Full text: Hessenland (11.1897)

204 
(Ernst Rommel. 
sö sich am 26. Mai d. I. die Nachricht von dem 
schnellen und unerwarteten Tode des Bczirksamtmannes 
Ernst Rommel mit Blitzesschnelle in Kassel und dessen 
weiterer Umgebung verbreitete, rief diese schmerzliche 
Trauerkundc in zahlreichen Kreisen der Bevölkerung eine 
außergewöhnliche Theilnahme hervor, die ein ergreifendes 
Zeugniß dafür ablegte, wie innig vertraut der Verstorbene 
seiner Umgebung geworden war und welch' einer ungemeinen 
Achtung sich derselbe bei Hoch wie bei Niedrig erfreute. 
Gegenüber dein vor lveuigen Wochen geschlossenen 
Grabe, das mit zahlreichen Kränzen der Pietät und Freund 
schaft geschmückt war und nun die Hülle eines so hoch 
verehrten Mannes und Freundes birgt, geziemt es sich 
wohl, eine Betrachtung anzustellen, worin eigentlich die 
hohe Bedeutung Ernst Rommel's für seinen großen 
Freundeskreis wie für die mit ihm verkehrenden Menschen 
lag und weshalb derselbe, bei aller Schlichtheit und Ein 
fachheit seines Wesens, einer so allgemeinen Beliebtheit, 
und man kann wohl sagen, einer so seltenen Popularität 
sich erfreute. 
Mit Recht Lind ohne Uebertreibung kann Ernst Rommel 
als eine volksthümliche Persönlichkeit bezeichnet werden. 
In allen Kreisen der Bevölkerung, fast im ganzen Hessen 
lande war derselbe ei» gern gesehener Alaun. Der schlichte 
Bewohner des Landkreises Kassel, der s. Z. auf dem 
Landrathsamte sein Anliegen vorzubringen pflegte, der 
Kasseler Bürger und Handwerker, der mit ihm hier und 
da bei einem Glase Bier oder auf der alten Kasseler 
Wachtparade einige Worte gewechselt hatte, der Universitäts 
freund, der auf der Hochschule so manche frohe Stunde 
mit ihm verlebt hatte, der Beanite und Kollege, per mit 
ihm vielfach in Berührung gekommen war, sie alle, welche 
die weitgehenden Wogen des dienstlichen oder außer 
dienstlichen Verkehrs ihm nahe gebracht hatten, liebten und 
schätzten ihn im gleichen Grade, fühlten sich gleichmäßig 
von ihm angezogen und standen unter einem gewissen 
Banne seiner eigenartigen Persönlichkeit. 
Woher aber kommt es, daß Ernst Rommel, trotzdenr er 
gerade keine sehr hervorragende Stellung im Staatsleben 
erreicht hatte und zeitig schon in den ruhigen Hafen der 
Zur-Dispvsitivn-Stellung eingelaufen war, sich dennoch 
solch' einer allgemeinen . Hochschätzung und Anerkennung 
erfreute? Wie kam es, daß gerade ihm ein solches Ver 
trauen von allen Seiten entgegengetragen wurde, daß 
mit ihm ane liebsten alle kritischen Fragen besprochen 
wurden, und er als allgemeiner Berather in den ver 
schiedensten Lagen des Lebens galt ? Gerade, offen und 
ehrlich war sein Charakter, und dieser durchweg kreuz 
braven Gesinnung, dieser Lauterkeit und Biederkeit seines 
innern Wesens, dieser Einfachheit seines Lebens und seiner 
Anschauungen verdankte er seinen ganz außergewöhnlichen 
Erfolg auf dem Gebiete des Verkehrs und des Umganges. 
Die spezifisch guten Eigenschaften unseres hessischen 
Volkscharakters, die durch den Wechsel der Verhältnisse 
sich mehr und mehr verwischen und an Schärfe und 
Deutlichkeit sichtlich eine starke Einbuße erlitten haben, 
waren gerade in ihin auf das höchste verkörpert, und 
hierin liegt eigentlich die Bedeutung Ernst Rvmmel's für 
unsere hessische Heimath und die Leser des „Hessenlandes". 
So mancher Sitte und Gewohnheit, die von auswärts 
sich in unserem Hessenlande einbürgerte, stand er schroff 
und abwehrend gegenüber, und zu dem sog. „patenten 
und schneidigen" Wesen hat er sich bei der Einfachheit 
seines Charakters nie emporschwingen können. An der 
jetzt so zeitgemäßen Jagd nach dem Mammon und dem 
jetzt so blühenden Streberthume hatte er ebenfalls keine 
Freude, und alle derartigen Neigungen lagen ihm gänzlich 
fern. 
An dem Heimgegangenen Bezirksamtmann Rommel war 
jeder Zoll ein Hesse. Und wenn er auch aus nahe 
liegenden Gründen sich von aller und jeder parti- 
kularistischen Thätigkeit und Neigung fernhielt, so reichten 
'doch die Wurzeln seines Fühlens und seines Empfindens 
weit, weit in die hessische Vergangenheit zurück. Wohl 
niemals fühlte sich Ernst Rommel behaglicher, als wenn 
im engen Freundeskreise althcssische Zeiten und Persön 
lichkeiten besprochen wurden und alle möglichen Geschichten 
und Geschichterchen aus unserer hessischen Vergangenheit 
aufgetischt wurden. 
Ein ungemein dankbares Gedächtniß hatte er weiter 
seiner Ghmnasiallaufbahn und seinen zum Theil hoch 
verdienten Lehrern, besonders Flügel und Ring, 
bewahrt, von welchen er stets mit großer Anhänglichkeit 
sprach. Die so vielfach nicht beliebte, auf den Ghmnasial- 
bänken verlebte Zeit bildete gerade in Rommel's Erinnerung 
einen gewissen Lichtpunkt und übertraf in seinen Augen 
noch in mancher Beziehung die spätere freiere, aber auch 
schau von gewissen Sorgen durchwebte akademische Lauf 
bahn. So sehr Rommel auch an dem Corps Teutonia 
hing, dein er angehörte, so war es doch seiner eigenartigen 
Persönlichkeit gegeben, gewisse akademische Gegensätze aus 
zugleichen, den alten Groll und die alte Feindschaft in 
Freundschaft und Liebe ausklingen zu lassen und allen 
Hader und alle Streitigkeiten in gemüthlichster Weise zu 
bannen. So hatte denn Romntel auch unter den, der 
Teutonia ferner stehenden Corps manchen bewährten und 
treuen Freund gesunden und damit gleichzeitig den Beweis 
gegeben, wie er den Menschen und Freund nicht nach der 
jeweiligen bunten Mütze, sondern nur nach seinem inneren 
Werthe zu schätzen und zu beurtheilen wußte. 
Gerade diese eigene Art, Gegensätze auszugleichen und 
mit Milde und Schonung zu verfahren, bewährte sich bei 
Rommel am glänzendsten auch in seiner dienstlichere 
Stellrrng als Bezirksamtmann zu Orb. Denn, als die 
Wogen des Kulturkampfes auf das höchste gingen, ein 
Verbot dem andern folgte und an die Gefühle unserer 
katholischen Mitbürger herbe und bittere Anforderungen 
gestellt wurden, da war es gerade Rommel, der, wiewohl 
selbst einer protestantischen Pfarrersfamilie entstammend, 
doch in äußerst geschickter Weise auftrat und, ohne seine 
staatlichen Pflichten irgendwie zu verletzen, milde, schonend 
und versöhnend verfuhr, sodaß gerade in Orb die später 
doch bald wieder zurückgeschraubte Bewegung an Schärfe 
verlor und hier alle Gehässigkeiten und Kränkungen ver 
mieden wurden. In Orb hatte Rommel überhaupt eine 
äußerst glückliche Zeit verlebt und, getragen von der Liebe 
und Anhänglichkeit der Bewohner seines kleinen Kreises, 
sich eine äußerst angenehme Stellung verschafft. Mit 
schwerem Herzen schied Rommel von dem ihm lieb ge 
wordenen Orb, und mit aufrichtiger Trauer sahen ihn 
die Bewohner scheiden, denen er Jahre lang ein wohl 
meinender Freund und Berather gewesen war und deren 
Interessen er stets warm und aufrichtig vertreten hatte. 
Der Lebenslauf von Ernst Rommel sei hier nur kurz 
erzählt. Geboren war er zu Kassel am 19. Juli 1841 
und zwar als echtes Kind der Unterneustadt. Der 
Vater Johann G e o r g e R o m m e l wohnte als Prediger 
in dem Unterneustädtcr Pfarrhause, von wo er später als 
Metropolitan nach Oberkausungen übersiedelte. Die 
Mutter Rommels war eine Schwester des bekannten Hos-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.