Full text: Hessenland (11.1897)

198 
T 
Zugleich richte ich iudei» ich das Land 
uleiuer Vater zu verlassen genöthigt werde, 
an alle tu den dermalen okknpirten Landes- 
theilen bestellten Beamten und Diener die 
Aufforderung, die ihren bisherigen Amtsver 
hältnissen entsprechenden Funktionen aus Grund 
ihres bestehendeti Diensteides und vorbe 
haltlich der mir zu bewahrenden Unterthanen 
treue sortzusühreu als wodurch unter allen 
Umständen dem wahren Landeswohle am 
besten entsprochen und gleichzeitig allen etwaigen 
Gewissensbedrüngnissen vorgebeugt wird. 
Gott schenke uns bald wieder bessere Tage ' 
Gegeben, Wilhelmshöhe, den 23. Juni 1866. 
kgez.) Friedrich Wilhelm." 
Die schlichte Einfachheit dieser Sprache verfehlte 
nicht, einen tiefen Eiitdrttck zu machen, und da 
sich gleichzeitig einige wahnsinnige Gerüchte ver 
breiteten, die von der nrtheilslosen Menge ge 
glaubt wurden, so sehr sie auch den Stempel der 
Unmöglichkeit an der Stirne trugen, steigerte 
sich diese Wirkung bis zur Erbitterung. 
Rach diesen Gerüchten sollten die Preußen in 
Kassel und namentlich ans Wilhelms höhe 
wie Barbaren gehaust haben. Die Töchter des 
preußischen Gesandten, Generals von Boeder, hätten 
in Begleitung vvit Offizieren auf dem prächtigen 
und sorgfältig gepflegten Bvwlinggreen hinter 
dem Wilhelmshöher Schlosse, dessen Betreten natür 
lich streng untersagt war, unter den Fcustertc des 
Knrfürsteit ihre Pferde getummelt der mit der 
Gefangennahme des Kltrfürstcn beauftragte Haupt 
mann von Lettow-Bvrbeck sec cnit der äußersten 
Rücksichtslosigkeit um nicht zu sagen Rohheit 
aufgetreten, mit seinen Soldaten bis in's Schlaf 
gemach des Kurfürsten gedrungen und habe sogar 
Hand an ihn gelegt. Last, but not least, wurde 
erzählt der Kurfürst fei gezwctngen worden beit 
Weg von Schloß Wilhelmshöhe nach dem eine 
halbe Stunde entfernten Bahnhöfe vor Wahlers 
hausen zu Fuße zurückzulegen umgeben von 
Musketieren dte es sogar an Kolbenstößen nicht 
Hütten fehlen lassen. 
Erregte Gruppen von Bürgern und Soldaten, 
in deren Zügen Grimm und Wuth zu lesen war, 
bildeten sich ans den Straßen und laute Ver 
wünschungen gegen die Preußen wurden gehört. 
Noch eine zweite, sehr bedeutungsvolle Rachricht 
sollte uns dieser Tag bringen. 
Gegen Abend ging ein Tagesbefehl des P r c n z e n 
Alexander von Hessen Darmstadt, des 
komncandirenden Generals des VIII. Bundes- 
armeeeorps ein 
„An dce kurhesscschen Truppen. 
H e s sen ' 
Die hohe Deutsche Bundesversammlung hat 
mit Beschluß vom gestrigen Tage Euch meinen 
Befehlen unterstellt. 
Ich begrüße Euch cm Ramm des VIII. Deut 
schen ArmeeevrpS, das schon jetzt Eure Treue 
zu Fürst und Fahneneid bewundert wie es 
Eure Tapferkeit bewundern soll, wenn wir 
vereitct für Deutschlands Ehre für Eures 
Landesfürsten mit Füßen getretenes Recht zu 
deic Waffen greifen. 
Hessen' Euch brauche ich nicht zusagen, wie 
cnan mitten im Frieden und allen Gesetzen 
zum Hohne nur weil Ihr treu znm Bunde 
hieltet Euer Vaterland überfiel und Euren 
Kriegsherrn zum Gefangenen machte' Die 
Stunde der Vergeltung ist nahe Euch stelle 
cch au die Spitze der Truppen, welche Euer 
Vaterland befreien werden. Unser Schlachtruf 
aber sei 
Gott und unser gutes Recht' 
Hauptquartier T n r m st a d t 
den 23. Innc 1866. 
kgez.) Prinz Alexander von Hessen, 
General der Infanterie." 
Der Befehl machte aus unsere Leute einen ge 
waltigen Eindruck, als er ihnen beim Abmdappell 
vorgelesen Ivurde denn er fiel auf einen durch 
dce Abschiedsworte des Kurfürsten und die er 
wähnten Gerüchte wohl vorbereiteten Boden. Be 
sonders war es der Schlußsatz, der eine ungeheure 
Aufregung hervorrief die sich in nccht enden- 
wollendem Hurrah Luft machte. 
Ganz atcders aber waren die Empffudungen 
bei uns Offizieren. Wir empfanden die Zutheilung 
zum VIII. Armeecorps als eine drückende und 
gefährliche Fessel denn es konnten Verhältnisse 
eintreten wo das Interesse Kurhessens mit dem 
seiner süddeutschen Bundesgenossen nicht mehr 
zusammenfiel, wie denn solche Verhältnisse später 
thatsächlich eingetreten sind. denen wir mit ge 
bundenen Hündecc gegenüberstanden. 
ig folgt.)
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.