Full text: Hessenland (11.1897)

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Vor uns dehnte sich dns Wiesenthal aus, 
durch das sich in vielfach gewundenen! Laufe die 
Hanna hindurchschlüngelte. An einzelnen Stellen 
war das Gras schon geschnitten, und der würzige 
Duft des frischen Heues, der sich unter den all 
mählich stärker wirkenden Strahlen der Sonne 
entwickelte, stieg bis zu uns empor. Das Bild 
wurde belebt durch Gruppen von Landleuten, die, 
in Reihen geordnet, mähten. Dann und wann 
drang das scharfe, zischende Geräusch zu uns 
heraus, das durch das Streichen der Sense mit 
dem Wetzstein entsteht, oder das herausfordernde 
Krähen eines Hahnes im Dorfe oder die Melodie 
eines von den Mähern meist dreistimmig in 
hübscher Harmonie gesungenen Volksliedes. 
Am jenseitigen Rande des Wiesengrundes zog 
sich die Landstraße wie ein gelbes Band entlang, 
worauf Fußgänger und Fuhrwerke aller Art sich 
ungehindert nach beiden Richtungen bewegten. 
Alles das würde den Eindruck des tiefsten Frie 
dens gemacht haben, wenn nicht dann und wann 
ans der Landstraße ein Adjutant oder General 
stabsoffizier einhergesprengt oder am Fuße des 
Berges eine Jägerpatrouille aus dem Walde ge 
treten wäre, um das Thal zu durchschreiten und 
die Verbindung mit der Infanterie aufzusuchen 
— Vorkommnisse, die jedesmal die Mäher im 
Thale veranlaßten, die Arbeit einzustellen und 
den fremdartigen Erscheinungen nachzustarren, so 
lange sie ihren Augen sichtbar blieben. 
Wandte man den Blick rückwärts, so war es 
vorwiegend ein militärisches Bild, das die Augen 
fesselte. Auf dem früher erwähnten Plateau 
diesseits Hünfeld sahen wir nämlich, von der 
Sonne hell beschienen, das ganze Corps aus- 
marschirt. Veit Hilfe meines guten und handlichen 
Fernrohres, das ich trotz der Eile des Aufbruches 
nicht vergessen hatte, konnten wir die einzelnen 
Truppenteile unterscheiden. Wir entdeckten auch 
auf diese Weise nach einiger Zeit, daß die Ka 
vallerie eingetroffen war. Die Kürasse und Helme 
der Garde du Corps blitzte::, und die rothen 
Kolpacks aus den Pelzmützen der Husaren leuch 
teten hell zu uns herüber. 
Daß die Kavallerie an: Morgen des 18. bei 
Hünfeld stand, und zwar in einem Zustand, der 
es gestattete, sie zu Patrouillen zu verwenden 
und ihr noch an demselben Tage den Weiter 
marsch nach Fulda zuzumuthen, war eine an- 
erkennenswerthe Leistung. Das 1. Husarenregiment 
war an: Samstag, den 16., gegen 12 Uhr Mit 
tags von Hofgeismar abgerückt und stand nicht 
ganz 48 Stunden später in gefechtssähigem Zu 
stande 15 Meilen von seinem Garnisonsorte ent 
fernt, um an demselben Tage noch einen weiteren 
Marsch von 2 Meilen zu machen. Aehnliches 
hatten die beiden in Grebenstein, 2 */2 Meilen 
von Kassel, garnisonirenden Schwadronen des 2. 
Husarenregiments geleistet. Die Garde du Corps 
war in der Nacht von: 16. zun: 17. von Kassel 
bis in die Gegend von Alt- und Neunwrschen 
marschirt (5 Meilen), wo sie am 17. früh 
eingetroffen waren. Von hier war sie nach einigen 
Stunden der Ruhe wieder aufgebrochen und bis 
Hünfeld geritten (7 Meilen). 
Wie lange wir in der oben beschriebenen 
Stellung verblieben, ist mir nicht mehr erinnerlich, 
allein es war eine ziemlich beträchtliche Zeit ver 
flossen, als uns ein Generalftabsoffizier den 
Befehl brachte, an unsern alten Platz an der 
Straße zurückzukehren und dann mit den beiden 
Kompagnien des 1. Infanterieregiments, die mit 
uns in Rückers gelegen hatten, auf den: weiteren 
Marsche nach Fulda die Nachhut zu bilden. 
Die Batterie sollte in Kohlhas, einem kleinen, 
etwa eine halbe Stunde jenseits Fulda gelegenen 
Dorfe, Quartier beziehen. Das war freilich kein 
besonders erfreulicher Befehl, denn er eröffnete uns 
die Aussicht, vielleicht noch IT/2 bis 2 Stunden 
auf der Landstraße stehen zu bleiben und um so 
viel später in's Quartier zu kommen. Außerden: 
bietet die Zutheilung zur Vor- oder Nachhut für 
eine Batterie nmncherlei Vortheile. Man mar 
schirt allein, hat vor sich in der Regel nur eine 
kleine Abtheilung Infanterie, die wenigstens bei 
der Vorhut immer flott ausschreiten kann, sodaß 
man die in einer langen Kolonne unvermeidlichen 
und so ermüdenden häufigen Stockungen ver 
meidet. 
Wie wir später hörten, hatte General von 
Schenk gleich nach dem Eintreffen der Nachricht 
vom Vorgehen der Preußen gegen Fulda einen 
Generalstabsoffizier nebst einigen berittenen Unter 
offizieren der Artillerie (Kavallerie war noch 
nicht anwesend) vorausgeschickt, um festzustellen, 
ob die Nachricht begründet sei. Gegen 11 Uhr 
war von diesem eine Meldung eingegangen, daß 
dies wahrscheinlich nicht der Fall sei, woraus 
General von Schenk den Weitermarsch besohle:: 
hatte. 
Mittag war schon vorüber, als die endlose 
Kolonne an uns vorbei war und wir uns in 
Bewegung setzten. Der Marsch bot nichts Be 
merkenswerthes. Fulda ist von Hünfeld nur 
2 Meilen entfernt, sodaß wir von Rückers aus 
nur noch etwa 1*/a Meilen zurückzulegen hatten. 
Am Leipziger Hof — etwa 3 A Stunden dies 
seits Fulda — fanden wir ein Bataillon und 
zwei Geschütze der 2. sechspfündigen Batterie ans 
Vorposten.
	        

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