Full text: Hessenland (11.1897)

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So stattete das berüchtigte „Fischercorps", 
die Freischaar des Obersten Fischer. Melsungen 
vom 19. bis 21. Oktober einen dreitägigen Besuch 
ab. Mit ihren seinen Spürnasen fanden die 
wilden Soldaten bald den Eingang zum Raths 
keller. Sie stürmten hinein und zogen sofort die 
Hähne aus den Wein- und Branntweinsässern. 
Einige ließen das geliebte Naß in Eimer laufen. 
Andere in irdene Krüge und kupferne Kannen,' 
weniger glückliche Eroberer verschmähten jede Ver 
mittlung und fingen den strömenden Wein nur 
mit den Gefäßen ans, die ihnen Mutter Natur 
auf die Lebensreise zum Greifen und Lecken mit 
gegeben hatte, und achteten nicht der weißen und 
rothen Bäche, die sich durch den Keller ergossen. 
Der Weinschenk Riem en schneider stieg mit 
dem zweiten Gemeindebürgermeister Jäger in die 
tobende Tiefe hinab, gebot Ruhe und versprach. 
Jedem ein Schlücklein abzuzapfen. Da kam er 
aber böse an. Manche von den Soldaten drohten 
mit Erschießen und Erstechen, und der Verwegensten 
einer zog das Seitengewehr und sprang so wüthend 
auf die beiden Spielverderber zu, daß sie den 
Rückzug in die Oberwelt für geboten erachteten. 
Die herbeigeholte französische Wache vertrieb dann 
die Unholde aus dem Keller. Allein die Stadt 
mußte für den Schaden auskommen, sie hatte viele 
verschwundene Gemäße zu ersetzen und 56 Thaler 
für den vertrunkenen und vergeudeten Wein zu 
bezahlen. 
Aehnliche Heldenthaten verrichteten die Franzosen 
in Kassel, wo sie das Zeughaus ausplünderten 
und selbst den 100 Centner schweren „großen 
Hund", ein riesiges Festungsgeschütz, nicht ver 
gaßen. 
Ernsthafter war es schon, wenn sie die Burg 
Spangenberg, die alte Heimstätte Otto des 
Schützen, besetzten. In dem Schlosse lagen nur 
42 hessische Invaliden, und da diese vergessen 
hatten, die Zugbrücke herabzulassen, konnten zwei 
französische Grenadierkompagnien leicht eindringen 
und sich ohne Blutvergießen des Platzes bemächtigen. 
Nicht viel größere Mühe machte den Franzosen 
die Einnahme von Rheinfels. 
Rheinfels, damals eine starke Festung, war 1245 
von dem Grasen Diether von Katzenellen 
bogen über St. Goar am Rheine erbaut und 
um die Mitte des 15. Jahrhunderts mit der 
Grafschaft Katzenellenbogen an Hessen gefallen. 
Die Kurfürsten von Mainz und Trier, die im 
siebenjährigen Kriege im Bunde mit Maria 
Theresia und den Franzosen standen, drangen leb 
haft auf die Eroberung von Rheinfels. Die Be 
satzung bildeten 600 Mann Landmiliz unter dein 
Obersten Fr eh Wald. Gegenüber, auf dem rechten 
Rheinufer, hielt der Hauptmann Deterlein mit 
40 Soldaten die Burg Katz über St. Goars- 
h a u s e n besetzt. So war es für die beiden Offi 
ziere ein Leichtes, die Rheinschifffahrt zu sperren 
und den Verkehr des Prinzen Soubise mit der 
französischen Nordarmee unter Contades, die für 
die kalte Jahreszeit ihre Stellung von Koblenz 
aus stromabwärts bezogen hatte, völlig zu ver 
eiteln. Darum gab beim Marsche in die Winter 
quartiere der Prinz Soubise in Gießen dem 
Generallientenant Castries den Befehl, mit den 
Regimentern St. Germain und la Ferrvnaye die 
beiden Burgen zu überrumpeln. 
Castries erschien am 1. Dezember 1758, Morgens 
zwischen 4 und 5 Uhr, also noch in der vollen 
Finsterniß der Winternacht, vor St. Goar. Die 
Thorwache in der Stadt war — unglaublich für 
Kriegszeiten und für die Stellung zwischen zwei 
feindlichen Heeren — nicht mit scharfen Patronen 
versehen. So konnten die Franzosen ungehindert 
die Mauern erklettern. Die Besatzung, die nur 
aus 50 Mann bestand, zog sich kampflos zurück. 
Ehe sie aber die steile Höhe nach dem Rheinfels 
ersteigen konnte, kamen Feinde auch von der 
anderen Seite und nöthigten sie die Waffen zu 
strecken. Von der größten Wichtigkeit war es für 
die Franzosen, daß bis zu diesem Augenblick nicht 
ein einziger Schuß gefallen war, der die Hessen 
aus dem Rheinfels hätte warnen können. Nun 
wurden alle Zugänge zu der Feste Rheinfels be 
setzt und der Oberst Freywald zur Uebergabe 
aufgefordert. Die Festungswerke waren im 
schlechtesten Zustande, ein Widerstand daher wenig 
aussichtsreich : auch fehlte es zur Bedienung der 
72 Kanonen und 65 Mörser an ausgebildeten 
Artilleristen. So gab Freywald die Festung mit 
ihrer Besatzung und sämmtlichen Vvrräthen und 
Kriegsgeräthen in französische Hände. Der Oberst 
wollte zugleich für die Burg Katz mit kapituliren, 
allein der Marquis von Castries, der diese kleine 
Feste jetzt für ganz unhaltbar erachtete, lehnte eine 
solche Ausdehnung der Kapitulation ab. Wie irrte 
er sich aber in dem Hauptmann Deterlein! Der 
Brave verweigerte die Uebergabe auf Grund jener 
Kapitulation und erklärte die Befehle des ge 
fangenen Obersten Freywald für ungültig. Drei 
Tage lang vertheidigte er sich gegen die Angriffe 
der erzürnten französischen Regimenter. Erst als 
seine Soldaten all ihr Pulver verschossen hatten, 
verließ er mit ihnen die Burg Katz und entkam 
unter dem Schutze der Nacht. 
Beide Festen, Rheinfels und Katz, sind später 
von den Franzosen in den jetzigen romantisch zer 
fallenen Zustand versetzt. Die Katz, eigentlich
	        

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