Full text: Hessenland (11.1897)

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nicht absehen ließ, wann wir wieder Gelegenheit 
haben würden, zusammenzukommen. Die Zeit 
für dieses Mittagsessen war auf 4 Uhr festgesetzt 
worden. 
Nachdem wir uns durch ein kaltes Bad nach 
dem heißen Marsche erquickt hatten, begaben 
wir uns in den Gasthof, und ich will einen 
kleinen Vorfall nicht unerwähnt lassen, der den 
Geist, welcher unsre Leute beseelte, recht hübsch 
beleuchtet. 
Während wir bei Tische saßen, that sich plötz 
lich die Thür auf und herein trat in vollem, 
aber sehr mitgenommenem Marschanzug ein 
Bombardier (ein jetzt ausgestorbener Grad, dem 
Hacklünder in seinem Roman „Der letzte Bom 
bardier" ein Denkmal gesetzt hat). In strammer 
Haltung ging er auf unsern Regimentskommandeur 
zu und sprach mit lauter Stimme: 
„Ein Bombardier und sechs Mann von 
P u l v e r m a g a z i n s w a ch e zurück!" 
Einen Augenblick saßen wir sprachlos, dann 
aber brach die ganze Tischgesellschaft in ein lautes 
Bravo! Hurra! aus, und der Bombardier mußte 
nun seine Schicksale erzählen. 
Er war am Sonnabend, 16. Juni, Vormittags 
auf Pulvermagazinswache gezogen. Durch die 
am Nachmittag dieses Tages und während des 
Sonntag-Morgens dort mit Munitionsverpacken 
beschäftigten Leute der Handwerkerkompagnie 
hatte er gehört, daß alles abmarschirt sei. Auf 
Ablösung hatte er deshalb nicht gerechnet, wohl 
aber auf den Befehl gehofft, mit dem letzten Zuge, 
der die Handwerkerkompagnie befördern sollte, 
uns zu folgen. Allein der Befehl kam nicht, 
und so war er denn auf seinem Posten geblieben. 
Verpflegt hatte er sich und seine Leute auf eigne 
Kosten durch Einkauf von Lebensmitteln im 
nahen Dorfe Wolfsanger. Als er am Nachmittage 
des 18. Juni, nachdem er also mehr als 48 Stunden 
auf Wache gewesen war, vom hochgelegenen 
Pulvermagazin den Anmarsch starker Kolonnen 
aus der Frankfurter Straße wahrnahm, was nur 
Preußen fein konnten, hatte er alles abgeschlossen, 
die Schlüssel an den Bürgermeister von Wolfsanger 
abgeliefert und sich mit seinen sechs Mann auf 
den Weg gemacht, uns zu folgen. Am gefährlich 
sten war es für den kleinen Trupp in der Nähe 
von Kassel. In demselben Augenblick nämlich, 
wo die Preußen durch's Frankfurter Thor in Kassel 
einzogen, hielt eine Patrouille hannöverscher 
Husaren vor dem Kriegsministerium in der 
Königsstraße. Sie hatte einen hannöverschen 
Generalsstabsoffizier begleitet, der bei unserem 
zurückgebliebenen Kriegsminister, General von 
Meyerfeld, Erkundigungen über die Marsch 
richtung der hessischen Truppen einzog. Als die 
Husaren die Trommeln der einrückenden Preußen 
hörten, jagten sie in gestreckter Karriere schräg 
über den Friedrichsplatz nach dem Steinweg. 
Die Spitze der Preußen erreichte im gleichen 
Augenblick den Friedrichsplatz, sodaß die Husaren 
nur etwa 100 Schritt vor dieser vorbeisprengen 
mußten. Nur mit genauer Noth und dank 
der Ähnlichkeit ihrer Uniformen mit der der 
preußischen Husaren entgingen sie der Gefangen 
nahme. Der bald in seiner wahren Bedeutung 
erkannte Vorfall aber war Veranlassung, daß 
noch an demselben Nachmittag starke Kavallerie 
patrouillen in der Richtung über Sanders 
hausen nach Münden und auf W i tz e n h a u s e n 
vorgeschoben wurden, und diese durchstreiften 
gerade die Gegend, die unsere Pulvermagazins 
wache zunächst durchwandern mußte. Sie hatte 
sich bei Sandershausen über die Fulda setzen 
lassen und war dann, ohne von den Preußen 
bemerkt zu werden, die Nacht hindurch auf Neben- 
und Waldwegen weitermarschirt. Bei Tage war 
es ihnen durch das patriotische Entgegenkommen 
der Einwohner der Dörfer, durch die sie kamen, 
gelungen, nicht nur Verpstegung, sondern auch 
einigemal Fahrgelegenheit zu erlangen, und so 
hatten sie uns bereits am Donnerstag, wenige 
Stunden nach unserem Einrücken in Gelnhausen, 
eingeholt. 
Natürlich sorgten wir dafür, daß die braven 
Leute zunächst ordentlich verpflegt wurden und 
dann gute Quartiere angewiesen erhielten. 
Die Hitze des Tages hatte sich gegen Abend 
bedeutend gemildert, sodaß das Wetter prachtvoll 
war und zum Aufenthalt im Freien einlud. Ein 
großer Theil von uns machte deshalb nach be 
endeter Mahlzeit einen Spaziergang nach der 
alten Kaiserpfalz, die wir unter Führung eines 
sachkundigen Herrn aus der Stadt eingehend be 
sichtigten. Dann begaben wir uns nach einem 
öffentlichen Garten vor dem Hanauer Thor, wo 
die Musik eines unserer Jnsanterieregimenter 
spielte und wo wir in brüderlicher Vereinigung 
mit den Einwohnern von Gelnhausen bei einem 
Glase sehr guten Bieres bis spül in die Nacht 
hinein saßen und plauderten. 
Der Marsch des folgenden Tages von Geln 
hausen nach Hanau betrug drei Meilen. Unsere 
Batterie sollte nach deur eine Meile nördlich von 
Hanau gelegenen Dorfe Mittelbuchen in's 
Quartier kommen. Wir waren wieder der Nach 
hut zugetheilt, und da wir der Hitze wegen sehr 
früh ausgerückt waren, war der Marsch in den 
frischen herrlichen Morgen hinaus ein wahres 
Vergnügen. Etwa eine Meile diesseits Hanau
	        

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