Volltext: Hessenland (11.1897)

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diesmal ein besonderes Ausschreiben Glockengeläute 
am Vorabend und am Geburtstage selbst. Die 
Mitglieder der Behörden und des Raths mußten 
— unter Vorantritt der Gendarmen — in ge 
schlossenem Zuge zur Kirche gehen, wo ein feier 
liches Do ltouin stattzufinden hatte; Abends sollte 
sie ein Festessen vereinen, für die junge Bürger 
schaft Ball abgehalten werden. Dazu wie seither 
Speisung der Armen; ferner bei Eintritt der 
Dunkelheit Anbringung erleuchteter Inschristen 
und der Ruf „Es lebe der König". Ueber den 
Verlaus der Feier wurde ausführlicher Bericht 
verlangt. 
Der Gang der göttlichen Gerechtigkeit ließ 
sich jedoch durch dergleichen Mittel nicht mehr 
aufhalten. Im eisigen Norden war das Gebäude 
der Weltherrschaft Napoleon's bereits in's Wanken 
gekommen, bald brach es ganz zusammen. Mit 
Windeseile verbreitete sich die Kunde davon durch 
die deutschen Lande. Unfaßbar dünkte sie Anfangs 
den Bewohnern des Amtes. Als sie jedoch vom 
Februar 1813 ab Tag für Tag die kläglichen 
Trümmer der im Vorjahre so stolz und sieges 
gewiß ausgerückten Regimenter aus der Leipziger 
Straße heimwärts ziehen sahen, da schwanden die 
Zweifel. Neue Hoffnung kehrte in die Herzen ein. 
Dazwischen mischte sich freilich der Schmerz um 
die theuren Angehörigen, die den russischen 
Kugeln, der Külte ltnb dem Hunger zum Opfer 
gefallen waren. Allein aus Lichtenau kehrten 27 
kräftige Männer und Jünglinge nicht wieder. 
Eben dadurch stieg aber auch der Haß gegen die 
Fremdherrschaft. Mehr und mehr stießen die 
Anordnungen der Behörden aus Widerstand. Am 
18. April kam es in Lichtenau sogar zu ernsten 
Ereignissen. 
Rach dem Abzüge verschiedener westfälischer 
Trnppentheile (Kürassiere, Chevauxlegers und 
leichte Infanterie) verbreitete sich in der Stadt 
plötzlich die Nachricht von der Annäherung 
russischer und preußischer Schaaren. Sie wurde 
um so eher geglaubt, als gegen Mittag die Fahr 
zeuge der Morgens abgerückten Truppen — da 
runter zwei Kriegskassen — nach Lichtenau zurück 
kehrten ; ein dritter von Melsungen nach Eschwege 
bestinnnter Wagen mit der Kriegskasse des 1. west 
fälischen Husarenregiments ebenfalls hier Halt 
machte; außerdem noch Witzenhäuser Gendarmen 
das Gerücht ausdrücklich bestätigten. Als nun gar 
die Begleitmannschaft und die Fuhrleute zweier 
Gepäckwagen des 2. westfälischen Husarenregiments 
Abends gegen 8 Uhr dieselbe Kunde mitbrachten, 
da erreichte die Aufregung der Bürgerschaft den 
Höhepunkt. Im Nu waren die zwei Fahrzeuge 
umzingelt. Waffen, Ausrüstungsstücke u. dergl. 
wurden in Besitz genommen. Die Husaren ließen 
es geschehen. Mit Mühe rettete schließlich der 
Bürgermeister den Rest der Ladung. Auch gelang 
es ihm, die außerdem geplante Wegnahme der 
drei Kriegslasten*) zu hintertreiben. Die Bürger 
durchzogen darauf die Straßen, stürmten die 
Wache, befreiten einen dort befindlicher: bairischen 
Militärflüchtling und tobten die ganze Nacht 
hindurch, ohne jedoch weiteren Schaden anzu 
richten. 
Am nächsten Morgen erfolgte der Rück 
schlag. Die Hauptschuldigen waren bald ermittelt, 
drei von ihnen entflohen, sechs wurden verhaftet 
und nach Eschwege gebracht. Am 2. Mai trafen 
sie zu ihrer Aburtheilung hier ein, zugleich 
zwei Kompagnien der westfälischen Grenadiergarde. 
Es wurde nun ein Kriegsgericht eingesetzt, das 
am 4. gegen vier Bürger aus Todesstrafe, gegen 
zwei andere auf Gefängniß erkannte. An zweien 
der Hnuptanstifter wurde das Todesurtheil noch 
an demselben Tage, Mittags 12 Uhr, auf dem 
Kreuz rasen vollstreckt. 
Furcht und Schrecken unterdrückten jetzt weitere 
Widersetzlichkeiten. Ende Mai berichtete der Maire 
von Lichtenau, die Nachricht von dem Erfolge 
der französischen Waffen bei Lützen habe allgemeine 
Befriedigung hervorgerufen! Indessen mochte auch 
ein kurzer Besuch des Königs I 6 r 6 m e in der 
Gegend (Ende April) dazu beigetragen haben, 
die Hoffnungen auf eine baldige Wiederkehr des 
Kurfürsten herabzustimmen; nicht minder das 
Erscheinen geschloffener westfälischer Trnppentheile, 
die, mittlerweile neugeordnet, Ende April in der 
Richtung auf Eschwege, Anfangs Mai in der 
Richtung auf Kassel hier vorüberzogen. Den 
Sommer hindurch folgten jedoch wieder zahlreiche 
Schaaren Versprengter und Verwundeter der großen 
Armee, sowie von solchen, die aus russischer Kriegs 
gefangenschaft entflohen waren. 
*) Die zuerst eingetroffenen Kriegslasten wurden im 
Iunkerhos und im Renthofe untergebracht; die des 
1. Husarenregiments im „weißen Roß", wo auch die 
Fahrzeuge des 2. Hnsarenregiments Abends hielten. 
(Schluß folgt.)
	        

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