Full text: Hessenland (11.1897)

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von denen der zu Ulm beschäftigt gewesene Hauptmann 
Lchleenstein Kommandeur der Pivnierkompagnie war, 
als Stähle in diese eintrat, wo er unter dem ausgezeichneten 
Vorgesetzten eine gute Schule durchmachte. 
Er bestand später die Prüfung zum Hanptmanu der 
Artillerie, vier größere Arbeiten unb eine binnen einer halben 
Stunde in Klausur zu lösende Aufgabe, worauf er am 
11. oitst 1861 zum Hanptmanu und Batteriechef der 
12 Pfänder Batterie ernannt wurde. Nun war er wieder 
Artillerist und zwar ein so tüchtiger, daß ihm im Jahre 
1863 das ehrende Amt als Examinator in der Prüfungs 
kommission für Artillerieoffiziere allerhöchsten Ortes über- 
tragen wurde. Als die Pivnierkompagnie frei geworden 
war. fiel die Wahl zu dieser selbstständigen Stellung aus 
Stähle, nur 14. Februar 1865 empfing er die Ernennung 
zum Kommandeur jener Truppe. 
Wie er ein nach jeder Richtung fähiger Offizier war, 
so zeichneten ihn auch menschlich schöne Eigenschaften aus; 
ein guter Kamerad, bei Hoch und Niedrig beliebt, gewandt 
und liebenswürdig, von köstlichem Humor, den eine 
bedeutende musikalische Begabung trefflich unterstützte — 
mußte er in allen Kreisen gern gesehen sein. Als Mit 
glied des noch heute in Kassel bestehenden Onartettvereins 
wirkte er in hervorragender Weise für das Musikalische 
wie für eine heiter schöne Geselligkeit; manche noch Lebende 
werden sich seiner Vorträge, seiner belebenden Persönlich 
keit gern erinnern. 
Zn allem war ihm auch häusliches Glück beschieden. 
Unser Freund schloß am 22. April 1802 die Ehe mit 
Fräulein Jenny Weis, einen Bund, dessen reines Glück 
nur durch deu Tod des Gatten geendigt tvorden ist. 
In dienstlich voll befriedigender Stellung, höchst an 
genehmen Verhältnissen in der Gesellschaft wie daheim 
verlebte Stühle einige Jahre, bis der Sturm von 1866 
das Kurfürsteuthum vernichtete, damit dessen kleines Heer, 
nachdem es noch unter dem Banner des Bundestages 
gegen Preußen iu's Feld gezogen war. Tiefen Feldzug 
in Südlvestdentschland machte Stühle mit; als im Herbste 
das kurhessische Offizierscorps m alle Welt zerstreut 
wurde, führte den Hauptmann stähle fein Schicksal an 
den Rhein, wo er dem Pionierbataillon Nr. 8 zur Ticnst- 
icistnng überwiesen wurde, 20. November 1866, und den 
Tienst als Jngenieuroffizier vom Platz zu Ehrenbreitstein 
zu versehen hatte. 
Im Mai 1870 erhielt er die Ernennung zum Ingenieur 
offizier vom Platz in Memel und am 22. Oktober d. I. 
folgte die Beförderung zum Major. Für die pflicht- 
getreuen Dienste tvührend des Krieges von 1870 71 wurde 
ihm die Kriegsdenkmünze von Stahl am Kombattanten 
bande, ebenso der Rothe Adtervrden IV. Klasse verliehen. 
Wie in Hessen, daun am heiteren Rhein, so fanden 
sich Stühle und seine Familie auch in dem fernen ernsten 
Nordosteu gut in die Lebensverhältnisse, die durch das 
Klima Ivie durch die Bewohner sich von denen im Westen 
erheblich unterscheiden. Für bm kürzeren Sommer ge 
währte der Winter mit seiner Geselligkeit, der die Menschen 
einander näher bringt, einigen Ersatz. Es war aber 
Stühle beschieden, hier längere Zeit zu leben, als an 
einem anderen Orte seiner dienstlichen Wirksamkeit. Da 
durch schlossen er und die Seinigen sich vielfach an 
Andere an, fühlten hier zuletzt sich heimisch und lebten 
in höchst angenehmen freundlichen Beziehungen. Noch 
eine Beförderung brachte ihm der Kaiserliche Geburtstag 
des Jahres 1876, die zum Oberstlieutenant, doch Ende 
1878 sah er sich veranlaßt, um die Peufionirung nach 
zusuchen , die gewährt wurde. Der noch gesunde und 
rüstige Alaun wünschte noch thätig zu sein, es zeigte sich 
jetzt, daß er in seiner dienstlichen Stellung sich die Ächtung 
weiter Kreise in Alemel gelvonnen hatte. An dem Tage^ 
der ihm das Pensionsreskript in die Hände führte, er 
öffnete ihm der Königliche Landrath, daß der Kreis- 
ausschuß ihn mit den Geschäften eines Kreisbaumeisters 
betraut habe, die vorzugsweise deu Wegebau umfaßten. 
Dieser so rasch eintretende glückliche Fall ergänzte das 
geschmälerte Einkommen wieder und legte Stühle Dienst 
obliegenheiten auf, die er nach seiner früheren Thätigkeit 
und bei seiner Begabung und Gewandtheit wohl versehen 
konnte. Freilich waren sie öfters anstrengend, im Winter 
zumal, wo Schnee, Eis, großes Wasser das Durchkommen 
zu solchen Stellen hinderten, zu denen der Kreisbaumeister 
mitunter eiligst gerufen wurde. 
Deu hochbetagten Vater noch einmal zu sehen, machte 
Stähle sich mit den Seinen im Sommer 1885 nach der 
Heimath auf, besuchte seinen Vater in Fulda und er 
freute sich des Wiedersehens mit den zahlreichen Freunden 
und Bekannten in Hessen. Einige Monate nach dieser 
alle Bethciligten erquickenden Fahrt traf die Familie ein 
unerwarteter schwerer Schlag: ein hoffnungsvoller Sohn 
starb im Kadettenhause, Dezember 1885. Der von dem 
Anblicke dieses Enkels noch erfreute alte Vater, Oberst 
lieutenant a. D., überlebte das Unglück und wurde erst 
im November 1886 abgerufen, 92jührig. 
Die Anstrengungen seines Dienstes hatten bei Stühle 
ein Leiden hervorgerufen, dessen Heilung er im Sommer 
1890 im Bade Wildungen suchte. Als er die Unmöglich 
keit erkennen mußte, das Amt länger zu versehen, 
dessen Pflichten gerade in der schlimmsten kältesten Zeit 
des Jahres am dringendsten waren. suchte er schweren 
Herzens um die Entlassung aus demselben nach und 
empfing sie mit warmer Anerkennung seiner zwölfjährigen 
Leistungen. 
Ueber zwanzig Jahre hatte er in der Stadt gelebt, 
die ihm und den Seinigen zur zweiten Heimath ge- 
Ivorden war — nun mußte cs geschieden sein, um ein 
milderes Klima für den Leidenden aufzusuchen. Das 
freundliche Wildungen, eine Wallfahrtsstätte für zahl 
lose Kranke, zog ihn an, er siedelte mit der Familie 
dahin über, die schwer geschädigte Gesundheit an beit 
Wuüberquellen unter der Hand ausgezeichneter Aerzte 
zu bessern. 
Freundschaft und Liebe folgten von dem Ostseestrande 
den Geschiedenen nach, zahllose Fäden schlangen sich von 
Memel nach Wildungen; auch hier hatten L-tühle und die 
Seinen bald sich eingebürgert, allgemeine Achtung und 
Zuneigung erworben. Nur das höchste Gut zum Leben, 
Gesundheit, wurde ihm nicht wieder ganz zu Theil, nur 
durch Vorsicht und Enthaltung mochte er noch sein Leben 
verlängern. 
Im Sommer 1897 nahmen die Leiden derartig zu, daß 
mau sich mit dem Gedanken an das Schlimmste gefaßt 
machen mußte. Da war es dem Schreiber dieser Zeilen 
fünf Wochen lang vergönnt, in dem gastlichen Hause 
Stähle's dem leidenden Freunde nahe zu sein, ein weh 
müthiger Ausklang einer fünfzigjährigen Freundschaft. 
Noch einmal erlebte er seinen Geburtstag, 20. Juli, mit 
den Seinen, die in tiefster Seelenangst das Befinden des 
Schwererkrankten belauschten — seine Tage waren gezählt, 
alle aufopfernde Liebe der Gattin, der Tochter, des herbei 
geeilten Sohnes, alle Sorgfalt des Arztes vermochten nur 
das Erlöschen des Lebens zu verzögern, am Nachmittage 
des 23. Juli hauchte Stähle deu letzten Athemzug aus. 
Er war bei Besinnung geblieben, bis die Todesschatten 
sich auf ihn herabsenkten. Seine Freundlichkeit und Güte 
verließ ihn nicht in Leiden und Schmerzen, ein rührendes 
Zeichen hierfür war, daß ein zweijähriges Kind, Vera 
von Berger, die mit ihrer Mutter längere Zeit im Hause
	        

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