Full text: Hessenland (11.1897)

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wurde ziemlich feierlich bewirthet. Die Natur, 
die eiueu hier umgiebt, ist groß uud reizeud. 
Auch die Kunst macht einem Freude; der hiesige 
Augarten und der weiße Stein haben Anlagen, 
die unter die ersten in Deutschland gehören. 
Auch haben wir Bekanntschaft mit braven Künstlern 
gemacht. Die Gemäldegallerie und einige Statuen 
im Museum machten wir wahrhaft glückliche 
Tage". (Karl Litzmann, Friedrich Hölderlin's 
Leben, Berlin 1890, S. 385 - 386.) Auch an 
Schiller hat Hölderlin von Kassel aus geschrieben. 
Heinse dagegen, der damals seinen musikalisch 
hochinteressanten Roman „Hildegard von Hohen- 
thal" veröffentlichte, läßt weiter über seinen 
,Kasseler Aufenthalt nichts verlauten, als daß er 
im März 1797 an Gleim schreibt: „Vorigen 
Sommer bin ich in Hessen und Westphalen 
herumgezogen". 
Eines Dichters mag an dieser Stelle Erwähnung 
geschehen, der um jene Zeit zweimal, 1785 und 
1790, sein Glück als Theaterdirektor in Kassel 
versucht hat, des Schauspieldichters Großmann, 
eines strebsamen und verdienstvollen Künstlers. 
Doch konnte er sich hier ans die Dauer nicht 
halten. Als Dichter rangirt er unter den Ver 
fassern der Familienstücke, einem Jfsland, Kotze- 
bue und Schröder. Sein berühmtestes Werk 
ist das Familiengemälde „Nicht mehr als sechs 
Schüsseln", ein Schauspiel voll trefflicher Einzel 
heiten und als Sittenstück dein Kultnrhistoriker 
sehr merkwürdig. 
Seltsam rnag es erscheinen wenn hier als letzter 
Dichter aus der Zeit unserer Klassiker der bekannte 
Magier und Abenteurer Gras S a i n t G e r m a i n ge 
nannt wird, der bei dein Landgrafen K a r l, dem 
Bruder des regierenden Landgrafen Wilhelm IX., 
lebte und auch in Kassel (nach anderen Nach 
richten in Schleswig bei eben jenem Landgrafen) 
gestorben sein soll. Es geschieht auch mehr der 
Kuriosität halber, hat aber insofern seine Be 
rechtigung, als wir in der That eine von Saint 
Germain verfaßte interessante Novelle besitzen. 
Halb der klassischen uiid halb schon der roman 
tischen Periode gehört diejenige Jean Paul's an. 
Auch sie ist, und zwar durch ihren Haupt- 
repräsentanten, durch Jean Paul selber, in 
Kassel vertreten. Einige Monate nach seiner 
Verheirathung, 1801, war er da, wobei er seine 
Neigung, in Pointen zu reden, nicht verleugnete. 
„Ich war", schreibt er an Christian Otto, 
„in Kassel meiner Frau wegen. — In der Stadt 
giebt's wenig Ellbogen, die nicht eine bettelnde 
Hand aufmachen, die zwei langen ausgenommen, 
die mit dem Scepter, die betteln freilich nicht. 
Ueber den durchaus reinen und großen Sonnen 
glanz der Wilhelmshöhe spreche der Teufel, der 
mehr Zeit hat zu malen, als Leute die er holt." 
lFean Paul's Briefwechsel mit seinem Freunde 
Christian Otto. Bd. IV, S. 50.) Non Rechts 
wegen hätte Jean Paul in Wilhelmshöhe eine 
seiner phantastischen Parkanlagen ans der „Unsicht 
baren Loge" oder dem „Titan", eine Spezialität, 
die übrigens in allen seinen Romanen vorkommt, 
wiederfinden müssen. Dagegen fand er in Kassel 
eine ideale Bernfsschwester in der merkwürdigen 
Dichterin Arnoldine Wolf, geb. Weissel, 
deren poetisches Talent in einer schweren Krank 
heit plötzlich geweckt worden war. Sie bildete 
mit P h i l i p p i n e E n g e l h a r d nnb deren Tochter 
K a roline den damaligen Mnsenkranz Kassels. 
Es uiögen hier einige Verse von ihr mitgetheilt 
werden, die, abgesehn davon, daß sie an sich ver 
dienen, wenigstens in Kassel bekannter zu sein, 
jedenfalls schon durch die eigenthümliche Erfahrung 
ihrer Verfasserin bemerkenswert!) sind. Sie lauten: 
„Wie wohl ist mir, wenn in des Schlummers Wiege 
Mein zagend Herz ersehnte Nnhe fühlt, _ 
Wenn, matt von manchem Nampf, von manchem wiege, 
Ein linder Traum die heißen Schläfe kühlt! 
Tann schimmert mir, wo Himmelstropfen thauen, 
Ein zartes 9ieht ans Edens Blumenauen. 
Dann fühl' ich, wie von Genien getragen. 
Mich sanft entfesselt von des Gebens Druck; 
Ein Purpnrfchcin läßt ureine Nächte tagen, 
Zeigt mir von fern des Himmels Siegerschmuck; 
Und ob ich auch nur Schattenbilder sehe, 
Sie mildern doch der Seele tiefes Wehe." 
In demselben Jahr wie Jeall Paul (1801) 
war auch Heinrich von Kleist in Kassel (auf 
seiner Reise nach Paris, von Göttingen ans). 
In einem Brief erwähnt er die Löwenburg. 
Bisher haben wir ietnen der vielen Dichter, 
Klopstvck ansgenonlinen, mit eigentlicher poetischer 
Begeisterung von Kassel reden hören. Dafür 
entschädigt uns nun ein freilich heute nicht niehr 
geknüllter, Namens Gottlob Wetzel (nicht zu 
verwechseln mit dem geistreichen Romandichter 
aus dem vorigen Jahrhundert Karl Wezcl, 
dem Verfasser des „Tobias Knaut"). In seinenr 
1808 erschienenen Büchlein „Fischers Reise 
von Leipzig nach Heidelberg" schildert 
Wetzel unsere Resideilzstadt und namentlich die 
Wilhelmshöher Schönheiteil mit einem Schwung 
und einem dithyrambischen Feuer, daß selbst der 
stolzeste Lvkalpatriot unmöglich mehr verlangen 
kann. „Cassel lag vor unseren Augen", heißt 
es da, „iil seiner Herrlichkeit, plötzlich, wie eine 
Fcenstadt aus der Erde gesprungen". Und voll 
bett Wasserwerken in Wilhelmshöhe: „Keilte 
Worte sprechen das herrliche Ztlsamtnenklingen, 
die überschwäilgliche Harmonie ans, die aus dem 
Ganzen das Gemüth anspricht: keine Worte die
	        

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