Full text: Hessenland (11.1897)

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mahlin des ersten Kronprinzen von Sardinien 
(wenn auch dieser Titel damals für den Thron 
folger wohl nicht üblich war), Karl Emanuel'sdll.), 
Polyrena. geborene Prinzessin von Hessen-Rvten- 
b n r g. 
Polyrena wurde am 21. September 1706 zu 
zn Rotenburg als älteste Tochter des Landgrafen 
Ernst Leopold und der Gräfin Eleonore' 
von Löwenstein-Wertheim geboren. Ihr Nater ge 
hörte zn jener Nebenlinie des landgräflich Hessen- 
Kasfel'scheu Fürstenhauses, deren Begründer Land 
graf Ernst, ein jüngerer Sohn Moritz' des Ge 
lehrten, mit dem vierten Theile des Landes, der so 
genannten Rotenbnrger Onart. abgefunden und zur 
katholischen Kirche übergetreten war. 
Tie Trauung der bildschönen, blondgelockten' 
Prinzessin geschah am 23. Juli 1724 zu Roten 
burg durch Prvkurativn; d. h. der abwesende 
Bräutigam wurde bei der Ceremonie durch einen 
außerordentlichen fardinischen Gesandten vertreten. 
Ter Rittersaal des dortigen Schlosses war zn 
diesem Zweck durch die Fürsorge des in Kassel 
rcsidirenden Landgrafen Karl mit Tapeten und 
Mobilien auf's reichste ausgestattet worden. Zu 
gleich bewies der Chef der Hauptlinie feine Freude 
über diese glänzende Verbindung dadurch, daß er 
gleich nach dem herkömmlichen Verzicht der Prinzessin 
die Ehesteuer vorschußweise zahlte. 
Pvlyxena reiste nach der Hochzeit in Begleitung 
fardinischer Kammerherren und eines mit Glück 
wünschen und Geschenken beauftragten Gesandten 
des Landgrafen Karl, Generals von Leutrum, 
nach Turin. In der Hauptstadt des jungen 
Königreiches von dem über ihre Anmuth entzückien 
alten Könige Viktor Amadeus huldvoll em 
pfangen, erwarb sie sich während ihres elfjährigen 
Ehestandes durch ihre weiblichen Tugenden und 
ihre Bescheidenheit die Liebe ihres Gemahls lind 
des ganzen Tnriner Hofes. Sie starb am 13. Januar 
1735. (Rommel, Geschichte von Hessen, X, 107.) 
Wie die junge, liebreizende Prinzessin auf ihrem 
Zuge durch Hessen überall geehrt wurde, ist uns 
in der Selbstbiographie eines Mar bürger Stu 
denten der damaligen Zeit ausgezeichnet. Lassen 
wir ihn selbst erzählen. 
„Alß ich auch noch der Zeit zu Marburg stndirte, 
so wurde die Prinzessin von Hessen-Rothenburg 
an den König (richtiger Kronprinzen) von Sar 
dinien versprochen und nahm ihren Weg über 
Marburg. Es ließen also des Landgraffen Carls 
von Hessen-Cassel Hochsürstl. Durchlaucht ein 
gnädiges Schreiben an die Universität abgehen, 
wie Höchstdieselben gerne sähen, lvenn diese Printzes 
von denen Studenten eingeholet und wieder bis 
ans die Gr'äntze gebracht würde. Ich wurde dem 
nach als ohnwürdiger Obrister zu dieser Studenten- 
Cavalcade ernennet und sührete den gantzen Troup, 
2 biß 300 Studenten an. Man machte auch hier 
zu alle möglichen Anstalten. Sämmtliche Studenten 
welche zn Osficiers ernennet waren, ließen sich neue 
rothe Röcke mit Balgesarbenen (pUtta — Stroh) 
Westen mit Silber bordirt machen und trugen 
weiße Federn auf dem Huthe. 3 Trompeter und 
einen Paucker ließen wir von Fulda holen, und 
zogen also der Königlichen Braut etliche Stunden 
lang entgegen. Da wir nun an die Chaise langten, 
so stiegen Herr Eberhard-Gustav von Wuelkenitz 
und ich von denen Pferden, und ersterer compli- 
mentirte die Königin in einer wohlgesetzten Rede, 
worauf der Sardinische Gesandte in srantzösischer 
Sprache kurtz antwortete. Nun wurde der König 
liche Leibwagen voll der Hessischen Garde du Corps 
begleitet, es verlangte aber der meiste Troup von 
denen Studenten, diesen Loste d’honneur zu haben, 
weswegen es auch wirklich einen Halt gab, und 
solches, wo mir recht, dem in der Suite haltenden 
Marschnll von Linden vorgetragen und der 
Königin weiter reserirt wurde, von welcher man 
dann in Antwort wieder zurückbekam, daß den 
jenigen, welche von Adell, erlaubt seyn sollte, neben 
der Chaise her zu reiten, die Andern aber sollten 
voraus; hierdurch aber gab es bey diesem freyen 
Commändo noch ein ärger Gemurmele, und ich war 
froh, daß wir in ziemlicher Ordnung noch in 
Marburg kamen. Des Abens wurde die Zugbrücke 
vorm Schloß aufgezogen und es kam auch meines 
Wissens Niemand von Studenten, als der von 
Adell war, hinein. Dieses verdroß die andern 
Studenten solchergestalt, daß sie des andern Tages 
nicht wieder aufsitzen wollten. Doch da uns der 
Vorzug nächst an der Chaise verstattet wurde, so 
bequemten sich die Meisten wieder und wir brachten 
Hochstdieselbe bis auf die Darmstaedtifche Grüntze, 
wofelbsten sich ein Corps Giesser Studenten einge 
funden, und diesen übergaben wir solche in einem 
Walde. Der Sardinische Gesandte bedankte sich 
uochmahlen vor gehabte Bemühung, weiter paßirte 
aber nichts." 
v. D.
	        

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