Full text: Hessenland (11.1897)

Truppenbewegungen auf der Leipziger Heerstraße im Amt 
Fichtenau 1811—1813. 
Bon Gustav Siegel in Hess.-Lichtennu. 
(Schlus;. 
('Jiaiijbnu'f tierfuücu.) 
^Uu den letzten Angusttagen und in der ersten 
Hälfte des Septembers nahm dann noch 
^ einmal eine ansehnliche westfälische Streit 
macht (1. u. 2. Wests. Kürassierregiment 3 Ba 
taillone leichter Wests. Infanterie) unter General 
Bastineller eine Beobachtungsstellnng hier 
oben ein. Am 15. rückte sie über Hedemünden 
nach dem Eichsfelde ab. Um so erstaunter 
waren die Bürger, in der Nacht vom 27 zum 
28. September kleine, fremdartige Lanzenreiter 
vor den Thoren erscheinen zu sehen, Kosacken vom 
Czernitschesf'schen Corps. Die freudigst be 
grüßten Gäste rasteten bis zum nächsten Mittag, 
dann ritten sie weiter nach Kässel. Wenige 
Stunden später erschien auch General Bastineller 
mit 2000 Mann vor der Stadt. Anstatt aber 
die Kosacken zu verfolgen und ihnen bei Kassel 
in den Rücken zu fallen, schlug er oberhalb 
Lichtenau ein Lager auf. Noch an demselben 
Abend zog er nach Altmorschen weiter. Mit 
seinem Abmarsche entschwand die letzte geschlossene 
Truppenabtheilung Järome's aus dem Amte. 
Die Russen hatten nun freie Bahn. Am 
nächsten Tage (29.) kam ein neuer Hause von 
100 Kosacken an Lichtenau vorüber, am 30. ein 
kleinerer Trupp. Beide Abtheilungen zeigten sich 
indessen in wenig erfreulichem Lichte. Sie miß 
handelten den Bürgermeister und den Stadt 
schreiber, sowie die Gendarmen, erpreßten Liefe 
rungen von der Stadt und hoben die herrschaft 
lichen Kassen auf. 
Czernitscheff's kühne Streifschaar war jedoch 
zu schwach, um sich schon im Lande behaupten 
zu können. Noch einmal bevölkerten daher Franzosen 
und Westfalen, wenn auch nur in Gestalt von 
Flüchtlingen und Verwundeter die Straße, bis 
dann vom 29. Oktober die Masse der verbündeten 
Heere heranwogte. Russen von W in tz i g er o d e 'scheu 
Korps - Kosacken, Ulanen, reitende Artillerie - 
eröffneten den Reigen. Die ersten Preußen - 
1 Offizier und 60 Mann vom 6. schlesischen 
Landwehr-Regiment nebst einer Munitionskolonne 
— kamen am 11 November hier an. 
Am 21. berührte der aus siebenjähriger Ver 
bannung heimkehrende Landesherr das städtische 
Weichbild. Da die Heerstraße nur die Gemarkungs 
grenze berührte, zog ihm die ganze Einwohner 
schaft bis dahin entgegen, die Schuljugend vorauf. 
Rasch wurde ein grüner Triumphbogen errichtet, 
zu dessen Seite sieh dann die Menge vertheilte. 
Sobald der Kurfürst in Sicht kam, begannen 
in der Stadt alle Glocken zu läuten. Kinder 
und Erwachsene sangen „Nun danket alle Gott" 
Hochrufe erschallten und der Pfarrer hielt eine be 
geisterte Ansprache. Jubelnd umringte man den 
Wagen des hohen Herrn, der sich bei diesen Be 
weisen der Liebe und Treue kaum der Thränen 
zu erwehren vermochte. Unter stattlichem Ehren 
geleite setzte er danach seinen Weg zur Residenz 
stadt Kassel fort. Auch die am 5. Dezember 
stattfindende allgemeine Landesseier der Wieder 
kunft des angestammten Herrscherhauses nahm 
einen erhebenden Verlauf. Es bedurfte keines 
Zwanges dazu. 
Die hessischen Behörden nahmen nun ihre Wirk 
samkeit wieder aus. Bald mischten sich auch in 
die russischen und preußischen Marschkolonnen kur 
hessische Truppentheile, die ebenfalls gegen den 
Erbfeind zogen, um ihm unter dem alten Löwen 
banner die jahrelange Unterdrückung heimzuzahlen. 
Bis zum Mai dauerten die Nachschübe, dann 
wechselte die Marschrichtung der Truppen. Es 
ging heimwüts. Siegeslieder erschallten. Deutsch 
land war frei von der Knechtschaft des Korsen. 
Da athmeten auch die Bewohner des Amtes so 
recht von Herzen auf. Vergessen waren die Lasten 
und Beschwerden der letzten Jahre, verschmerzt 
alle noch so schweren Opfer. Sie waren nicht 
gering gewesen. Allein die Lichtenauer Bürger 
schaft hatte während dieser Zeit mehr denn 
17 000 Mann und (>000 Pferden Unterkunft und 
Verpstegung gewähren müssen, davon allein in 
1813 8000 Mann und 4000 Pferden, die übrigen 
Ortschaften des Amts bis Ende September 1813 
3000 Mann und 1100 Pferden. Dazu mußten 
von den Dörfern vom Herbst 1811 bis Ende 
1813 490 zwei- bis vierspännige Wagen zn 
Kriegssuhren und 389 Vorspannpferde hergegeben 
werden, von der Stadt 61 Wagen und 56 Pferde. 
Ueber die Stärke der einzelnen Truppentheile, 
ihre Zugehörigkeit und Marschrichtung die Zeit 
ihrer Einlagerung n. dergl. giebt der nachstehende 
„Auszug aus dem Hand buche der Etappen 
station Lichtenau" nähere Auskunft. Er ent 
hält sämmtliche Abtheilungen von einer Stärke 
von 20 Mann ab.
	        

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