Full text: Hessenland (11.1897)

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Ein tu Kassel geborener Dichter lebte zu da 
maliger Zeit, der bis vor Kurzem mit einem 
bekannteren gleichen Namens verwechselt worden 
ist, Heinrich Wagner (1747 — 1814), dessen 
„Frankfurter Musenalmanach" (mit nicht 
nbel gerathenen Epigrammett) sogar Goedeke 
unter den Werken seines Nantensvetters Heinrich 
Leopold Wagner ausführt, des Verfassers der 
„Kindermvrderin", eitles Dramas, das, wenn 
man von Goethe's und Schiller's Jngcnd- 
prvdnkteit absieht, wohl als die bedeutendste 
dramatische Leistung der Stnrm- und Drang 
periode angesehen werden darf. Diesen beiden 
ist hier gleich noch ein dritter Dichter desselben 
Namens beizuzählen, Ernst Wagner (1765 bis 
1814), der. ungerechterweise seht völlig vergessen, 
früher meist ebenso nttgerechterweise nur als 
Epigone Jean Paul's nebenbei in den Literatur 
geschichten erwähnt wurde. Er gehört unstreitig 
zu unseren besten Prvsadichtern. Seine Haupt 
werke sind die Romane „Wilibald's Ansichten 
des Lebetts", „Die reisenden Maler" und 
„Isidora", worin er eine durchaus selbständige, 
echt poetische und hinsichtlich der Darstellung und 
des Stils außerordentlich plastische Kraft ent 
faltet, hauptsächlich aber sich in der Natnr- 
schildernng hervorthut. Daß auch er, freilich als 
Kind, in Kassel gewesett sei, erzählt er uns selber 
in seinem „Historischen A B C". 
Wenn wir unter den heimischen Dichtern des 
Kasseler Hofs unter Friedrich II. noch den 
toboldartigen Knigge besonders erwähnen, so 
kann er das höchstens seinem derbkomischen Roman 
„Die Reise nach Braunschweig" verdanken, 
denn daß sein „Umgang mit Menschen" 
den Werth dieses Buches, sondern nur die un 
glaubliche Unselbständigkeit der Menschen. 
Einen ebenso unfreiwilligen als unerfreulichen 
Aufenthalt hatte um jene Zeit in Kassel (wie 
durch seine Selbstbiographie bekannt ist) der als 
Mensch vortrefstiche, als Dichter aber geschmacklose 
Gottfried Seume, den ans seiner Flucht ans 
Leipzig hessische Werber aufgegriffen hatten, um 
ihn den Snbsidientrnppen für Amerika, einzureihen. 
Daher klingt denn auch sein Epitheton für 
Friedrich II., den „großen Menschenmäkler", nicht 
schmeichelhaft, hat aber gerade durch ihn leider 
allgemeine Geltung gewonnen und lange Zeit 
auch behalten. Schlimmer noch läßt sich in 
diesem Sinn die schneidend scharfe Karoline 
Al i ch a e l i s - B ö h nt e r - S ch l e g e l - S ch e l l i n g (u tn 
sie bei allen ihren Namen zu nennen) vernehmen, 
die, wie man sieht, schon als neunzehnjähriges 
Mädchen mit ihrer Meinung nicht zurückhielt. 
Sie' schreibt 1782 an ihre Freundin Luise 
Götter: 
„Dir brauch' ich nicht zu sagen, wie mir 
Caßel gefallen hat, nur machte mich der Ge 
danke unwillig, daß der Landgraf in Münden 
Menschen verkaufte, um in Caßel Palläste zu 
bauen. Wir logierten auf dem Königs- 
plaz. Die Collonade, wo ich die Wach 
parade aufziehen, und auch, mit Respect ge 
sprochen, das Bieh des Landgrafen sah, hat 
mir vorzüglich gefallen." *) (Carolina, Bd. I, 
S. 311.) ' 
*) Das von Kenntniß der Thatsachen nicht beeinflußte 
Urtheil der Dame mit den vielen Namen kann selbst 
verständlich dnrchans nicht beanspruchen, irgendwie für 
maßgebend genommen zu werden. D. Red. 
heute noch hier und da gelesen wird, beweist nicht 
(Fortsetzung folgt.) 
Erinnerungen aus den letzten Tagen eines deutschen 
Fürstenthums. 
Bon einem ehemaligen kurhessischen Offizier. 
(Fortsetzung.) 
\ ' ! (Nachdruck verboten.) 
3. Mei Karmu. 
Für ben folgenden Tag, Sonnabend, den 23. 
Juni, war befohlen worden, daß wir unsere 
Protzen nach Hattan schicken sollten, ttut die volle 
kriegsmäßige Beladnitg an Munition in Empfang 
zu nehmen. 
Da Lieutenant B. sich erbot, diesen Dienst, der 
sonst Sache der Zugführer gewesen wäre, für die 
ganze Batterie zu besorgen, war ich abkömmlich 
und bat ttut die Erlaubniß, nach Frankfurt 
zti fahren, wo ich einige Eittkättse tnachett wollte, 
ein Ausflug, der dadurch ermöglicht wurde, daß 
das ttahe W i l h e l m s b a d eine Station der Eiseit-
	        

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