stellvertreter im 
Kriege uitb im Frieden die Militärpflicht des Ber- 
tretenen vollständig übernehmen, daß. die Stell 
vertretung infolge eines vom Stellvertreter begangenen 
Berbrechens erlöschen (S 102) und zur Sicherung 
der Kriegskasse für die dem Stellvertreter an 
vertrauten Effekten zwei Drittel der Einstandssnmme, 
jedoch nicht unter 50 Thalern, als Kaution bei 
der Kriegsknfse zur Abgabe an die Landeskreditkasse 
hinterlegt und von letzterer dem Stellvertreter mit 
dem höchsten bei ihr üblichen Prozente verzinst 
werden sollten. 
Prinzipiell bestand im Landtage keine Meinungs 
verschiedenheit darüber, daß die Stellvertretung 
iu einem Widerspruche zu den Begriffen stehe, 
„welche hinsichtlich der Pflichten wie der Rechte 
der Staatsbürger, der Gleichheit vor dem Gesetze 
und der Wafsenehre herrschen". Sie sollte nach 
damaliger Auffassung nur aufrecht erhalten bleiben, 
um den schroffen Uebergang von der Militär- 
freiheit einzelner Stünde und ganzer Städte zu 
vermitteln, ein Gesichtspunkt, unter dem auch die 
in Knrhessen bereits zu Recht bestehende Einrichtung 
des einjährig-freiwilligen Dienstes betrachtet wurde. 
Zufällig liegt uns als Beleg ein solcher Bertrag 
vor, der am 4. April 184!» zwischen dem verab 
schiedeten Jäger Wilhelm Wohlleben ans Wahlers 
hausen (Stellvertreter) und dem Einwohner Johann 
Friedrich Wömpner ans Altenhagen (Grafschaft 
Schaumburg) als Bormund feines Sohnes Karl
	        

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