Full text: Hessenland (11.1897)

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von einem Erdbeben nämlich, das im Jahre 1767 
freilich nur in leichter Weise, die Stadt betroffen 
hat. Nachdem Merck zu unserer Genugthuung 
erklärt hat, daß Kassel „une des villes les plus 
belles et les plus remarquables de toute 
l'Allemagne“ sei, fährt er sort „11 y a deux 
jours jchas Datum ist Vom 16. April] qu' eile 
fut menacée du désastre de Lisbonne. Dans 
la nuit du dimanche au lundi il y eut un 
tremblement de terre très considérable ici. 
Les cloches sonnèrent, les portes du chateau 
s'ouvrirent et les fusils des soldats dans le 
corps de garde furent jetés d'un coin à l'autre. 
La moitié de la ville s'assembla sur la grande 
place ^offenbar dem FriedrcchsplatzP les sol 
dats quittèrent leurs postes de peur d'être 
écrasés sous les voûtes du rempart. Dans la 
ville neuve, où nous sommes logés, on ne 
sentit que de légères secousses, de ne m'aperçus 
de rien, mais le lendemain je tremblai pour 
tant pour mes jours.“ (Briefe aus dem Freundes 
kreise Von Goethe Herder Höpfner und 
Merck Leipzig 1847 S. 7.) Merck war auch 
noch später in Kassel und hat im „Deutschen 
Merkur" Von 1780 Briefe über die „Merk 
würdigkeiten" der Stadt Veröffentlicht. 
Deren gab es ja damals auch Viele. Ohne 
Zweifel hat unsere Residenz in den siebziger und 
achtziger Jahren des Vorigen Jahrhunderts den 
Gipfel ihres Glanzes und ihrer Schönheit erreicht 
sowie eine ungewöhnliche Anzahl bedeutender 
Persönlichkeiten aufzuweisen gehabt. Was Kassel 
dem liebenswürdigen und reichbegabten Landgrafen 
Friedrich II. zu danken hat ist wohl werth, 
als fortwirkendes Andenken in der schönen 
Naht'scheu Statue des Fürsten Verkörpert zu 
bleiben, wie denn auch selbst noch der jetzige 
Charakter der Stadt im Wesentlichen auf die 
Wirksamkeit Friedrich's II. zurückzuführen ist. 
Du Rh's Bauten, wahre Kunstwerke, zum Theil 
leider schon lange Vom Erdboden Verschwunden, 
der damals überall noch freiere Ausblick in die 
herrliche Umgebung, die Fülle von freundlichen 
Gärten ringsum die bunten, heiteren Trachten 
jener Zeit, Bilder wie sie uns noch die 
Tisch been'scheu Gemälde und Kupferstiche zu- 
rückrusen - alles wirkte zusammen zu eigen 
artiger, malerischer Schönheit. 
Freilich, was nun die dichterische Empfänglich 
keit der Kasseler für diese Herrlichkeiten anlangt 
und die einheimischen Dichter selbst, so ist weniger 
Prahlens davon zu machen. Unsere hessische 
Heimath ist nie sehr ergiebig an Poeten gewesen, 
und selbst die wenigen echten darunter hielten sich 
mehr, analog dem Charakter der heimischen Land- 
schast, in einer gewissen mittleren Höhe. Gleich 
den duftigen Linien unserer blauen Berge die 
wie Wellen weich in sich hineinfließen mehr 
lieblich und innig als großartig und gewaltig 
zeigen sich die wahrhaft poetischen Schöpfungen 
der Hessendichter, die alle mehr im Kleinen groß 
als im Großen kühn und epochemachend gewesen 
sind. Im Ganzen neigt die Eigenart unseres 
Bolksstammes mehr zu bedächtig nüchterner Auf 
fassung der Dinge als zu lebhafter Phantasie, 
und neben Treue uud Tapferkeit ist als dritte 
Haupteigeuschnft des Hessen sein praktischer, ge 
rader Verstand zu rühmen, daher wir auch mehr 
Gelehrte, namentlich Rechtsgelehrte als Dichter 
auszuweisen haben. 
'Im 'vorigen Jahrhundert aber sind die echten 
Poeten vollends bei uns ausgeblieben, so zahlreich 
auch gerade die sich so nannten, zu jener Zeit 
uns entgegentretcii. Doch alle diese Versemacher, 
der Nationaldichter Casp a rso n (den ursprünglich 
Gottsched zum Poeten vrdinirt hatte, und der 
anfangs auch gottschedlich wirkte), der biedere 
E n g e l s ch a l l (der Verfasser der weiland be 
kannten Räubergeschichte des Metzgers Schnell), 
der muntere Wildungen (dem übrigens manches 
hübsche Jagdgedicht und auch geistreiche Räthsel 
gelangen), der sonst so verdienstvolle Justi, ferner 
M ü n ch h a u s e n (der Freund Seume's). Esch 
struth (der Herausgeber eines „Hessischen 
Musenalmanachs") ja auch die Dichterin 
Philippine Engelhard, geb. Gatterer (eine 
liebenswerthe Frau nicht ohne Versifikations- 
talent, aber schließlich denn doch nur eine poetische 
Plaudertasche) — wer kennt sie alle jetzt noch, 
und wer möchte sie kennen> Und nun gar der 
Grenadier Dick (ein Naturdichter, den Casparson 
poetisch aufzupäppeln versuchte)' Ein berühmterer 
ehemaliger Grenadier der Vater Gleim, der 
1770 in Kassel weilte, hatte durch das Geschenk 
seiner Gedichte den braven Hans Tobias Dick zu 
den „geschmackvollen" Versen begeistert. 
„Dem Glücke dank' ich's großer Gleim, 
Daß Deiner Weisheit Honigseim 
Sich heute mir zu schmecken giebet" 
u. s. w. 
Gleim selbst hat später unser Druselathen durch 
einen Reim geehrt. Er schreibt in einer poetischen 
Epistel an die Dichterin Sophie Becker 
„C Freundinn, Freundinn, einen Arm 
So lang, wie der am Herkules bei Kassel, 
Gang macht die Sehnsucht) streck ich aus 
Dem Tage, der mich bringt in Göcking's neues Hans! 
Musik der Himmel ist mir jedes Rndgerassel. 
> lind Freude stampft mir jedes Nvß, 
Seit Baler Gleim die Fahrt zu Euch beschloß."
	        

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