Full text: Hessenland (11.1897)

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Beginn des 14. Jahrhunderts. Man hat nun 
bisher angenommen, daß der Herzog vom Jahre 
1256 an im thatsächlichen Besitz gewesen sei, doch 
liegen im Gegentheil mehrfache Urkunden vor, 
welche gerade erweisen, daß Landgraf Heinrich 
die Herrenrechte andauernd ausgeübt und daß 
Braunschweig der Stadt sich erst im Todesjahre 
des Landgrafen Johannes (1311) bemächtigt hat, 
um es nicht in die Hände des Erzstifts Mainz 
bezw. des Landgrafen Otto gelangen zu lassen. 
Otto schickte sich sofort an, Stadt und Schloß 
mit Waffengewalt wieder dem hessischen Hause 
zurück zu gewinnen, doch war ein erster Angriff 
vergeblich, man mußte sich zu regelrechter Belagerung 
entschließen, die Graf Heinrich von Waldeck im 
Auftrag des Landgrafen leitete. Aus einer Urkunde 
des Jahres 1314 ergiebt sich dann, daß Gudens- 
berg wieder in landgräflichem Besitz war. Hieraus 
besprach Redner die andauernden Verwickelungen 
mit Mainz, den Spruch des Tages von Olmen 
(2. Januar 1325): die Prätensionen des Erzstifts 
erhellen zur Genüge, daß es von jeher den Bann 
mit der Grasengewalt, Gudensberg als Amtssitz 
den Landgrafen verliehen hatte und daß hierin 
die eigentliche Amtsgewalt derselben begründet 
war. Das „Gericht Maden", welches in der Folge 
gleichbedeutend mit „Hessen" austritt/unterschied 
sich nur dadurch vvn anderen Gerichten, daß hier 
ähnlich wie zu M i t t e l h a u s e n in Thüringen 
ein Landfriedensgericht gehegt wurde, welches die 
Landrichter (fuckiees provineialos) leiteten; als 
letztere werden die von Bischofshausen, 
Elben und die Gisonen von Gudensberg 
genannt. Nur dann lag ein Vorrang, welcher 
Maden vor anderen Gerichtsstätten auszeichnete. 
Nach eingehender Darstellung der kriegerischen 
Vorgänge um die Mitte des 14. Jahrhunderts, 
des Kampfes ander „Streithecke" bei Gudens 
berg (1350)./ kommt Redner sodann zu der Be 
lagerung der Stadt durch Adolf von Mainz und 
hebt hervor, daß die bekannten Worte Eckbert's 
von Grifte „Hebet Euch hinweg, gnädige Frau" 
U. s. w. recht wohl gefallen sein können, da Land 
gräfin Margarethe öfters ihre eigene Politik 
machte. Der Ursprung der Sage vom Kasseler 
Kreuz mag ebenfalls hier zu suchen sein. 
Die Stadt wird zuerst 1254 erwähnt, 1265 
besaß sie schon ein Schöffenkollegium, später zwei 
solcher, und zwar alternirender Körperschaften von 
je sechs Gliedern; die Bürgerschaft war behufs 
Vertheidigung der Mauern den einzelnen Thürmen 
zugetheilt. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts 
tritt^ die Neustadt, die Freiheit aüf, eine Gründung 
des Landgrafen aus herrschaftlichem Boden, welche 
neue Steuerquellen erschließen sollte, und durch 
die Einwohner von Langenvenne, Mittel 
venne und Karlskirchen besiedelt wurde. 
Das Schloß, die Oberburg (die Wenigen- 
burg lag seit 1387 in Trümmern) zeigt nach 
den Ansichten bei M e r i a n noch einen Hauptthurm 
und vier Gebäude und hatte in den ältesten Zeiten 
den Grafen, später den Bicegrafen als Wohnsitz 
gedient. Später hielten sich die Landgrafen gleich 
falls dort auf, so Landgraf Ludwig 1426 — 1427 
gelegentlich der Waldecker Fehde, bei Jagden im 
Langenberg, bei Schlichtung der großen Fehde 
zwischen den Hund, Hertingshausen, Elben 
und Dalwig u. s. w. Auch Wilhelm der 
Mittlere und Landgraf Philipp verweilten ge 
legentlich aus dem Schloß; Letzterer richtete von 
dort aus 1530 einen Brief dogmatischen Inhalts 
an Zwingli. Nachdem die Gebäude nur noch 
als Magazine benutzt wurden, nahm ihr Verfall 
schnell zu, kriegerische Ereignisse thaten das Uebrige 
(1640), doch konnten sich noch 1761 ein Häuslein 
Franzosen in den Trümmern mehrere Tage halten, 
bis sie durch eine heftige Beschießung von einem 
englischen Corps unter Lord Gramby zur Ueber- 
gabe genöthigt wurden. Im Jahre 1809 verkaufte 
die westfälische Regierung die letzten Reste für 
53 ('ä Thlr. auf Abbruch und seitdem stehen nur 
noch ein Thor und wenige Mauertrümmer ausrecht, 
alles Uebrige deckt hoher Schutt. — Lebhafter, an 
dauernder Beifall folgte den Ausführungen des 
Redners, dem man es anmerkte, daß er die Bau 
steine zu einer Geschichte seiner Heimathsstadt mit 
Lust und Liebe zusammengetragen hatte. Er ruhte 
nicht eher, als bis es seinem unermüdlichen Fleiß 
gelungen war, sie aneinanderzufügen und das Ge 
füge zu einem einheitlichen Ganzen auszugestalten. 
Nach Schluß des Vortrages begaben sich die 
Festtheilnehmer zum. Musikfrühschoppen nach der 
Wemgenburg und sodann zur Stadt zurück. Bei 
dem Festmahle sprachen h. A. nach dem durch Pr. 
Brunner ausgebrachten Kaisertvast Dr. Scherer, 
welcher auf die gastfreundliche Stadt Gu densberg 
trank, — Bürgermeister Kleim feierte den Verein, 
Superintendent Missemann den Vorsitzenden 
Dr. Brunner — Gutsbesitzer Nöll und Metro 
politan Braun Hof. Nach 6 Uhr fand ein herr 
lich verlaufenes Wäldsest im Lamsberg statt. 
Der letzte Tag brachte dm Ausflug nach Nieden 
stein, woselbst ' iin Rathhanssaal ein ' einfaches 
Mittagsessen eingenömmeü wurde. Auf der 
Ermetheiser Hute hielt darauf Baron Heß 
von Wichdorff, 'welcherMuf Einladünß des Vor 
standes eigens von Gotha gekommen war, einen 
werthvollen und mit großem Beifall aufgenommenen 
Vortrag über die Geschichte seines Geschlechts und 
die Burg Niedenstein. Leider schlug schon sehr
	        

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