Full text: Hessenland (11.1897)

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Aus after un6 neuer Beit. 
Wandernde Schauspieler aus Hessen inr 
17. Jahrhundert. Allgemein bekannt ist, daß 
unser gelehrter Landgraf Moritz neben dem 
Herzog Heinrich Julius non Brannschweig- 
Wolfenbüttel der erste deutsche Fürst war, deL 
sich die Pflege der Schauspielkunst auf's Eifrigste' 
hat angelegen sein lassen. Schon bald nach seinem 
Regierungsantritt (1592) bereitete er den damals 
über Dänemark und die Niederlande nach Deutschland 
wandernden englischen Berussschauspielern eine Heim 
stätte in seiner Residenz. Er begründete hier das 
erste stehende Hostheater „nach römischer Art", das 
nach seinem ältesten Sohne benannte Ottoneum 
— es stand an der Stelle des späteren Kunst 
hauses, jetzigen Naturalienmuseums —, 
auf dem zweifellos auch schon ShakespeareJche 
Stücke zur Darstellung gelangten. Moritz hat sich, 
wie auch Heinrich Julius von Braunschweig, selbst 
in Dramen versucht; leider ist uns nichts davon 
erhalten. Hatten anfangs englische Komödianten 
in englischer Sprache agirt, so vermochte doch 
bald das erwachende Vergnügen am Komödienspielen 
auch Deutsche, sich der Schauspielkunst zu widmen 
und auf Darstellungen in deutscher Sprache hinzu 
wirken. Auch beschränkte sich das Interesse an 
der tragischen Kunst nicht bloß auf die Hauptstadt 
des Hessenlandes. Landgraf Moritz selbst hat- 
wiederholt seinen Hofschauspielern Erlaubniß ge 
geben, sich in anderen Städten hören zu lassen. 
Eine derartige Kunstreise der hessischen Schauspieler- 
nnd Ballettruppe erstreckte sich schon 1612 bis 
nach Nürnberg, wo man in deutscher Sprache 
„etliche unbekannte Tragödien und Comödien", 
auch „welsche Tänze mit allerlei wunderlichen 
Verdrehungen" und mit Springen ausführte. 
(Rud. Genöe, Lehr- und Wanderjahre des deutschen 
Schauspiels. Berlin 1882. S. 258 s.) Gewiß' 
ist, daß die technische und berufsmäßige Aus 
bildung der Schauspielkunst und der dramatische 
Kunsttricb bald solche Fortschritte machten, daß, 
als die englischen Komödianten durch den dreißig 
jährigen Krieg aus Deutschland verscheucht wurden, 
rein deutsche Truppen in der Lage waren, ihre 
englischen Lehrmeister abzulösen. So berichtet 
Jakob Büchtold in seiner trefflichen Geschichte 
der deutschen Literatur in der Schweiz (Frauenseld 
1892) S. 896, nach Streit, Geschichte des 
bernerischen Bühnenwesens I, S. 152, daß 1651 
die Gesellschaft des Johann Faßhauer aus 
Hessen-Kassel (die Familie blüht bekanntlich heute 
noch) die Erlaubniß erhielt, sich in Bern in 
biblischen Historien hören lassen zu dürfen. Doch 
stellte der Rath die Bedingung, daß die Truppe 
„sich des nächtlichen Spielens müßige und nicht 
mehr als einen Batzen nehme". 
vr. tz. Kel'dmann. 
Eine Theuerung in Kassel vor 80 Jahren. 
Die Witterung des abgelaufenen Jahres 1896 
war für den hessischen Landmann nicht günstig. 
Häufige und anhaltende Regengüsse während der 
Zeit der Heu- und Getreideernte haben vielen 
Schaden gebracht. Doch sind die übelen Folgen 
des ungünstigen Wetters bei Weitem nicht so 
bedeutend, als diejenigen, welche gerade 80 Jahre 
früher das Jahr 1816 brachte. In letzterem 
Jahre verdarb infolge des unaufhörlichen Regens 
die Ernte in Hessen fast vollständig. Die Lebens 
mittelpreise stiegen deshalb sehr erheblich und 
kamen erst nach dem günstigen Ausfall der Ernte 
im Jahre 1817 auf den früheren Stand zurück. 
Wir geben im Nachfolgenden eine Schilderung 
der Theuerung und des im Herbste 1817 in Kassel 
gefeierten Erntefestes nach der gleichzeitigen Auf 
zeichnung des Kasseler Bürgers und Tuchmacher 
meisters Johann Christoph Wo ring er. 
„Dieses Jahr 1816 — heißt es da — war 
im Ansang sehr kalt; im Frühjahr gab's viel 
Regen und sehr große Wasser. Dieses verursachte, 
daß nichts ausgesäet werden konnte und, was 
ausgesäet war, von dem Ungeziefer weggefressen 
wurde. Darauf folgte Theurung; die Metze Kartoffeln 
kostete 5 Albus 4' Pf.*) 3 Pfund 16 Loth Brod 
gab^s für 4 Albus. Kälte und Regen folgten 
beständig. Die Heu-Ernte war 3 Wochen später 
als sonsten und dabei haben die Menschen das 
Heu bis an die Waden tief aus dem Wasser 
getragen und aus hohen Plätzen getrocknet; vieles 
ist gänzlich verschlämmt und war nicht zu gebrauchen. 
Die Kornernte war ebenso, und man mußte das 
Korn halb trocken nach Hause bringen. Die 
Kartoffeln haben viele Leute nicht ausmachen können 
wegen der Nässe; viele Leute haben wenig und 
viele gar keine bekommen. Die Gerste kam so 
ziemlich nach Hause; der Hafer, der Samen und 
das Kraut sind 3 Wochen vor Christtage noch 
auf den Feldern gewesen; das Kraut war erfroren. 
Um Martini war die Fulde schon zugefroren, aber 
sie blieb nicht lang zu. Regen und Frost wechselten 
immer mit einander ab, und die Theuerung blieb 
bis Ende 1816 und dauerte auch am Anfang des 
folgenden Jahres fort. 
Vom 10. Juni 1816 bis den 9. November 
hatten wir mehr Regen als Sonnenschein, vom 
*) 1 Thaler = 32 Albus ü, 12 Heller.
	        

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