Full text: Hessenland (11.1897)

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Die Einförmigkeit des Lebens in dem kleinen 
Orte wurde einige Mal durch kleine Aufregungen 
unterbrochen. 
Zunächst verbreitete sich noch am 29. die Nach 
richt vom Siege der Hannoveraner bei Langensalza 
und ihrer darauf folgenden Kapitulation. Ein 
Sieg, dem eine Kapitulation des Siegers folgt! 
Seltsame Zusammenstellung! Und doch war es 
buchstäblich so: ein Bild des Schicksals, das uns 
hätte befallen können, wenn wir auf dem Marsche 
mit den Preußen zusammengestoßen wären. 
Ein weiteres, etwas aufregendes Ereigniß trat 
am 30. ein. 
Lieutenant von Bardeleben vom 1. Husaren 
regiment stieß bei einem Patrouillenritt auf 
einen preußischen Parlamentär, den Major 
Preuß vom 70. Infanterieregiment. Dieser 
war Ueberbringer eines Schreibens, das der 
preußische Gouverneur von Hessen, General von 
Werder, auf Befehl seiner Majestät des Königs 
an den General von Loßberg gerichtet hatte. 
Der unsere Abtheilung kommandirende Oberst 
von Bau m bach ließ den Parlamentär ersuchen, 
sich einstweilen im Quartier des Majors von 
Amelunxen vom 1. Husarenregiment aufzu- 
halten, bis er Anweisung eingeholt habe, was 
mit dem Schreiben geschehen solle. Hierauf schickte 
er seinen Adjutanten, Lieutenant Schnacken- 
ber g, nach Hanau, um die Befehle des Generals 
von Loßberg zu erbitten. Dieser schrieb zurück, 
er sei nicht mehr selbstständiger Kommandirender, 
sondern stehe unter dem Befehle des Prinzen 
Alexander und befinde sich somit nicht in der 
Lage, das Schreiben annehmen zu können. Major 
Preuß, dessen Auftrag nur an den General von 
Loßberg, nicht an den Prinzen Alexander gerichtet 
war, mußte unverrichteter Sache wieder nach 
Kassel zurückkehren. 
Wie man später erzählte, soll das Schreiben 
des Generals von Werder die Aufforderung an 
den General von Loßberg enthalten haben, die 
kurhessischen Truppen für neutral zu erklären, 
sie in ihre Garnisonen zurückzuführen und bis 
auf geringe Stämme zu entlassen. Den Offizieren 
wurde Fortbezug ihrer Gebührnisse zugesichert. 
Das dieses Gerücht der Wahrheit ziemlich nahe 
kam, scheint daraus hervorzugehen, daß kurze 
Zeit danach in den Kasseler Zeitungen ein Auf 
ruf des Generals von Werder an die kurhessischen 
Truppen veröffentlicht wurde, der die gleiche Auf 
forderung und Zusicherung enthielt, Jf- 
Bon Langenselbold aus fuhr ich auch noch 
einmal nach Frankfurt, theils um meine Ver 
wandten zu besuchen, theils um einige Besorgungen 
zu machen. Während bei meiner ersten Anwesen 
heit noch keine süddeutschen Truppen dort gewesen 
waren, fand ich jetzt die Stadt von Hessen-Darm- 
städtern besetzt. Als mich Nachmittags mein Weg 
über den Goetheplatz führte, hielten dort mehrere 
Kompagnien Appell ab, und ich entsinne mich 
namentlich, daß mir eine Kompagnie hessen- 
homburgischer Jäger durch ihre schäbigen, abge 
tragenen Waffenröcke auffiel, während die Darm 
städter alle neue Anzüge trugen. 
llebrigens fand ich Frankfurt in großer, 
freudiger Aufregung, und viele Häuser waren 
mit schwarz-roth-gelben Fahnen geschmückt. Die 
ersten Kämpfe in Böhmen, die Schlachten und 
Gefechte bei Nachod, Gitschin, Skalitz u. s. w. 
waren bekannt geworden und wurden für öster 
reichische Siege gehalten! Daher der Jubel! 
Etwas Abwechselung brachte uns auch ein Be 
such eines Bruders unseres „jüngsten Lieutenants", 
der zur Zeit als Arzt in Würzburg lebte. Be 
sonderes interessirte uns, was er von den nicht 
gerade erfreulichen Zuständen in der baierischen 
Armee zu erzählen wußte. 
Unter Anderem berichtete er Folgendes: 
Eine baierische Kavalleriebrigade war von 
Schweinfurt aus gegen Hünfeld vorgegangen. 
Als die Spitze in der Nähe dieses Ortes aus 
dem Walde trat, wurde sie von einigen aus einer 
Anhöhe — wahrscheinlich dem Plateau zwischen 
Hünfeld und Rückers, wo am 18. Juni das Gros 
unserer Truppen aufmarschirt war, um den An 
griff der Preußen zu erwarten — aufgefahrenen 
Geschützen mit einigen Granaten begrüßt. So 
fort machte die ganze Brigade Kehrt und jagte 
in toller Panik zurück. Man hatte Theile davon 
in voller Auflösung durch Würzburg sprengen 
sehen. 
Beiläufig will ich noch erwähnen, daß in 
Langenselbold auch endlich das Schicksal meines 
kranken Pferdes entschieden wurde. Seine Tödtung 
war höheren Ortes genehmigt worden, und ein 
Pistolenschuß befreite es demnach von seinen 
Leiden, mich und die Batterie aber von einer 
großen Last. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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